Daniel Nadler (* 1983 in Toronto, Kanada) ist ein kanadisch-US-amerikanischer Unternehmer. Er ist Mitgründer und Vorstandsvorsitzender von OpenEvidence, einer 2021 gegründeten Plattform, die Ärzt:innen mithilfe künstlicher Intelligenz auf Fachliteratur gestützte medizinische Antworten liefert und sich damit bewusst von allgemeinen KI-Chatbots wie ChatGPT abgrenzt. Zuvor gründete Nadler das Finanzanalyse-Unternehmen Kensho Technologies, das 2018 für 550 Millionen US-Dollar an S&P Global verkauft wurde (TechCrunch 2018).
Zusammenfassung
Nadlers Werdegang führt von einer Kindheit als Sohn polnisch-rumänischer Einwanderer in Toronto über ein Studium der Mathematik, Klassischen Philologie und Lyrik an der Harvard University zu einer Promotion in Ökonomie, die er 2016 mit einer Arbeit zur Preisbildung von Kreditderivaten abschloss. Bereits während der Promotion gründete er 2013 gemeinsam mit Peter Kruskall das Unternehmen Kensho Technologies, das mithilfe von maschinellem Lernen Finanzmarktanalysen automatisierte und 2018 für 550 Millionen US-Dollar an den Datenkonzern S&P Global verkauft wurde (TechCrunch 2018).
2021 gründete Nadler zusammen mit dem Informatiker Zachary Ziegler das Unternehmen OpenEvidence, dessen gleichnamiges Produkt Ärzt:innen evidenzbasierte, auf lizenzierte Fachzeitschrifteninhalte gestützte Antworten auf klinische Fragen liefert. Die Plattform wuchs bis Anfang 2026 zu einem der am schnellsten verbreiteten KI-Werkzeuge im US-Gesundheitswesen heran, mit einer Bewertung von zuletzt zwölf Milliarden US-Dollar (CNBC 2026) und einem geschätzten persönlichen Vermögen Nadlers von rund 7,6 Milliarden US-Dollar (Shrivastava 2026). Zugleich sieht sich das Unternehmen mit Fragen zur Zuverlässigkeit seiner Antworten und zum Interessenkonflikt seines werbefinanzierten Geschäftsmodells konfrontiert.
Werdegang
Nadler wurde 1983 in Toronto als Sohn eines Ingenieurs geboren, dessen Eltern aus Polen beziehungsweise Rumänien eingewandert waren. An der Harvard University studierte er zunächst Mathematik und Klassische Philologie und belegte Lyrik-Seminare bei der Pulitzer-Preisträgerin Jorie Graham; 2016 veröffentlichte er im Verlag Farrar, Straus and Giroux den Gedichtband Lacunae: 100 Imagined Ancient Love Poems. Parallel dazu promovierte er an Harvard in Ökonomie mit einer Dissertation zur Preisbildung von Kreditderivaten und war während dieser Zeit als Gastwissenschaftler bei der US-Notenbank Federal Reserve tätig.
Noch als Doktorand gründete Nadler 2013 gemeinsam mit Peter Kruskall das Unternehmen Kensho Technologies. Die Software durchsuchte und verknüpfte Finanzmarktdaten und -ereignisse mithilfe von maschinellem Lernen und wurde intern mit einer Suchmaschine für Börsenanalyst:innen verglichen. 2018 verkaufte Nadler das Unternehmen für 550 Millionen US-Dollar an den Finanzdatenkonzern S&P Global (TechCrunch 2018) – zu diesem Zeitpunkt eine der größten Übernahmen eines KI-Start-ups im Finanzsektor.
OpenEvidence: von der Gründung zur Milliardenbewertung
2021 gründete Nadler gemeinsam mit dem Informatiker Zachary „Zack” Ziegler, der an Harvard im Natural-Language-Processing-Labor von Alexander Rush geforscht hatte, das Unternehmen OpenEvidence. Anders als allgemeine KI-Chatbots stützt sich die gleichnamige Plattform gezielt auf lizenzierte Inhalte medizinischer Fachzeitschriften und liefert ihre Antworten mit Quellenangaben – ein Ansatz, der gegen das Risiko unbelegter oder erfundener Aussagen (sogenannte Halluzinationen) bei allgemeinen Sprachmodellen antreten soll. 2024 wurde OpenEvidence offizieller KI-Partner der Fachzeitschrift New England Journal of Medicine (NEJM), 2025 folgte eine mehrjährige Vereinbarung mit der Fachzeitschrift JAMA, die OpenEvidence Zugriff auf deren Inhalte einräumt.
Das Produkt steht verifizierten Ärzt:innen kostenlos zur Verfügung; finanziert wird es über Werbung von Pharmaunternehmen auf der Plattform. Die Nutzerzahlen wuchsen rasant: Anfang 2026 verzeichnete OpenEvidence nach eigenen und unabhängigen Angaben mehr als 750.000 verifizierte Ärzt:innen und rund 20 Millionen ärztliche Anfragen pro Monat, mit Präsenz in mehr als 10.000 Kliniken und Krankenhäusern in den USA. Das Unternehmen durchlief zwischen Februar 2025 und Januar 2026 vier Finanzierungsrunden – von einer Series A über 75 Millionen US-Dollar bei einer Bewertung von einer Milliarde US-Dollar (angeführt von Sequoia Capital) bis zu einer Series D über 250 Millionen US-Dollar bei zwölf Milliarden US-Dollar Bewertung (angeführt von Thrive Capital und DST Global) (MobiHealthNews 2026). Zu den Investoren zählten daneben unter anderem Google Ventures, Kleiner Perkins und Nvidia. Im Zuge dieses Wachstums verlegte OpenEvidence seinen Hauptsitz von Cambridge, Massachusetts, nach Miami, Florida.
Nadler selbst wurde durch diesen Aufstieg laut Forbes-Schätzung vom Juli 2025 zum Milliardär (Feldman 2025); sein Vermögen wurde im Januar 2026 auf rund 7,6 Milliarden US-Dollar beziffert, gehalten über einen Anteil von schätzungsweise 60 Prozent am Unternehmen (Shrivastava 2026). 2025 und 2026 wurde er unter anderem auf die TIME100-Listen für Gesundheit und für Künstliche Intelligenz gewählt.
Kontroversen und Kritik
OpenEvidences zentrales Versprechen – dass auf medizinische Fachliteratur spezialisierte KI-Modelle zuverlässiger seien als allgemeine Chatbots – geriet 2026 unter Druck. Eine im Juni 2026 im Fachjournal Nature Medicine veröffentlichte Studie von Forscher:innen der NYU Langone Health verglich mehrere klinisch spezialisierte KI-Modelle, darunter OpenEvidence, mit allgemeinen Sprachmodellen und kam zu dem für die Branche überraschenden Ergebnis, dass die spezialisierten klinischen Modelle bei bestimmten Aufgaben schlechter abschnitten. Eine weitere, als Preprint auf medRxiv veröffentlichte Pilotstudie fand für komplexe subspezialisierte Fallszenarien deutlich geringere Trefferquoten als in einfacheren Testumgebungen.
Kritisiert wird zudem das werbefinanzierte Geschäftsmodell: Da OpenEvidence Ärzt:innen kostenlos zur Verfügung steht, sich aber über Anzeigen von Pharmaunternehmen finanziert, äußerten Forscher:innen die Sorge, die Werbeeinblendungen während einer Suche könnten nachfolgende Verschreibungsentscheidungen unbewusst beeinflussen – ein möglicher Interessenkonflikt zwischen unabhängiger Evidenzvermittlung und Werbeerlösen. Die Frage, wer im Fall eines KI-gestützten medizinischen Fehlers haftet – das Unternehmen, die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt –, ist über den Einzelfall OpenEvidence hinaus Gegenstand einer breiteren Debatte um KI-gestützte klinische Entscheidungsunterstützung, die mit deren wachsender Verbreitung an Dringlichkeit gewinnt.
Verwandte Begriffe
- OpenAI – Anbieter einer kostenlosen, allgemeinen Konkurrenzanwendung für Kliniker:innen, gegen die sich OpenEvidence positioniert
- Large Language Models – die technische Grundlage, auf der auch OpenEvidences medizinisches Modell aufbaut
- Sam Altman – Gründer eines allgemeinen KI-Chatbot-Unternehmens, dessen Domänenbreite Nadlers Fachspezialisierung als Gegenmodell gegenübersteht
- Jensen Huang – CEO von Nvidia, das an mehreren Finanzierungsrunden von OpenEvidence beteiligt war
Quellenangaben
- Feldman, Amy, 2025. „This AI Founder Became A Billionaire By Building ‘ChatGPT For Doctors’“. Forbes, 15. Juli 2025. https://www.forbes.com/sites/amyfeldman/2025/07/15/this-ai-founder-became-a-billionaire-by-building-chatgpt-for-doctors/
- OpenEvidence, 2026. „Daniel Nadler” (Unternehmensbiografie). Time100 AI 2026. https://time.com/collection/time100-ai/2026/daniel-nadler/
- CNBC, 21. Januar 2026. „OpenEvidence, ‘ChatGPT for doctors,’ doubles valuation to $12 billion”. https://www.cnbc.com/2026/01/21/openevidence-chatgpt-for-doctors-doubles-valuation-to-12-billion.html
- MobiHealthNews, 2026. „OpenEvidence scores $250M, doubles valuation to $12B”. https://www.mobihealthnews.com/news/openevidence-scores-250m-doubles-valuation-12b
- MedCity News, Februar 2026. „Thunderstruck By OpenEvidence’s $12B Valuation? Don’t Be.” https://medcitynews.com/2026/02/openevidence-healthcare-valuation/
- ValueAddVC, 2026. „OpenEvidence Valuation 2026: $12B Round, 40% of US Doctors, and Why It Moved to Miami.” https://valueaddvc.com/blog/openevidence-valuation-2026-12b-round-40-percent-of-us-doctors-and-why-it-moved-to-miami
- STAT News, 29. Juli 2026. „Can doctors trust clinical AI? The complicated issue of LLM benchmarks.” https://www.statnews.com/2026/07/29/clinical-ai-vs-generalist-llm-benchmark-study-trust-accuracy-safety/
- Philip, S. u. a., 2026. „OpenEvidence” (Resource Review). Journal of the Medical Library Association. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC12951846/
- Shrivastava, Rashi, 2026. „AI Founder Daniel Nadler Is Twice As Rich After OpenEvidence Hits $12 Billion Valuation”. Forbes, 21. Januar 2026. https://www.forbes.com/sites/rashishrivastava/2026/01/21/openevidence-founder-doubles-his-wealth-as-medical-ai-startup-hits-12-billion-valuation/
- TechCrunch, 7. März 2018. „S&P Global snares Kensho for $550 million”. https://techcrunch.com/2018/03/07/sp-global-snares-kensho-for-550-million/