John Rogers Searle (* 31. Juli 1932 in Denver, Colorado; † 17. September 2025 in Safety Harbor, Florida) war ein US-amerikanischer Philosoph. Er lehrte von 1959 bis 2019 an der University of California, Berkeley, und prägte über sechs Jahrzehnte die analytische Philosophie der Sprache, des Geistes und der sozialen Ontologie. Searle ist Autor des Chinese Room Argument, einer der einflussreichsten kritischen Interventionen in die KI-Philosophie des späten 20. Jahrhunderts.
Zusammenfassung
Searles philosophisches Werk umfasst vier ineinander verzahnte Felder: die Sprechakttheorie (Speech Acts, 1969), die Theorie der Intentionalität (Intentionality, 1983), die Philosophie des Geistes (The Rediscovery of the Mind, 1992; biological naturalism) und die soziale Ontologie (The Construction of Social Reality, 1995; Making the Social World, 2010).
Quer durch das Werk verfolgt Searle ein Programm: die Verteidigung eines realistisch verstandenen Geistes gegen sowohl dualistische als auch eliminativ-reduktionistische Positionen, mit den Werkzeugen der analytischen Philosophie. Sein zentraler Beitrag zur KI-Debatte ist der Aufsatz Minds, Brains, and Programs (Behavioral and Brain Sciences 3, 1980), in dem er mit dem Chinese Room-Gedankenexperiment die Position der starken KI angreift.
2019 wurde Searle der Status als Professor Emeritus an der UC Berkeley entzogen, nachdem die Universität feststellte, dass er gegen die Richtlinien zu sexueller Belästigung und Vergeltungsmaßnahmen verstoßen hatte. Er starb am 17. September 2025 im Alter von 93 Jahren.
Biografie
Searle wurde in Denver als Sohn eines Geschäftsmanns und einer Ärztin geboren. Er studierte ab 1949 an der University of Wisconsin–Madison, wo er als Studierender im neunzehnten Lebensjahr ein Rhodes-Stipendium nach Oxford erhielt.
An der Universität Oxford absolvierte er BA, MA und DPhil (1959) unter Betreuung von John Langshaw Austin und Peter Frederick Strawson. Seine Dissertation Problems Arising in the Theory of Meaning out of the Notions of Sense and Reference (1959) verbindet Frege’sche Bedeutungstheorie mit der ordinary-language-Philosophie Oxfords.
1959 wechselte Searle nach Berkeley, wo er bis 2019 lehrte. Er war 1964/65 als erster festangestellter Professor Mitglied des Free Speech Movement. Spätere Positionen umfassten die Mills Professorship und die Willis S. and Marion Slusser Professorship of the Philosophy of Mind and Language.
Im Juni 2019 entzog die UC Berkeley Searle den Status als Professor Emeritus, nachdem ein internes Untersuchungsverfahren festgestellt hatte, dass er in einem Fall aus dem Jahr 2016 die universitären Richtlinien zu sexueller Belästigung und zu Vergeltung gegen eine ehemalige Studentin und Mitarbeiterin verletzt hatte.
Eine Zivilklage der Klägerin gegen Searle und die Universität wurde 2018 außergerichtlich beigelegt. Searle hat die Vorwürfe öffentlich nicht detailliert kommentiert.
Searle war von 1958 bis zu ihrem Tod 2017 mit der Juristin Dagmar Carboch verheiratet; das Paar hatte zwei Söhne.
Werk
Sprechakttheorie
In Speech Acts: An Essay in the Philosophy of Language (Cambridge University Press 1969) systematisierte Searle die von seinem Lehrer J. L. Austin entwickelte Theorie sprachlicher Handlungen.
Er unterschied präzise zwischen lokutionärem (sprachlich-formaler), illokutionärem (intentional-handlungsbezogenem) und perlokutionärem (wirkungsbezogenem) Akt; klassifizierte fünf Grundtypen illokutionärer Akte (Assertive, Direktive, Kommissive, Expressive, Deklarative); und formulierte mit dem Konzept der Glückensbedingungen (felicity conditions) ein Analyseraster, das die Sprechakttheorie zu einem eigenständigen Forschungsfeld machte.
Indirect Speech Acts (1975) erweiterte die Theorie um die Behandlung sprachlicher Handlungen, deren Form nicht ihrem Zweck entspricht.
Intentionalität und Philosophie des Geistes
In Intentionality: An Essay in the Philosophy of Mind (Cambridge University Press 1983) entwickelte Searle eine systematische Theorie der mentalen Intentionalität (Gerichtetheit auf etwas) in expliziter Anknüpfung an Franz Brentano. Mentale Zustände sind, so Searle, durch ihren intentionalen Inhalt und ihren psychologischen Modus (Glaube, Wunsch, Furcht) charakterisiert und stehen in spezifischen direction-of-fit-Verhältnissen zur Welt.
In The Rediscovery of the Mind (MIT Press 1992) und nachfolgenden Arbeiten entwickelte Searle seine Position des biologischen Naturalismus: Bewusstsein ist ein reales, ursächlich durch Hirnprozesse hervorgebrachtes biologisches Phänomen.
Diese Position grenzt sich sowohl von dualistischen (Eigenschaftsdualismus) als auch von eliminativ-reduktionistischen (Dennett, Churchlands) Positionen ab und ist im Mainstream der heutigen Bewusstseinsphilosophie umstritten, aber breit diskutiert.
Chinese Room Argument
Searles bekannteste Intervention in die KI-Debatte ist das 1980 in Behavioral and Brain Sciences publizierte Chinese Room Argument.
Mit dem Gedankenexperiment angreift Searle die starke KI-These, nach der ein hinreichend komplex programmierter Computer ein Geist sei. Sein Argument: Programme manipulieren Symbole rein syntaktisch; Syntax allein konstituiert keine Semantik; folglich kann reine Programmausführung kein Verstehen erzeugen. Das Argument hat eine umfangreiche Sekundärliteratur ausgelöst und ist eines der meistzitierten Texte der KI-Philosophie.
Soziale Ontologie
In The Construction of Social Reality (Free Press 1995) und Making the Social World: The Structure of Human Civilization (Oxford University Press 2010) entwickelte Searle eine systematische Theorie sozialer Tatsachen.
Sein zentraler Begriff ist die Statuszuweisung (status function): Soziale Wirklichkeit (Geld, Ehe, Eigentum, Regierungen) entstehe dadurch, dass Akteure kollektiv bestimmten physischen Gegebenheiten einen Funktionsstatus zuweisen, der über deren rein physische Eigenschaften hinausgeht. Das Werk gilt als eines der Gründungsdokumente der heutigen sozialen Ontologie als eigenständiger philosophischer Subdisziplin.
Position in der KI-Debatte
Searles Position in der KI-Debatte ist die einer prinzipiellen Skepsis gegenüber den anthropomorphen Ansprüchen der starken KI, ohne dass er die KI-Forschung als technisches Programm zurückweist.
Er unterscheidet konsequent zwischen schwacher KI (Computer als Werkzeug der Geist-Modellierung – von ihm akzeptiert) und starker KI (Programm als Geist selbst – von ihm bestritten). Diese Differenzierung ist seither Bestandteil des Standardvokabulars der KI-Philosophie.
Im LLM-Diskurs der 2020er Jahre haben Vertreter:innen der Stochastic-Parrots-These (Bender, Gebru) Searles Argumentation als Bezugspunkt aufgenommen; ihre Kritiker:innen (Manning, Piantadosi/Hill) ebenso, jedoch mit anderer Bewertung.
Kritik und Diskussion
Substantielle philosophische Kritik an Searle umfasst die anhaltende Debatte um das Chinese Room Argument, die Kritik am biologischen Naturalismus (Dennett, Churchlands), Einwände gegen die strikte Form-Bedeutungs-Trennung sowie methodologische Kritik aus poststrukturalistischer Position (Derrida-Searle-Kontroverse um Sprechakttheorie, 1977ff.).
Searles Schreibstil ist als argumentativ klar, polemisch zugespitzt und konfrontativ beschrieben worden – eine Qualität, die seinen Werken erhebliche öffentliche Sichtbarkeit verschafft hat und ihn zugleich für die Sekundärliteratur zu einer fortlaufend produktiven Bezugsfigur gemacht hat.
Die UC-Berkeley-Untersuchung von 2019 und die damit verbundene Aberkennung des Emeritus-Status sind in der akademischen Öffentlichkeit als institutionelle Reaktion auf substantielle Verstöße gegen die universitären Belästigungs-Richtlinien dokumentiert; sie haben die fachliche Diskussion seines Werks nicht beendet, aber den biografischen Kontext seiner späten Jahre wesentlich verändert.
Verwandte Begriffe
- Symbol Grounding Problem (Harnad) – Anschlussfrage
- Starke vs. schwache KI – sein Begriffspaar
- Speech Acts / Sprechakttheorie – sein sprachphilosophisches Hauptwerk
- Biological Naturalism – seine Position in der Philosophie des Geistes
- Philosophie des Geistes – Disziplin
- Stevan Harnad – Reformulierer im Symbol-Grounding-Diskurs
- Stochastic Parrots – heutige Anwendung im LLM-Diskurs
- J. L. Austin – Lehrer und Begründer der Sprechakttheorie
Quellenangaben
- Cole, David (2020): The Chinese Room Argument. In: Stanford Encyclopedia of Philosophy, hrsg. von Edward N. Zalta.
- Daily Nous, 2019. UC Berkeley Strips John Searle of Emeritus Status After Sexual Harassment Findings. dailynous.com, 21. Juni 2019.
- Lepore, Ernest / van Gulick, Robert (Hrsg.) (1991): John Searle and His Critics.
- Searle, John R. (1969): Speech Acts: An Essay in the Philosophy of Language.
- Searle, John R. (1975): Indirect Speech Acts. In: Cole, Peter / Morgan, Jerry L. (Hrsg.): Syntax and Semantics 3: Speech Acts. New York: Academic Press, S. 59–82.
- Searle, John R., 1980. Minds, Brains, and Programs. In: Behavioral and Brain Sciences 3 (3), S. 417–457. DOI: 10.1017/S0140525X00005756.
- Searle, John R., 1983. Intentionality: An Essay in the Philosophy of Mind.
- Searle, John R., 1992. The Rediscovery of the Mind.
- Searle, John R. (1995): The Construction of Social Reality.
- Searle, John R. (2010): Making the Social World: The Structure of Human Civilization.
- Smith, Barry (Hrsg.) (2003): John Searle.