John McCarthy (* 4. September 1927 in Boston, Massachusetts; † 24. Oktober 2011 in Stanford, Kalifornien) war US-amerikanischer Informatiker und Kognitionswissenschaftler. Er prägte 1955 den Begriff Artificial Intelligence, organisierte die Dartmouth-Konferenz von 1956 und gilt als einer der Begründer der Disziplin.
Zusammenfassung
McCarthys Werk prägt die KI-Forschung in dreierlei Hinsicht: begrifflich, sprachlich und methodisch. Begrifflich, weil er 1955 im Förderantrag für die Dartmouth-Konferenz den Namen Artificial Intelligence wählte – bewusst, um sich von Norbert Wieners Kybernetik abzugrenzen. Sprachlich, weil er 1958 mit LISP die Programmiersprache schuf, die die Symbolverarbeitung der KI-Forschung für Jahrzehnte prägte. Methodisch, weil er zeitlebens dafür eintrat, Wissen, Schlussfolgern und Alltagsverstand in formaler, mathematischer Logik zu repräsentieren – eine Position, die ihn zum Gegenpol verkörperter, statistischer und später neuronaler Ansätze machte.
Für diese Beiträge erhielt McCarthy 1971 den Turing Award. Er verbrachte den größten Teil seiner Laufbahn an der Stanford University, wo er 1963 das Stanford Artificial Intelligence Laboratory (SAIL) gründete.
Biografie
McCarthy wuchs in Los Angeles als Sohn irisch-amerikanischer und litauisch-jüdischer Einwanderer auf; beide Eltern waren politisch links engagiert, sein Vater Gewerkschaftsorganisator. Bereits als Schüler brachte er sich Mathematik im Umfang der ersten beiden Universitätsjahre selbst bei, indem er Lehrbücher des California Institute of Technology (Caltech) durcharbeitete. Entsprechend übersprang er dort später mehrere Grundkurse.
1948 erwarb er einen Bachelor in Mathematik am Caltech. Prägend war dort 1948 ein Vortrag des Mathematikers John von Neumann über zelluläre Automaten und selbstreproduzierende Maschinen, den McCarthy später als entscheidenden Anstoß für sein Interesse an maschineller Intelligenz nannte. 1951 wurde er an der Princeton University bei Donald C. Spencer promoviert.
Nach kurzen Stationen an der Princeton University und der Stanford University wechselte McCarthy 1955 als Assistant Professor an das Dartmouth College. Dort richtete er im Sommer 1956 gemeinsam mit Marvin Minsky, Nathaniel Rochester und Claude Shannon die Dartmouth-Konferenz aus. Im Herbst 1956 wechselte er als Research Fellow ans Massachusetts Institute of Technology (MIT), wo er ab 1958 LISP entwickelte; 1959 folgte ihm Minsky, mit dem er dort die AI-Forschungsgruppe aufbaute, aus der später das MIT AI Lab hervorging.
1962 nahm er einen Ruf an die Stanford University an, an der er bis zu seiner Emeritierung 2001 blieb. 1963 gründete er dort das Stanford Artificial Intelligence Laboratory (SAIL), das über Jahrzehnte zu den einflussreichsten KI-Forschungseinrichtungen weltweit zählte. McCarthy starb am 24. Oktober 2011 im Alter von 84 Jahren in seinem Haus auf dem Stanford-Campus.
Werk
LISP (1958)
McCarthy entwickelte LISP (List Processor) 1958 am MIT als Programmiersprache für die symbolische Verarbeitung von Listen – eine Datenstruktur, die sich für die Repräsentation von Wissen und logischen Ausdrücken besonders eignete. LISP führte Konzepte ein, die später zum Standardrepertoire der Informatik wurden. Dazu zählen Rekursion als zentrales Kontrollstrukturprinzip, automatische Speicherbereinigung (Garbage Collection) und die Behandlung von Programmcode als Daten. Die Sprache blieb bis in die 1980er Jahre das dominierende Werkzeug der symbolischen KI-Forschung.
Zeitteilung (Time-Sharing, ab 1959)
McCarthy schlug bereits 1959 vor, mehreren Nutzer:innen den gleichzeitigen interaktiven Zugriff auf einen einzigen Großrechner zu ermöglichen, statt Rechenzeit im Stapelbetrieb (Batch Processing) nacheinander zuzuteilen. Diese Idee des Time-Sharing wurde am MIT im Compatible Time-Sharing System (CTSS) umgesetzt und gilt als konzeptioneller Vorläufer moderner interaktiver Computernutzung.
Formalisierung von Alltagsverstand (ab 1958)
In Programs with Common Sense (1959) schlug McCarthy vor, Alltagswissen und Schlussfolgern in Prädikatenlogik erster Stufe zu formalisieren. Ein Programm – der von ihm skizzierte Advice Taker – sollte so aus explizit repräsentiertem Wissen neue Schlüsse ziehen können, ohne für jede neue Aufgabe neu programmiert werden zu müssen. Dieses Programm blieb unrealisiert, wurde aber zum Referenzpunkt für Jahrzehnte wissensbasierter KI-Forschung.
1969 beschrieben McCarthy und Patrick Hayes in Some Philosophical Problems from the Standpoint of Artificial Intelligence das Frame-Problem: die Schwierigkeit, in einer logischen Repräsentation formal festzulegen, welche Tatsachen sich durch eine Handlung nicht ändern, ohne jede einzelne explizit aufzählen zu müssen. 1980 stellte er mit der Circumscription ein formales Verfahren nichtmonotoner Logik vor. Es erlaubt, aus dem Fehlen gegenteiliger Information vorläufige Schlüsse zu ziehen – ein zentraler Baustein der Forschung zu nichtmonotonem Schließen der 1980er Jahre.
Auszeichnungen
- ACM Turing Award (1971, für Beiträge zur künstlichen Intelligenz)
- Kyoto-Preis für fortgeschrittene Technologie (1988)
- National Medal of Science (1990)
- Benjamin Franklin Medal (2003)
Kontroversen und Kritik
McCarthys methodisches Programm – Intelligenz als logisches Schließen über formale Symbole – geriet ab den 1980er Jahren zunehmend unter Druck. Kritiker:innen wie Rodney Brooks argumentierten, symbolische Repräsentation allein könne die verkörperte, sensomotorisch verankerte Intelligenz biologischer Systeme nicht erklären. Der spätere Aufstieg konnektionistischer und statistischer Verfahren stellte McCarthys Ansatz weiter in den Schatten. McCarthy selbst verteidigte die logikbasierte Position bis zu seinem Tod und blieb überzeugt, dass formale Repräsentation langfristig unverzichtbar bleibe.
Politisch durchlief McCarthy einen Wandel vom kommunistisch geprägten Elternhaus zum konservativen Republikaner, den er selbst auf einen Besuch der Tschechoslowakei nach der sowjetischen Invasion von 1968 zurückführte. Auf einer eigenen Website vertrat er die technikoptimistische Position, menschlicher materieller Fortschritt sei wünschenswert und langfristig nachhaltig – eine Haltung, die ihn wiederholt in Kontroversen mit Kritiker:innen des technologischen Fortschrittsglaubens brachte.
Verwandte Begriffe
- Nils Nilsson – Kollege der symbolischen Gründungsgeneration, entwickelte zentrale Suchverfahren derselben Forschungslinie
- John R. Searle – Philosoph, dessen Chinese-Room-Argument sich gegen die von McCarthys Programm vorausgesetzte starke KI-These richtet
- AI Winter – Förderkrisen, die McCarthys symbolisches Forschungsprogramm über Jahrzehnte hinweg miterlebte
Quellenangaben
- McCarthy, John / Minsky, Marvin / Rochester, Nathaniel / Shannon, Claude, 1955. A Proposal for the Dartmouth Summer Research Project on Artificial Intelligence. Förderantrag an die Rockefeller Foundation, 31. August 1955.
- McCarthy, John, 1960. Recursive Functions of Symbolic Expressions and Their Computation by Machine, Part I. In: Communications of the ACM 3 (4), S. 184–195.
- McCarthy, John, 1959. Programs with Common Sense. In: Proceedings of the Teddington Conference on the Mechanization of Thought Processes.
- McCarthy, John / Hayes, Patrick J., 1969. Some Philosophical Problems from the Standpoint of Artificial Intelligence. In: Machine Intelligence 4, S. 463–502.
- McCarthy, John, 1980. Circumscription – A Form of Non-Monotonic Reasoning. In: Artificial Intelligence 13 (1–2), S. 27–39.
- Association for Computing Machinery, 1971. A. M. Turing Award Citation: John McCarthy.
- Shieber, Stuart M. (Hrsg.), 2011. Nachruf: John McCarthy (1927–2011). Stanford University.