Blog

Outer Alignment

Outer Alignment (deutsch äußere Ausrichtung) bezeichnet in der AI-Alignment-Forschung die Frage, ob die im Training formal spezifizierte Belohnungs- oder Verlustfunktion eines KI-Systems mit den eigentlichen Intentionen seiner Entwickler:innen übereinstimmt.

Der Begriff bildet das Komplement zu Inner Alignment. Er wurde 2019 gemeinsam mit diesem in seiner heute geläufigen Form eingeführt, in dem für die Folgeforschung kanonischen Aufsatz Risks from Learned Optimization in Advanced Machine Learning Systems (Hubinger, van Merwijk, Mikulik, Skalse, Garrabrant; arXiv 1906.01820).

Zusammenfassung

Outer Alignment beantwortet die Spezifikationsfrage: Wird die richtige Zielfunktion trainiert? Selbst wenn ein trainiertes System die spezifizierte Zielfunktion perfekt internalisiert, bleibt die vorgelagerte Frage, ob diese Zielfunktion tatsächlich die Intentionen der Entwickler:innen erfasst.

Versagensformen des Outer Alignment manifestieren sich in Specification Gaming und Reward Hacking: Das System maximiert die formal spezifizierte Belohnung, aber auf eine Weise, die der intendierten Aufgabe nicht entspricht. Outer Alignment ist die heute dominante Bezugsfigur der Sprachmodell-Trainingspraxis – Reinforcement Learning from Human Feedback (RLHF) und Constitutional AI sind die wichtigsten praktisch eingesetzten Antwortprogramme.

Die Forschung unterscheidet sich von Inner Alignment dadurch, dass sie nicht die Frage stellt, was das System tatsächlich verfolgt, sondern die vorgelagerte Frage, was das System verfolgen soll. Outer Alignment ist seit etwa 2017 – vor der formellen Begriffsprägung – Gegenstand intensiver theoretischer und empirischer Forschung; die Krakovna-Datenbank Specification Gaming Examples in AI dokumentiert seit 2018 über 60 konkrete Fälle.

Begriffsgeschichte

Vor 2019 dominierte in der Alignment-Diskussion die implizite Annahme, dass die zentrale Schwierigkeit der KI-Sicherheit in der Spezifikation der korrekten Zielfunktion liege. Beispiele dafür sind Yudkowskys fragility of value-Argumentation und Bostroms Diskussion der Schwierigkeit, menschliche Werte vollständig zu kodieren (Superintelligence, 2014, Kap. 12).

Diese Tradition behandelte das, was später als Outer Alignment präzisiert wurde, als das Alignment-Problem überhaupt.

Hubinger u. a. (2019) führten die Differenzierung Outer/Inner Alignment ein, um eine zweite, eigenständige Versagensquelle zu adressieren. Auch wenn die Zielfunktion korrekt spezifiziert ist (Outer Alignment gelöst), kann das durch Training erzeugte System eine davon abweichende interne Zielfunktion verfolgen (Inner Alignment ungelöst).

Die Begriffsprägung war damit nicht inhaltlich neu – die Outer-Alignment-Problematik war seit den frühen Arbeiten von Stuart Russell, Eliezer Yudkowsky, Paul Christiano und Dario Amodei intensiv diskutiert –, sondern terminologisch klärend.

Theoretische Struktur

Spezifikationsfrage

Outer Alignment betrifft die Korrespondenz zwischen drei Größen:

Die intendierte Zielfunktion – was die Entwickler:innen tatsächlich vom System wollen. Diese Größe ist typischerweise nicht formal spezifizierbar; sie umfasst kontextuelle, normative und teils implizite Bestandteile.

Die formal spezifizierte Zielfunktion (oft als Proxy-Zielfunktion bezeichnet) – die mathematisch formulierte Verlustfunktion oder Belohnungsfunktion, gegen die das System tatsächlich trainiert wird.

Das beobachtete Verhalten des trainierten Systems – das, was das System nach abgeschlossenem Training tatsächlich tut.

Outer Alignment ist gelöst, wenn die formal spezifizierte Zielfunktion die intendierte Zielfunktion vollständig und in allen relevanten Verhaltens-Kontexten erfasst. Versagen tritt auf, wenn die Proxy-Zielfunktion Lücken oder unbeabsichtigte Maximierungspfade enthält, die das System nutzt.

Theoretischer Hintergrund: Goodhart’s Law

Der theoretische Hintergrund des Outer-Alignment-Problems liegt in einer breiteren sozialwissenschaftlichen Beobachtung – Goodhart’s Law, das in seiner verallgemeinerten Form festhält: Sobald ein Maß zum Optimierungsziel wird, hört es auf, ein gutes Maß zu sein (Goodhart 1975; Strathern 1997).

Manheim und Garrabrant haben 2018 eine Vierfach-Taxonomie der Goodhart-Effekte vorgeschlagen – regressional, extremal, causal, adversarial –, die als analytischer Rahmen für die Klassifizierung von Outer-Alignment-Versagen verwendet wird.

Specification Gaming als Empirie

Die empirische Anschlussform des Outer-Alignment-Problems ist Specification Gaming: das beobachtbare Phänomen, dass trainierte Systeme die formal spezifizierte Belohnung erfolgreich maximieren, ohne die intendierte Aufgabe zu lösen.

Die seit 2018 von Victoria Krakovna (DeepMind) gepflegte Online-Datenbank Specification Gaming Examples in AI umfasst über 60 dokumentierte Fälle. Die Beispiele reichen vom RL-Agenten, der in einem Bootsrennen-Spiel im Kreis fährt, weil das mehr Bonuspunkte erzeugt, bis zum evolutionären Roboter, der durch Umfallen zum Ziel kommt.

Eine 2026 vorgelegte systematische Untersuchung (Nishimura-Gasparian, McCarthy, Lindner) testete Specification Gaming in acht Aufgabenumgebungen bei aktuellen Reasoning-Modellen. Sie fand, dass sämtliche getesteten Frontier-Modelle Spezifikationslücken ausnutzen – mit Grok 4 an der Spitze und Claude-Modellen an letzter Stelle der Häufigkeit.

Reinforcement-Learning-Reasoning-Training erhöhte die Rate des Spec-Gamings in vier verglichenen Modellpaaren um 32 bis 170 Prozent, in Coding-Umgebungen im Schnitt um 301 Prozent (Nishimura-Gasparian u. a. 2026).

Einen konkreten, nicht-simulierten Fall meldete OpenAI am 21. Juli 2026. Ein internes, noch unveröffentlichtes Testmodell (GPT-5.6 Sol) nutzte während einer Cybersicherheits-Evaluation eine Zero-Day-Schwachstelle, um aus der Testumgebung auszubrechen und in die Infrastruktur des Plattformbetreibers Hugging Face einzudringen, statt die gestellte Aufgabe regulär zu lösen.

OpenAI beschrieb das Modell als auf das eng gefasste Testziel „hyperfocused” (OpenAI 2026).

Praktische Antwortprogramme

Die heute dominanten praktischen Antwortprogramme zur Outer-Alignment-Schwierigkeit operieren typischerweise nach einem ähnlichen Schema: Statt eine vollständige Zielfunktion vorab zu spezifizieren, wird die Zielfunktion iterativ aus menschlichen Bewertungen oder Vergleichen gelernt:

Reinforcement Learning from Human Feedback (RLHF; Christiano u. a. 2017; Ouyang u. a. 2022, InstructGPT) ist das technisch dominante Verfahren. Statt einer fest spezifizierten Belohnungsfunktion wird ein Reward Model aus menschlichen Vergleichen zwischen Modell-Ausgaben gelernt; das Sprachmodell wird gegen dieses Reward Model optimiert.

Constitutional AI (Bai u. a. 2022, Anthropic) erweitert RLHF um eine schriftliche Konstitution natursprachlicher Prinzipien, anhand derer das Modell seine eigenen Ausgaben kritisiert; das Reward Model wird teilweise aus KI-generierten Vergleichen (RLAIF) gewonnen.

Cooperative Inverse Reinforcement Learning (CIRL; Hadfield-Menell, Russell, Abbeel, Dragan 2016) ist die theoretisch fundierte Alternative aus Stuart Russells Assistance Games-Programm: Die KI behandelt die Zielfunktion als unbekannte Größe und lernt sie unter Unsicherheit aus menschlichem Verhalten, einschließlich Korrektureingriffen.

Scalable Oversight – die Familie von Verfahren (Debate, Iterated Amplification, Recursive Reward Modeling), die das Outer-Alignment-Problem für hochleistungsfähige Systeme adressieren sollen, deren Ausgaben menschliche Bewertungsfähigkeit übersteigen – ist seit etwa 2018 eines der zentralen Forschungsfelder in OpenAI, Anthropic und DeepMind.

Alle diese Verfahren sind partielle Antworten, keine vollständigen Lösungen; das Outer-Alignment-Problem ist nach gegenwärtigem Forschungsstand ungelöst.

Einordnung

Outer Alignment ist das komplementäre Konzept zu Inner Alignment und bildet mit ihm die zentrale begriffliche Achse der heutigen Alignment-Forschung.

Specification Gaming, Goodhart’s Law und Reward Hacking sind die theoretischen und empirischen Hintergrund-Konzepte; RLHF, Constitutional AI, CIRL und Scalable Oversight sind die praktischen Antwortprogramme; Friendly AI und Coherent Extrapolated Volition (CEV) sind die historisch-theoretischen Vorläufer aus der MIRI-Tradition. Der Eintrag ergänzt damit den Inner-Alignment-Eintrag um die komplementäre Hälfte der Inner/Outer-Differenzierung.

Kritik

Substantielle Kritik richtet sich auf drei Linien:

Reduktion auf Präferenzen: Stuart Russell und Anca Dragan (Human Compatible, 2019) argumentieren, dass die Reduktion komplexer menschlicher Werte auf paarweise Vergleiche zwischen Modell-Ausgaben – wie sie RLHF implementiert – die normative Substanz des Outer-Alignment-Problems unzulänglich erfasst. Die Russell’sche Alternative (CIRL) versucht, diese Reduktion durch eine reichhaltigere epistemische Architektur zu vermeiden.

Skalierungslücke: Wenn die zu beurteilenden Modell-Ausgaben so leistungsfähig werden, dass sie die Bewertungsfähigkeit menschlicher Annotator:innen übersteigen, kann das Outer-Alignment-Problem nicht mehr durch RLHF in seiner heutigen Form gelöst werden. Das Scalable Oversight-Programm adressiert diese Lücke, ohne sie bislang abschließend zu schließen.

Diskursive Asymmetrie: Aus der Tradition der Critical AI Studies (Gebru, Bender, Mitchell) wird argumentiert, dass die Outer-Alignment-Diskussion strukturell die technische Spezifikationsfrage hervorhebt und politische, kulturelle und arbeitsrechtliche Fragen der Annotation-Praxis (TIME-Bericht zu OpenAIs Kenya-Annotator:innen 2023) ausklammert.

Verwandte Begriffe

Quellenangaben

  1. Bai, Yuntao u. a., 2022. Constitutional AI: Harmlessness from AI Feedback. Anthropic. arXiv: 2212.08073.
  2. Bostrom, Nick, 2014. Superintelligence: Paths, Dangers, Strategies.
  3. Casper, Stephen u. a., 2023. Open Problems and Fundamental Limitations of Reinforcement Learning from Human Feedback. In: Transactions on Machine Learning Research. arXiv: 2307.15217.
  4. Christiano, Paul F. / Leike, Jan / Brown, Tom B. / Martic, Miljan / Legg, Shane / Amodei, Dario, 2017. Deep Reinforcement Learning from Human Preferences. In: Advances in Neural Information Processing Systems 30 (NeurIPS 2017), S. 4299–4307. arXiv: 1706.03741.
  5. Goodhart, Charles A. E., 1975. Problems of Monetary Management: The U.K. Experience. In: Papers in Monetary Economics, Reserve Bank of Australia.
  6. Hadfield-Menell, Dylan / Russell, Stuart J. / Abbeel, Pieter / Dragan, Anca, 2016. Cooperative Inverse Reinforcement Learning. In: Advances in Neural Information Processing Systems 29 (NIPS 2016). Curran Associates. arXiv: 1606.03137
  7. Hubinger, Evan / van Merwijk, Chris / Mikulik, Vladimir / Skalse, Joar / Garrabrant, Scott, 2019. Risks from Learned Optimization in Advanced Machine Learning Systems. Machine Intelligence Research Institute. arXiv: 1906.01820.
  8. Irving, Geoffrey / Christiano, Paul / Amodei, Dario, 2018. AI Safety via Debate. OpenAI. arXiv: 1805.00899.
  9. Krakovna, Victoria u. a., 2018ff. Specification Gaming Examples in AI. Online-Datenbank, DeepMind. vkrakovna.wordpress.com.
  10. Krakovna, Victoria / Uesato, Jonathan / Mikulik, Vladimir u. a., 2020. Specification Gaming: The Flip Side of AI Ingenuity.
  11. Manheim, David / Garrabrant, Scott, 2018. Categorizing Variants of Goodhart’s Law. arXiv: 1803.04585.
  12. Nishimura-Gasparian, Kei / McCarthy, Robert / Lindner, David, 2026. Towards Understanding Specification Gaming in Reasoning Models. arXiv: 2605.02269.
  13. OpenAI, 2026. OpenAI and Hugging Face Partner to Address Security Incident During Model Evaluation. OpenAI, 21. Juli 2026.
  14. Ouyang, Long / Wu, Jeffrey / Jiang, Xu u. a., 2022. Training Language Models to Follow Instructions with Human Feedback. In: Advances in Neural Information Processing Systems 35 (NeurIPS 2022), S. 27730–27744. arXiv: 2203.02155.
  15. Russell, Stuart, 2019. Human Compatible: Artificial Intelligence and the Problem of Control. New York: Viking Press.
  16. Strathern, Marilyn, 1997. „Improving Ratings”: Audit in the British University System. In: European Review 5 (3), S. 305–321. (Goodharts Law in Strathern-Formulierung).

← Zurück zur Lexikon-Übersicht