Blog

Judea Pearl

Judea Pearl (* 4. September 1936 in Tel Aviv, damals Völkerbundsmandat Palästina) ist ein israelisch-US-amerikanischer Informatiker. Er ist Professor für Informatik und Statistik an der UCLA und gilt als einer der Begründer der modernen probabilistischen künstlichen Intelligenz. 2011 erhielt er den Turing Award, die höchste Auszeichnung der Informatik.

Zusammenfassung

Pearl wurde 1936 in Tel Aviv als Sohn polnisch-jüdischer Einwanderer geboren und wuchs in Bnei Brak auf. Er erwarb 1960 einen Bachelorabschluss in Elektrotechnik am Technion und 1961 einen Master in Elektrotechnik am Newark College of Engineering.

Ein weiterer Master in Physik folgte an der Rutgers University, 1965 promovierte er am Polytechnic Institute of Brooklyn in Elektrotechnik. 1970 wechselte er an die UCLA, wo er seine ursprüngliche Forschungsrichtung im Bereich der Halbleitertechnik aufgab – technologische Entwicklungen hatten sie überholt – und sich stattdessen der probabilistischen künstlichen Intelligenz zuwandte.

An der UCLA leitete er das Cognitive Systems Laboratory. Er entwickelte grundlegende Werkzeuge für den Umgang mit Unsicherheit in Computersystemen: Bayes’sche Netze als Rahmenwerk für probabilistisches Schließen, ein mathematisches Instrumentarium für kausale Modellierung sowie den Do-Kalkül – ein formales System für kausales Schließen – und Methoden zur kontrafaktischen Analyse.

2011 erhielt er dafür den Turing Award der Association for Computing Machinery.

Werdegang

Pearl wurde 1936 in Tel Aviv geboren und wuchs in Bnei Brak auf; mütterlicherseits stammt er von Menachem Mendel von Kotzk ab. Nach seinem Studium am Technion und in den USA promovierte er 1965 am Polytechnic Institute of Brooklyn in Elektrotechnik.

1970 wechselte er an die School of Engineering der UCLA, wo er bis heute als Professor für Informatik und Statistik tätig ist und das Cognitive Systems Laboratory leitet.

Bayes’sche Netze, Kausalität und der Turing Award

Pearls wissenschaftliches Werk gilt als grundlegend für die moderne künstliche Intelligenz. Es ermöglicht Computersystemen, mit Unsicherheit umzugehen und Ursache-Wirkungs-Beziehungen von bloßer statistischer Korrelation zu unterscheiden. Mit Bayes’schen Netzen entwickelte er ein Rahmenwerk für probabilistisches Schließen, das zu einem Standardwerkzeug der KI-Forschung wurde.

Mit seinem Do-Kalkül und Arbeiten zur strukturellen kausalen Modellierung mathematisierte er kausales Schließen für die empirischen Wissenschaften – die Frage, wie sich aus Beobachtungsdaten valide Aussagen über Ursache und Wirkung ableiten lassen.

2011 erhielt Pearl für diese Beiträge den Turing Award „für grundlegende Beiträge zur künstlichen Intelligenz durch die Entwicklung eines Kalküls für probabilistisches und kausales Schließen”. Seine wichtigsten Bücher sind „Heuristics” (1984) und „Probabilistic Reasoning in Intelligent Systems” (1988).

2000 erschien „Causality: Models, Reasoning, and Inference”. 2018 verfasste er gemeinsam mit Dana Mackenzie „The Book of Why: The New Science of Cause and Effect”, das seine Kausalitätsforschung einem breiteren Publikum zugänglich machte.

Mit der Veröffentlichung dieses Buchs wurde Pearl 2018 zu einem der profiliertesten akademischen Kritiker des Deep-Learning-Booms. Gegenüber dem Magazin Quanta beschrieb er neuronale Netze als bloßes „Curve Fitting” – eine ausgefeilte, aber letztlich rein assoziative Anpassung von Funktionen an Daten.

Diese reiche für viele praktische Probleme aus, ersetze echtes kausales Schließen aber nicht. Pearl forderte daraufhin wiederholt, das Feld müsse sich von einer rein datengetriebenen Philosophie lösen und Assoziation durch kausales Schließen ergänzen.

Persönliches

2002 wurde Pearls Sohn, der Journalist Daniel Pearl, in Pakistan von einer mit Al-Qaida verbundenen Gruppe entführt und ermordet. Die Familie gründete daraufhin die Daniel Pearl Foundation.

Judea Pearl engagiert sich seither öffentlich für interreligiöse Verständigung. Er bezeichnet sich selbst als „praktizierenden Nichtgläubigen”, pflegt aber jüdische Traditionen wie Kiddusch und die Feiertage. Zudem sitzt er im internationalen Beirat der Organisation NGO Monitor.

Verwandte Begriffe

Quellenangaben

  1. Quanta Magazine, 15. Mai 2018: „To Build Truly Intelligent Machines, Teach Them Cause and Effect” (per WebSearch eingesehen). https://www.quantamagazine.org/to-build-truly-intelligent-machines-teach-them-cause-and-effect-20180515/
  2. Russell, Stuart J., o. J. Judea Pearl – A. M. Turing Award Laureate. Association for Computing Machinery. amturing.acm.org/award_winners/pearl_2658896.cfm (Belegt wörtlich Geburtsdatum und -ort: „Judea Pearl was born on September 4, 1936, in Tel Aviv, which was at that time administered under the British Mandate for Palestine.“ Dazu den Eintritt an der UCLA 1969, die Tenure im neu gegründeten Computer Science Department 1970, die Ernennung zum Full Professor 1976 und die Gründung des Cognitive Systems Laboratory 1978.)
  3. National Academy of Engineering, o. J. Dr. Judea Pearl. Member Directory. nae.edu/30107.aspx (Belegt die Wahl in die Akademie 1995 mit der Begründung „For developing the foundations for reasoning under uncertainty“.)

← Zurück zur Lexikon-Übersicht