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Wer hat die künstliche Intelligenz erfunden?

Wer diese Frage googelt, bekommt meistens eine von zwei Antworten. Beide treffen die eigentliche Geschichte nur halb.

Es gibt keinen einzelnen Erfinder der künstlichen Intelligenz. Es gibt einen Sommer, einen Förderantrag und einen Mann, der sich mit einem gut gewählten Wort einen Platz in der Wissenschaftsgeschichte sicherte, ohne dabei auch nur ein einziges lauffähiges KI-System gebaut zu haben.

Im Juni 1956 trafen sich in einem Universitätsgebäude in Hanover, New Hampshire, ein paar Mathematiker und Ingenieure, um eine Frage zu klären, die zu diesem Zeitpunkt noch keinen richtigen Namen hatte. Acht Wochen lang kamen und gingen sie, mal einzeln, mal in kleinen Grüppchen, nie alle gleichzeitig. Ein gemeinsames Ergebnis kam dabei nicht heraus. Und trotzdem gilt genau dieser chaotische Sommer heute als die Geburtsstunde eines der folgenreichsten Forschungsfelder der Wissenschaftsgeschichte: der künstlichen Intelligenz.

Die Geschichte dieses Sommers ist auch die Geschichte eines Mannes, der genau das schaffte, was heute jede Fachdiskussion prägt: Er brauchte keine funktionierende Maschine, um Geschichte zu schreiben. Er brauchte nur den richtigen Namen zum richtigen Zeitpunkt. Sein Name: John McCarthy.

Der Vater, den es so nicht gibt

Wer nach dem „Vater der KI“ sucht, landet je nach Quelle bei unterschiedlichen Männern. Manche nennen Alan Turing, weil er 1950 in seinem berühmten Aufsatz die Frage aufwarf, ob Maschinen denken können, und dafür mit dem Turing-Test ein bis heute zitiertes Gedankenexperiment lieferte. Andere nennen McCarthy, weil er dem Feld sechs Jahre später seinen Namen gab. Wieder andere nennen Marvin Minsky, Allen Newell oder Herbert Simon, die an der eigentlichen technischen Basis mitbauten.

Die ehrlichste Antwort ist unbequemer: Es gibt keinen Vater der KI, weil es sich nicht um eine einzelne Erfindung handelt, sondern um eine über Jahre gewachsene Konvergenz aus Mathematik, Logik und Informatik, die sich erst rückwirkend zu einer Erzählung mit Heldenfigur verdichtet hat. Turing legte die theoretische Grundlage. McCarthy gab dem entstehenden Feld einen Namen und ein institutionelles Zuhause. Newell und Simon lieferten das erste funktionierende Programm. Keiner von ihnen hat „die KI erfunden“, jeder von ihnen war an einem Knotenpunkt beteiligt, der im Rückblick wichtiger aussieht, als er sich damals angefühlt haben dürfte.

Merksatz

Er benannte das Kind. Erzogen hat es am Ende jemand anderes.

Ein Antrag, ein Wort, eine Abgrenzung

Im August 1955, ein knappes Jahr vor dem eigentlichen Treffen, saß McCarthy mit drei Kollegen an einem Förderantrag für die Rockefeller Foundation. Marvin Minsky, Nathaniel Rochester, Claude Shannon und er wollten Geld für einen Sommerworkshop, bei dem sich ausgewählte Forscher der Frage widmen sollten, ob sich Denken so präzise beschreiben lässt, dass eine Maschine es nachahmen kann.

Für diese Frage gab es damals bereits ein Wort: Kybernetik. Norbert Wiener hatte den Begriff Jahre zuvor geprägt, und er stand für ein florierendes, gut vernetztes Forschungsfeld mit eigenen Konferenzen und eigenem Renommee. McCarthy wollte trotzdem einen eigenen Namen. Nicht aus Eitelkeit, sondern aus Kalkül: Er wollte sein Forschungsprogramm bewusst von Wieners Ansatz absetzen, der sich stark auf Regelkreise, Signale und biologische Analogien stützte. McCarthy dachte in Symbolen, Logik, formalen Regeln. Also erfand er einen neuen Namen für eine neue Denkschule: Artificial Intelligence.

Ein Wort, hingeschrieben in einem Förderantrag, weil ein Nachwuchswissenschaftler sich von der Konkurrenz abgrenzen wollte. Siebzig Jahre später ist es der Name eines Feldes, das über Wahlkämpfe, Kriege und Wertschöpfungsketten mitentscheidet, und der Name, unter dem heute jedes KI-System vermarktet wird, vom Chatbot bis zur Bilderkennung in der Kamera-App.

Das Geld, das nicht reichte

Die Rockefeller Foundation bewilligte am Ende 7.500 Dollar, deutlich weniger als die beantragten 13.500. Das klingt nach einer Fußnote, hatte aber Folgen: Kaum einer der eingeladenen Forscher konnte sich leisten, die vollen acht Wochen vor Ort zu bleiben. Von den ursprünglich rund einem Dutzend Eingeladenen hielten am Ende nur drei bis zum Schluss durch.

Wer sich die Dartmouth-Konferenz als geschlossene Klausurtagung vorstellt, an der eine Handvoll Genies gemeinsam die Grundlagen der KI aus der Taufe hoben, liegt falsch. Es war eher ein loses Kommen und Gehen, mal drei, mal acht Leute im Raum, ohne gemeinsames Forschungsprogramm, ohne abgestimmte Theorie. Die Teilnehmenden verfolgten größtenteils eigene, teils konkurrierende Ansätze weiter, die sie auch ohne diesen Sommer verfolgt hätten.

Ein einziges fertiges Ergebnis wurde während der Konferenz überhaupt vorgestellt: der Logic Theorist von Allen Newell und Herbert Simon, ein Programm, das mathematische Beweise aus den Principia Mathematica automatisch herleiten konnte. Viele Historiker bezeichnen es als das erste echte KI-Programm der Geschichte. Alles andere blieb Gespräch, Skizze, Absichtserklärung.

Warum der Mythos trotzdem trägt

Wissenschaftshistoriker weisen deshalb regelmäßig darauf hin, dass die Dartmouth-Konferenz weit weniger produktiv war, als ihr Ruf vermuten lässt. Die Vorgeschichte der KI-Forschung reicht ohnehin weiter zurück, bis zu Alan Turings Überlegungen in seinem Aufsatz Computing Machinery and Intelligence aus dem Jahr 1950. Als singuläres Gründungsereignis taugt der Sommer 1956 also nur bedingt.

Und doch hat sich genau diese Erzählung durchgesetzt, aus einem einfachen Grund: Hier bekam das Feld seinen Namen, und hier kamen die Menschen zusammen, die es die nächsten dreißig Jahre prägen sollten. McCarthy gründete 1963 das Stanford Artificial Intelligence Laboratory. Er und Minsky bauten am MIT die Forschungsgruppe auf, aus der später das MIT AI Lab hervorging. Der Sommer, der kein gemeinsames Ergebnis brachte, brachte etwas Wichtigeres hervor: ein Netzwerk und eine gemeinsame Grundüberzeugung, dass sich Intelligenz grundsätzlich formalisieren lässt.

Diese Grundüberzeugung trug drei Jahrzehnte lang. Sie trug die symbolische KI durch ihre produktivsten Jahre: LISP als gemeinsames Werkzeug, Expertensysteme in der Industrie, formale Logik als Königsweg zum maschinellen Denken. Sie trug auch durch ihre Krise. Als sich in den 1970er Jahren zeigte, wie viel schwieriger Alltagsverstand zu formalisieren ist als gedacht, folgte der erste AI Winter, und die Grenzen der Dartmouth-Grundannahme wurden schmerzhaft sichtbar. Förderprogramme wurden gestrichen, ganze Labore mussten schließen, und die stolze Prognose, menschliches Denken sei in wenigen Jahrzehnten maschinell nachbaubar, erwies sich als deutlich verfrüht.

Der zweite Weg, den McCarthy nie ging

Was in dieser Geschichte oft untergeht: Die symbolische KI, für die McCarthy zeitlebens stand, ist nicht der Weg, auf dem die heutige KI-Welle fährt. Parallel zu Logik und Regelsystemen entwickelte sich seit den 1950er Jahren ein zweiter Strang, der Intelligenz nicht durch explizite Regeln, sondern durch lernende Netzwerke aus einfachen Recheneinheiten nachbilden wollte: der Konnektionismus. Jahrzehntelang blieb er im Schatten der symbolischen KI, wurde milde belächelt und litt selbst besonders stark unter dem AI Winter.

Erst mit wachsender Rechenleistung und riesigen Datenmengen setzte sich ab den 2010er Jahren durch, was heute als Deep Learning bekannt ist: mehrschichtige neuronale Netze, die Muster direkt aus Daten lernen, statt sie von Menschen vorformuliert zu bekommen. Genau dieser Ansatz treibt die KI-Systeme an, die heute Schlagzeilen machen, von Bilderkennung bis zu Sprachmodellen wie ChatGPT. Das Feld, dem McCarthy seinen Namen gab, denkt heute in Mustern, die er selbst nie akzeptiert hätte. Er benannte das Kind. Erzogen hat es am Ende jemand anderes.

Der Mann hinter dem Wort

McCarthy selbst blieb seiner Idee treu, bis er 2011 starb. Während sich die KI-Forschung um ihn herum in Richtung Statistik, Konnektionismus und schließlich neuronaler Netze verschob, hielt er an formaler Logik als Grundlage von Intelligenz fest. Kritiker wie der Robotiker Rodney Brooks, bei dem McCarthy Jahre zuvor selbst als Doktorvater fungiert hatte, argumentierten, verkörperte, sensomotorisch verankerte Intelligenz lasse sich mit reiner Symbolverarbeitung gar nicht erklären. McCarthy verteidigte seine Position bis zum Schluss und blieb überzeugt, dass formale Repräsentation langfristig unverzichtbar bleibe.

Für sein Lebenswerk erhielt er 1971 den Turing Award, die höchste Auszeichnung der Informatik, benannt nach eben jenem Alan Turing, dessen Fragestellung er sechs Jahre nach dessen Aufsatz einen Namen gab. Ein kleiner geschichtlicher Kreis, der sich schließt: Der Mann, der die Frage stellte, und der Mann, der ihr einen Namen gab, sind bis heute über eine gemeinsame Auszeichnung verbunden.

Auch politisch war McCarthy kein Mann der Mitte. Aufgewachsen in einem kommunistisch geprägten Elternhaus, wurde er nach einem Besuch der Tschechoslowakei kurz nach der sowjetischen Invasion von 1968 zum konservativen Republikaner und blieb Zeit seines Lebens ein unerschütterlicher Techno-Optimist. Auf einer eigenen Website vertrat er die Position, menschlicher Fortschritt sei nicht nur wünschenswert, sondern auch langfristig nachhaltig, gegen den Zeitgeist vieler seiner Kolleginnen und Kollegen.

Cheat Sheet: Wer gilt wofür als „Vater der KI“?

Person
Jahr
Beitrag
Alan Turing
1950
Stellte die Frage, ob Maschinen denken können; lieferte den Turing-Test
John McCarthy
1955/56
Prägte den Namen „Artificial Intelligence“, organisierte Dartmouth, gründete SAIL
Newell & Simon
1956
Bauten mit dem Logic Theorist das erste funktionierende KI-Programm

Keiner von ihnen war der alleinige Erfinder. Jeder besetzte einen Knotenpunkt.

Was von diesem Sommer bleibt

Wer heute über die „Geburtsstunde der KI“ spricht, spricht über acht chaotische Sommerwochen mit wechselnder Besetzung, mageren 7.500 Dollar und einem einzigen fertigen Ergebnis, dem Logic Theorist. Was blieb, war kein Durchbruch. Es war ein Name.

McCarthy schrieb ihn an einem Nachmittag im August 1955 in einen Förderantrag, um sich von Norbert Wieners Kybernetik abzugrenzen. Heute steht er auf jeder Produktseite, in jeder Regulierungsdebatte, in jedem Prompt an ChatGPT: Artificial Intelligence. Ein Mann, der selbst nie ein lauffähiges KI-System gebaut hat, gab einem ganzen Jahrhundert sein Vokabular.

Quellen: die Einträge Dartmouth-Konferenz und John McCarthy in KI: Lexikon der schönen neuen Welt (urworte.de), dort mit vollständigem Quellenverzeichnis.

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