Blog

Stevan Harnad

Stevan Harnad (* 1945 in Budapest) ist ein ungarisch-kanadischer Kognitionswissenschaftler. Er formulierte 1990 das Symbol Grounding Problem und gehört zu den frühen Verfechtern des freien Zugangs zu wissenschaftlicher Literatur.

Zusammenfassung

Seine bekannteste Arbeit stellt eine Frage, die durch Sprachmodelle unerwartet aktuell geworden ist: Wie kommt ein Symbol zu seiner Bedeutung, wenn es nur durch andere Symbole erklärt wird?

Das Bild dafür stammt von ihm: Wer eine Sprache ausschließlich mit einem einsprachigen Wörterbuch lernen soll, dreht sich im Kreis. Jede Erklärung führt zu weiteren Wörtern, die ebenfalls erklärt werden müssen.

Seine vorgeschlagene Antwort verlangt eine Verankerung außerhalb des Symbolsystems – über Wahrnehmung und Handlung in einer Welt.

Ein zweiter Strang seiner Arbeit betrifft die Wissenschaftskommunikation. Er gründete 1978 die Zeitschrift Behavioral and Brain Sciences und trat ab den 1990er Jahren für die kostenfreie Zugänglichkeit von Forschungsergebnissen ein.

Werdegang

Harnad wurde 1945 in Budapest geboren und wuchs in Kanada auf. Er studierte an der McGill University und promovierte in Princeton.

1978 gründete er Behavioral and Brain Sciences, eine Zeitschrift mit einem eigenwilligen Verfahren: Jeder Beitrag erscheint gemeinsam mit Kommentaren von Fachleuten und einer Erwiderung des Verfassers. Das Format hat mehrere große Debatten der Kognitionswissenschaft getragen.

1990 erschien der Aufsatz zum Symbol Grounding Problem in der Zeitschrift Physica D.

Ab 1994 trat er mit einem Vorschlag hervor, den er selbst als subversiv bezeichnete: Forschende sollten ihre Aufsätze zusätzlich frei zugänglich ins Netz stellen. Aus dieser Anregung entwickelte sich die Bewegung für den grünen Weg des offenen Zugangs.

Er lehrte an der University of Southampton und an der Université du Québec à Montréal.

Methodische Grundlagen

Das Symbolverankerungsproblem. Symbole in einem formalen System sind willkürliche Zeichen. Ihre Verarbeitung folgt Regeln, die sich auf ihre Form beziehen, nicht auf ihre Bedeutung. Woher kommt dann die Bedeutung?

Der Wörterbuch-Kreislauf. Sein anschaulichstes Argument: Ein einsprachiges Wörterbuch kann eine Sprache nicht lehren, weil jede Erklärung neue unbekannte Wörter einführt.

Kategoriale Wahrnehmung. Sein Lösungsvorschlag setzt bei der Fähigkeit an, Sinneseindrücke in Klassen zu ordnen. Aus diesen Klassen entstehen Grundbegriffe, auf denen weitere aufbauen können.

Die Turing-Test-Hierarchie. Er unterscheidet Stufen: T2 prüft sprachliches Verhalten, T3 verlangt zusätzlich sinnlich-motorische Fähigkeiten in der Welt, T4 innere Übereinstimmung mit dem Gehirn. Nur ab T3 ist die Verankerung gegeben.

Offener Zugang. Sein zweites Programm: Forschung, die öffentlich finanziert wurde, gehört öffentlich zugänglich gemacht – vorzugsweise durch Selbstarchivierung der Verfasser.

Anwendungsfelder

Kognitionswissenschaft. Das Problem strukturiert die Debatte darüber, was ein System haben muss, um zu verstehen.

Robotik. Der Vorschlag, Bedeutung über sinnlich-motorische Erfahrung zu verankern, hat die Arbeit an verkörperten Systemen beeinflusst.

Sprachmodelldebatte. Die aktuellste Anwendung. Die Argumentation von Climbing towards NLU ist der Sache nach eine Neufassung seiner Frage.

Publikationswesen. Institutionelle Dokumentenserver und die Selbstarchivierungspraxis gehen auf seine Initiative zurück.

Kontroversen und Kritik

Reicht Verankerung? Ein häufiger Einwand: Selbst ein System mit Sensoren und Gliedmaßen hätte Symbole, die mit Sinnesdaten verknüpft sind – ob es damit versteht, ist eine andere Frage. Harnad räumt das ein und hält Verankerung für notwendig, nicht für hinreichend.

Verhältnis zum Chinesischen Zimmer. Seine Arbeit wird oft mit Searles Argument zusammengeworfen. Harnad selbst grenzt sich ab: Searle bestreitet, dass Berechnung je Verstehen erzeugen kann; Harnad benennt eine Bedingung, unter der es möglich wäre.

Empirische Gegenbefunde. Modelle, die auf Text und Bild trainiert wurden, zeigen Leistungen, die die scharfe Trennung zwischen verankert und unverankert schwerer haltbar machen.

Streit um den offenen Zugang. Sein Beharren auf dem grünen Weg – Selbstarchivierung statt Umstellung des Verlagswesens – hat ihn in Auseinandersetzungen mit Vertretern anderer Wege gebracht, teils in scharfem Ton.

Bewusstsein als offene Stelle. Er hält das Problem, wie physische Vorgänge Erleben hervorbringen, für ungelöst und bezweifelt, dass die Kognitionswissenschaft es lösen wird.

Warum die Frage zurückgekommen ist

Als Harnad 1990 schrieb, richtete sich sein Aufsatz gegen eine Forschungsrichtung, die Denken als Symbolverarbeitung nach Regeln auffasste. Diese Richtung ist seither weitgehend verschwunden – abgelöst von neuronalen Netzen, die keine Symbole im damaligen Sinn verarbeiten.

Man könnte annehmen, das Problem sei damit erledigt. Es ist das Gegenteil eingetreten.

Ein Sprachmodell wird auf Text trainiert und erzeugt Text. Was es sieht, sind Zeichenfolgen; was es lernt, sind deren Beziehungen zueinander. Das ist genau die Lage des Menschen mit dem einsprachigen Wörterbuch – nur in einem Maßstab, den Harnad nicht vorhergesehen hat.

Der Maßstab ist der Punkt, an dem die Sache offen wird. Harnads Argument setzt voraus, dass ein hinreichend großes Netz von Beziehungen zwischen Zeichen nichts trägt, weil es nirgends aufsitzt. Was heutige Modelle zeigen, ist, dass ein sehr großes solches Netz erstaunlich weit trägt – bis zu einer Grenze, deren Verlauf niemand kennt.

Damit hat sich die Frage verschoben, ohne beantwortet zu sein. Sie lautet nicht mehr, ob Form allein Bedeutung erzeugen kann, sondern wie viel Form nötig ist, damit die Unterscheidung von außen aufhört, einen Unterschied zu machen – und ob das dasselbe ist.

Verwandte Begriffe

Quellenangaben

  1. Harnad, Stevan, 1990. The Symbol Grounding Problem. In: Physica D: Nonlinear Phenomena 42 (1–3), S. 335–346. DOI: 10.1016/0167-2789(90)90087-6
  2. Harnad, Stevan, 1991. Other Bodies, Other Minds: A Machine Incarnation of an Old Philosophical Problem. In: Minds and Machines 1 (1), S. 43–54.
  3. Harnad, Stevan (2001): Minds, Machines and Turing: The Indistinguishability of Indistinguishables. In: Journal of Logic, Language and Information 9 (4), S. 425–445.

← Zurück zur Lexikon-Übersicht

Zuletzt bearbeitet: 10. August 2026

Zusammengestellt, formuliert, lektoriert und korrigiert mit KI-Unterstützung. Kuratiert von Nils Brauer. Alle Angaben ohne Gewähr.