Die Dartmouth-Konferenz – offiziell Dartmouth Summer Research Project on Artificial Intelligence – war ein achtwöchiger Forschungsworkshop im Sommer 1956 am Dartmouth College in Hanover, New Hampshire. Sie gilt als Gründungsereignis der künstlichen Intelligenz als eigenständiges Forschungsfeld und als Ursprung des Begriffs Artificial Intelligence selbst.
Zusammenfassung
Am 31. August 1955 reichten John McCarthy (Dartmouth College), Marvin Minsky (Harvard), Nathaniel Rochester (IBM) und Claude Shannon (Bell Labs) bei der Rockefeller Foundation einen Förderantrag für einen zweimonatigen Sommerworkshop ein. Der Antrag formulierte die programmatische Kernannahme des gesamten Feldes: „dass jeder Aspekt des Lernens oder jedes andere Merkmal von Intelligenz so präzise beschrieben werden kann, dass eine Maschine ihn simulieren kann”. Für den Antrag wählte McCarthy bewusst den Namen Artificial Intelligence – auch, um sich von Norbert Wieners bereits etabliertem Begriff der Kybernetik abzugrenzen.
Der eigentliche Workshop fand vom 18. Juni bis 17. August 1956 statt. Die Rockefeller Foundation hatte 7.500 US-Dollar bewilligt – deutlich weniger als die beantragten 13.500 Dollar, was die Teilnahme über die volle Dauer für die meisten Beteiligten finanziell erschwerte. Entsprechend war die Konferenz kein durchgehendes, kollektives Ereignis, sondern eine lose Folge wechselnder Teilnehmer:innen, die einzeln oder in kleinen Gruppen für unterschiedlich lange Zeiträume anwesend waren.
Teilnehmer und Ablauf
Neben den vier Organisatoren nahmen über den Sommer verteilt unter anderem Allen Newell, Herbert A. Simon, Ray Solomonoff, Arthur Samuel, Oliver Selfridge und Trenchard More teil. Newell und Simon präsentierten den Logic Theorist, ein Programm, das mathematische Beweise aus den Principia Mathematica von Russell und Whitehead automatisch führen konnte. Er gilt nach verbreiteter Einschätzung als erstes eigentliches KI-Programm und war der einzige konkrete Forschungsbeitrag, der während der Konferenz selbst vorgestellt wurde.
Ein einheitliches Forschungsprogramm oder gar eine gemeinsame Theorie brachte der Workshop nicht hervor; die Teilnehmenden verfolgten größtenteils unterschiedliche, teils konkurrierende Ansätze weiter. Der eigentliche Ertrag lag anderswo: in der Namensgebung des Feldes, im Zusammenbringen der Forscher:innen, die die kommenden Jahrzehnte prägen sollten, und in der gemeinsamen, wenn auch unbewiesenen Grundüberzeugung, dass Intelligenz grundsätzlich formalisierbar sei.
Wirkung
Die Dartmouth-Konferenz gilt rückblickend als das Ereignis, das der Künstlichen Intelligenz sowohl ihren Namen als auch ihre institutionelle Identität als eigenständige akademische Disziplin gab. Sie grenzte das Feld damit von benachbarten Bereichen wie Kybernetik, Operations Research und der frühen Computerwissenschaft ab. Die auf der Konferenz versammelte Gruppe und ihr methodisches Grundverständnis – Intelligenz als Verarbeitung formaler Symbole nach expliziten Regeln – prägte die symbolische KI-Forschung für die folgenden drei Jahrzehnte.
Mehrere Teilnehmer der Konferenz gründeten in der Folgezeit die einflussreichsten frühen KI-Forschungslabore: McCarthy das Stanford Artificial Intelligence Laboratory, McCarthy und Minsky gemeinsam das MIT AI Lab.
Kontroversen und Kritik
Historiker:innen der KI-Forschung weisen regelmäßig darauf hin, dass die Konferenz selbst weit weniger produktiv und einheitlich verlief, als ihr Gründungsmythos suggeriert: Die Teilnehmerzahl schwankte stark, ein zusammenhängendes Ergebnis blieb aus, und mehrere eingeladene Forscher nahmen nur kurz oder gar nicht teil. Die Wissenschaftsgeschichte ordnet die rückblickende Erhöhung der Konferenz zum symbolischen Gründungsmoment des Feldes deshalb teils als nachträgliche Vereinfachung ein. Der tatsächliche Entstehungsprozess der KI-Forschung verlief diffuser und über mehrere Jahre verteilt, wozu etwa auch Alan Turings frühere Arbeiten zählen (siehe Computing Machinery and Intelligence).
Die zentrale Grundannahme des Antrags – dass sich jeder Aspekt von Lernen und Intelligenz präzise formal beschreiben lasse – erwies sich zudem als weit voraussetzungsreicher, als 1955 absehbar war. Ihre Grenzen zeigten sich spätestens in den Rückschlägen des ersten AI Winter in den 1970er Jahren.
Verwandte Begriffe
- Symbolische KI – Forschungsprogramm, das die auf der Konferenz begründete Grundannahme drei Jahrzehnte lang methodisch ausbaute
- Nils Nilsson – Mitglied der unmittelbar nachfolgenden Forschergeneration, die die auf Dartmouth begründete symbolische Programmatik methodisch ausbaute
- Turing-Test – älteres Operationalisierungskonzept für maschinelle Intelligenz, das der Dartmouth-Antrag implizit voraussetzte
- John R. Searle – späterer philosophischer Kritiker der aus Dartmouth hervorgegangenen symbolischen Forschungsprogrammatik
Quellenangaben
- McCarthy, John / Minsky, Marvin / Rochester, Nathaniel / Shannon, Claude, 1955. A Proposal for the Dartmouth Summer Research Project on Artificial Intelligence. Förderantrag an die Rockefeller Foundation, 31. August 1955.
- Nilsson, Nils J., 2010. The Quest for Artificial Intelligence: A History of Ideas and Achievements. Cambridge University Press.
- Moor, James, 2006. The Dartmouth College Artificial Intelligence Conference: The Next Fifty Years. In: AI Magazine 27 (4), S. 87–91.
- Kline, Ronald R., 2011. Cybernetics, Automata Studies, and the Dartmouth Conference on Artificial Intelligence. In: IEEE Annals of the History of Computing 33 (4), S. 5–16.