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Vibe Coding: Wort des Jahres, dann zurückgezogen

Der Begriff wurde zum Wort des Jahres gekürt. Ein Jahr später zog sein Erfinder ihn selbst zurück.

Vibe Coding heißt: Software entsteht durch natürlichsprachliche Anweisungen an ein KI-Werkzeug, ohne dass jemand den erzeugten Code liest oder versteht. Der Begriff wurde im Februar 2025 geprägt, zum Wort des Jahres gekürt, und ein Jahr später von seinem eigenen Erfinder für professionelle Anwendungen wieder verworfen. Wer heute als Unternehmen über den Einsatz nachdenkt, sollte beide Hälften dieser Geschichte kennen, nicht nur die erste.

Ein Tweet, der 4,5 Millionen Menschen erreichte

Am 2. Februar 2025 beschrieb Andrej Karpathy, Mitgründer von OpenAI und ehemaliger KI-Leiter bei Tesla, auf X seine neue Arbeitsweise: „Es gibt eine neue Art des Programmierens, die ich ‚Vibe Coding‘ nenne, bei der man sich voll und ganz den Vibes hingibt und vergisst, dass der Code überhaupt existiert.“ Er sprach seine Anweisungen per Spracherkennung, akzeptierte jede von der KI vorgeschlagene Änderung ohne sie zu lesen, und fügte Fehlermeldungen kommentarlos wieder ein, bis der Code funktionierte.

Der Post erreichte 4,5 Millionen Aufrufe. Innerhalb von Wochen berichteten die New York Times, The Guardian und Ars Technica. Merriam-Webster nahm den Begriff im März 2025 als Trendwort auf, das Collins English Dictionary kürte ihn im November 2025 zum Wort des Jahres.

Wie schnell aus einem Tweet ein Markt wurde

Was wie eine persönliche Anekdote begann, war binnen Wochen ein messbarer Trend. Eine TechCrunch-Erhebung bei Y Combinator fand im März 2025: Ein Viertel der Start-ups im damaligen Kohort hatte Codebasen, die fast vollständig aus KI-generiertem Code bestanden. Karpathy selbst berichtete im April 2025, er setze Vibe Coding inzwischen auch für professionelle Projekte ein und habe damit eine vollständige iOS-App gebaut.

Werkzeuge wie Cursor, Windsurf, Bolt, Lovable, v0 und Replit Agent positionierten sich innerhalb weniger Monate explizit im entstehenden Markt. Gartner schätzte dessen Volumen 2026 auf 4,7 Milliarden US-Dollar, bei 85 Prozent Wachstum gegenüber dem Vorjahr.

Zahlen im Überblick

4,5 Mio. Aufrufe des Ursprungs-Tweets · 25 % der YC-Start-ups (März 2025) mit fast vollständig KI-generierter Codebasis · 4,7 Mrd. USD geschätztes Marktvolumen 2026 · 85 % Jahreswachstum

Der Fall, der die Risikoseite sichtbar machte

Im März 2026 wurde bei der No-Code-Plattform Lovable eine Autorisierungslücke entdeckt, die 48 Tage lang ungepatcht blieb. Sie erlaubte es, mit nur fünf API-Aufrufen Quellcode und Datenbank-Zugangsdaten fremder Projekte auszulesen. Betroffen waren unter anderem mit Nvidia, Microsoft, Uber und Spotify verknüpfte Konten sowie, in einem gesonderten Vorfall im Februar 2026, 18.697 Nutzer-Datensätze, darunter über 4.500 Studierenden-Konten zweier US-Universitäten.

Der Fall ist deshalb aufschlussreich, weil er nicht die Ausnahme, sondern die Konsequenz der Methode ist. Code, den niemand liest, kann eine Sicherheitslücke enthalten, ohne dass sie jemandem auffällt, bis sie ausgenutzt wird. Genau das ist der meistdiskutierte Kritikpunkt an der Praxis, und Lovable lieferte dafür den konkreten Beleg, nicht nur die Theorie.

Der Erfinder korrigiert sich selbst

Am 10. Februar 2026, fast auf den Tag genau ein Jahr nach seinem ursprünglichen Post, meldete sich Karpathy erneut zu Wort. Er bezeichnete seinen eigenen Tweet als „shower of thoughts throwaway“, einen ungeplanten Wurf, der zufällig einen Namen für etwas traf, das viele gleichzeitig fühlten. Für professionelle Softwareentwicklung schlug er einen neuen Begriff vor: Agentic Engineering, eine Praxis mit „mehr Aufsicht und Prüfung“, die den Hebel agentischer Werkzeuge nutzt, ohne bei der Qualität Kompromisse einzugehen.

Die Botschaft dahinter ist unmissverständlich: Vibe Coding im ursprünglichen Sinn taugt für Prototypen und Experimente. Für Software, die ein Unternehmen tatsächlich verantwortet, nicht.

Diese Selbstkorrektur ist selten. Wer einen Begriff prägt, der zum Wort des Jahres wird, hat wenig zu gewinnen, wenn er ihn ein Jahr später öffentlich zurücknimmt. Dass Karpathy es trotzdem tat, ist selbst ein Datenpunkt.

Drei Varianten, ein Begriff

In der Praxis hat sich Vibe Coding in unterschiedliche Ausprägungen aufgespalten, die in Diskussionen oft unterschiedslos verwendet werden:

Variante
Kontrolle über den Code
Typisches Einsatzfeld
Karpathy-Canon (Original)
Keine, kein Lesen, keine Prüfung
Persönliche Projekte, Prototypen
Aufgeweitete Definition
Variabel, teils mit Review
Start-ups, schnelle Produktentwicklung
Agentic Engineering (Karpathys Revision)
Hoch, Aufsicht und Qualitätssicherung eingebaut
Professionelle, verantwortete Software

Wer intern über „Vibe Coding“ spricht, sollte zuerst klären, welche dieser drei Spalten gemeint ist. Die Risikoeinschätzung unterscheidet sich zwischen ihnen fundamental, auch wenn der Name gleich bleibt.

Was das für Unternehmen bedeutet

Für ein Unternehmen, das über den Einsatz KI-gestützter Coding-Werkzeuge nachdenkt, folgt daraus eine einfache Faustregel: Die Frage ist nicht, ob Vibe Coding funktioniert. Es funktioniert, messbar, in einem Markt von mehreren Milliarden Dollar. Die Frage ist, für welche Klasse von Software es infrage kommt.

Für interne Prototypen, Wegwerf-Skripte und Machbarkeitsnachweise ist die Karpathy-Canon-Variante genau das, wofür sie entwickelt wurde: schnell, günstig, ohne Anspruch auf Dauerhaftigkeit. Für alles, was Kundendaten verarbeitet, Zugangsdaten verwaltet oder produktiv im Einsatz bleibt, zieht selbst der Begriffserfinder die Grenze inzwischen woanders. Er nennt es heute Agentic Engineering, nicht mehr Vibe Coding.

Quellen: der Eintrag Vibe Coding im KI: Lexikon der schönen neuen Welt (urworte.de), dort mit vollständigem Quellenverzeichnis.

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