Meredith Whittaker ist eine US-amerikanische Technikforscherin und Organisatorin. Sie gründete 2017 mit Kate Crawford das AI Now Institute, organisierte 2018 den Google Walkout und ist seit 2022 Präsidentin der Signal Foundation.
Zusammenfassung
Whittakers Position unterscheidet sich von der akademischen KI-Kritik durch ihren Ausgangspunkt: Sie kommt aus dem Inneren eines der Unternehmen, die sie kritisiert, und argumentiert entsprechend über Geschäftsmodelle statt über Modelle.
Ihre Kernthese lautet, dass KI keine eigenständige Technologie ist, sondern das Produkt einer Überwachungsindustrie. Wer die Daten, die Rechenzentren und die Vertriebswege besitzt, bestimmt, was gebaut wird – die technischen Eigenschaften folgen daraus, nicht umgekehrt.
Bemerkenswert ist die Konsequenz ihrer Laufbahn: von der Konzernforscherin über die Institutsgründerin zur Leiterin einer Organisation, deren Produkt bewusst so gebaut ist, dass es keine verwertbaren Daten erzeugt.
Biografie
Whittaker arbeitete dreizehn Jahre bei Google. Dort baute sie die Open-Research-Gruppe des Unternehmens auf und gründete M-Lab mit, eine verteilte Messplattform, die bis heute die größte offene Datensammlung zur Leistungsfähigkeit des Internets bereitstellt.
2017 gründete sie gemeinsam mit Kate Crawford das AI Now Institute an der New York University.
2018 gehörte sie zu den zentralen Organisatorinnen des Google Walkout, an dem sich weltweit Zehntausende Beschäftigte beteiligten. Anlass war der Umgang des Unternehmens mit Vorwürfen sexueller Übergriffe gegen Führungskräfte; vorausgegangen war eine von Whittaker verfasste Petition gegen die Beteiligung des Unternehmens am Militärprojekt Maven, die mehr als dreitausend Beschäftigte unterzeichneten.
Sie verließ Google und wurde 2022 erste Präsidentin der Signal Foundation, der Trägerorganisation des verschlüsselten Nachrichtendienstes Signal.
Positionen
KI als Überwachungsindustrie. Ihre wiederkehrende These: Die heutige KI ist ohne die Datensammlung und Marktmacht der großen Plattformen nicht denkbar und lässt sich daher nicht unabhängig von ihnen bewerten.
Gegen die Existenzrisiko-Verengung. Sie hält die Konzentration auf hypothetische Zukunftsrisiken für eine Ablenkung von gegenwärtigen Machtverhältnissen – und dafür, dass sie den Unternehmen erlaubt, sich als verantwortungsbewusste Verwalter einer gefährlichen Kraft darzustellen.
Arbeitsmacht als Hebel. Aus der Walkout-Erfahrung folgt bei ihr die Position, dass die wirksamste Kontrolle über Technologieunternehmen nicht von außen kommt, sondern von den Beschäftigten.
Verschlüsselung als Gegenmodell. Ihre Arbeit bei Signal versteht sie als praktischen Beleg dafür, dass sich Kommunikationsdienste ohne Datenverwertung betreiben lassen – wenn auch nur unter erheblichen Finanzierungsschwierigkeiten.
Kontroversen und Kritik
Verhältnis zur Sicherheitsforschung. Ihre scharfe Abgrenzung gegen die Existenzrisiko-Linie wird von deren Vertreter:innen als falsche Alternative zurückgewiesen: Gegenwartsschäden und Zukunftsrisiken schlössen einander nicht aus.
Reichweite des Arguments. Kritiker:innen halten der Zurückführung von KI auf Geschäftsmodelle entgegen, sie erkläre die technischen Fortschritte der letzten Jahre nur unzureichend.
Finanzierungsfrage. Signals Modell ohne Datenverwertung ist auf Spenden angewiesen. Ob es dauerhaft trägt, ist offen – und Whittaker benennt das selbst als ungelöstes Problem.
Verwandte Begriffe
- Kate Crawford – Mitgründerin und langjährige Weggefährtin
- Critical AI Studies – Feld, dem ihre Position zugerechnet wird
- Statement on AI Risk – Erklärung, zu deren prominenten Kritikerinnen sie zählt
- Timnit Gebru – verwandter Fall von Konzernkritik aus dem Inneren
Quellenangaben
- AI Now Institute, o. J. People. ainowinstitute.org.
- Signal Foundation, o. J. Leadership. signalfoundation.org.
- Whittaker, Meredith, 2021. The Steep Cost of Capture. In: Interactions 28 (6), S. 50–55. DOI: 10.1145/3488666.