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Posthumanismus

Posthumanismus bezeichnet eine in den 1990er Jahren konsolidierte philosophische und kulturtheoretische Strömung, die das humanistische Bild des Menschen als autonomes, vernunftbegabtes, vom Tier, von der Maschine und von der Natur kategorisch abgrenzbares Subjekt grundsätzlich infrage stellt.

Statt eines technischen Überschreitens menschlicher Grenzen (wie im Transhumanismus) zielt der Posthumanismus auf eine begriffliche und ontologische Dezentrierung des Menschen, auf die Aufhebung anthropozentrischer Dualismen (Mensch/Tier, Geist/Körper, Natur/Kultur, Subjekt/Objekt) und auf eine relationale, ökologisch und materiell eingebettete Subjektkonzeption.

Zusammenfassung

Der Posthumanismus ist keine einheitliche Lehre, sondern ein heterogenes Forschungsfeld, das postrukturalistische Humanismuskritik (Foucault, Derrida), feministische Wissenschafts- und Technikforschung (Haraway, Barad), Kybernetik- und Medientheorie (Hayles), Animal Studies (Wolfe), Akteur-Netzwerk-Theorie (Latour) und neue Materialismen verbindet.

Sein Ausgangspunkt ist eine Diagnose: Der humanistische Mensch – implizit weiß, männlich, europäisch, gesund, erwachsen, vernünftig – sei sowohl historisch partikular als auch ethisch und ökologisch unhaltbar.

Aus dem Posthumanismus gehen sowohl theoretische Programme (kritischer Posthumanismus, Posthumanities) als auch politische Allianzen hervor (mit ökofeministischen, dekolonialen und animal-ethischen Bewegungen). Innerhalb des Feldes wird scharf zwischen kritischem Posthumanismus und dem, was Kritiker als „popularen” oder „technologischen Posthumanismus” bezeichnen und in die Nähe des Transhumanismus rücken, unterschieden.

Begriffsgeschichte

Der literaturwissenschaftliche Theoretiker Ihab Hassan verwendete den Begriff posthumanism erstmals 1977 in einem programmatischen Essay (Prometheus as Performer: Toward a Posthumanist Culture?), in dem er das Ende des klassischen humanistischen Subjekts diagnostizierte.

Die heutige akademische Form des Posthumanismus konstituierte sich in den 1990er Jahren durch drei Schlüsselbeiträge: Donna Haraways A Cyborg Manifesto (1985, überarbeitet 1991), N. Katherine HaylesHow We Became Posthuman: Virtual Bodies in Cybernetics, Literature, and Informatics (1999) und in der Folge Cary Wolfes What Is Posthumanism? (2010) sowie Rosi Braidottis The Posthuman (2013), die das Feld als eigene Disziplin systematisierte.

Im deutschsprachigen Raum legte Janina Loh mit Trans- und Posthumanismus zur Einführung (2018) eine einflussreiche Systematik vor.

Theoretische Vorläufer

Der Posthumanismus knüpft an mehrere ältere Theorietraditionen an:

Hauptströmungen

Janina Loh unterscheidet im deutschsprachigen Diskurs drei zentrale Spielarten:

Kritischer Posthumanismus

Die in der akademischen Theorie dominante Strömung. Vertreter sind unter anderem Rosi Braidotti, Donna Haraway, N. Katherine Hayles, Cary Wolfe, Karen Barad, Francesca Ferrando und Stefan Herbrechter.

Im Zentrum steht die Dekonstruktion des humanistischen Subjekts: nicht als technologischer Überschreitungsvorgang, sondern als Aufdeckung der historischen Partikularität, der inneren Ausschlüsse und der konstitutiven Anderen (Tier, Maschine, „Barbar”, Frau, Kolonisierter), durch die der humanistische Anthropos überhaupt erst konturiert worden sei.

Braidotti betont in The Posthuman (2013) den engen historischen Zusammenhang zwischen Humanismus, Rassismus und Imperialismus.

Kultureller / popularer Posthumanismus

Bezeichnet einen breiteren kulturellen Diskurs in Science-Fiction, Cyberpunk, Film und digitaler Kunst, in dem posthumane Figuren (Cyborgs, KI-Wesen, hybride Körper) verhandelt werden. Werke von William Gibson, Octavia Butler, Stanisław Lem und Filme wie Blade Runner und Ex Machina sind klassische Bezugspunkte.

Technologischer Posthumanismus

In dieser Lesart wird der Begriff für eine Position verwendet, die der technischen Selbsttransformation des Menschen ein post-biologisches Endstadium zuschreibt. Inhaltlich überlappt er weitgehend mit dem Transhumanismus; viele Autoren (u. a. Stefan Lorenz Sorgner, Robert Ranisch) verstehen den Transhumanismus selbst als Spielart des Posthumanismus, andere (u. a. Janina Loh, Cary Wolfe) bestehen auf scharfer Trennung.

Ferrandos sieben Lesarten

Francesca Ferrando schlägt in Philosophical Posthumanism (2019) eine Differenzierung in sieben verwandte, aber nicht identische Bedeutungen vor: (1) Antihumanismus, (2) kultureller Posthumanismus, (3) philosophischer Posthumanismus, (4) Posthumanities (als interdisziplinäres Forschungsfeld), (5) AI-Übernahme-Szenarien, (6) freiwilliges menschliches Aussterben, (7) Transhumanismus.

Diese Aufgliederung verdeutlicht das semantische Spektrum, das der Begriff im englischsprachigen Diskurs trägt.

Zentrale Konzepte

Cyborg (Haraway)

In A Cyborg Manifesto (1985) entwickelt Donna Haraway die Figur der Cyborg als hybrides „material-semiotisches” Wesen, das die Dichotomien Natur/Kultur, Organismus/Maschine und Frau/Mann irritiert. Die Cyborg ist nicht utopisches Ziel, sondern Beschreibung einer bereits bestehenden Verfasstheit menschlicher Existenz.

Naturecultures (Haraway)

Haraway prägt den Begriff naturecultures (in The Companion Species Manifesto, 2003), um die Untrennbarkeit von Natur und Kultur und die ko-konstitutive Beziehung von Menschen und ihren Begleitspezies (Hunde, Mikrobiom, Pflanzen) zu fassen.

Agential Realism (Barad)

Karen Barad entwickelt in Meeting the Universe Halfway (2007) – in Anschluss an Niels Bohrs Quantenphysik – den Ansatz eines agentiellen Realismus: Phänomene werden nicht als Resultate zwischen vorgegebenen Entitäten verstanden, sondern Entitäten gehen aus intra-aktions-Prozessen erst hervor. Materie ist agentisch, nicht passiv.

Posthumane Subjektivität (Braidotti)

Braidotti entwirft das posthumane Subjekt als „nomadisch”, relational, ökologisch verflochten und durch eine zoe-zentrierte Ethik (Achtung allen Lebens jenseits der menschlichen bios) gekennzeichnet.

Companion Species und Multispecies-Ethik

Aus Haraways späterem Werk (When Species Meet, 2008; Staying with the Trouble, 2016) sowie Eduardo Kohns How Forests Think (2013) hervorgegangen, fasst dieses Konzept menschliche Existenz als ko-evolutionäre Praxis mit anderen Spezies.

Anthropozän und Capitalocene

Posthumane Theorie überschneidet sich mit der Diskussion um das Anthropozän und seine Kritik (Jason Moore: Capitalocene; Donna Haraway: Chthulucene). Braidotti verschiebt den Fokus von einer abstrakten „Menschheit als geologischer Kraft” hin zu den ungleichen ökonomischen und kolonialen Strukturen, die diese Wirkung erzeugt haben.

Abgrenzung zum Transhumanismus

Die Differenz lässt sich pointiert zusammenfassen:

Posthumanisten kritisieren am Transhumanismus regelmäßig, dass dieser zentrale humanistische Annahmen – Subjektzentrierung, Verbesserungslogik, Anthropozentrismus, körperlich-geistiger Dualismus, Vereinzelung – gerade nicht überwinde, sondern technologisch radikalisiere.

Politische und ethische Implikationen

Posthumane Theorie ist konstitutiv mit politischen Anliegen verbunden: feministische Wissenschaftskritik, Multispecies-Ethik, dekoloniale Theorie, Tierrechtsdebatten, ökologische Politik. Sie wird in Bereichen wie Umweltethik, Tierethik, Roboterethik, KI-Ethik, Bildungstheorie, Literatur- und Medienwissenschaft sowie zunehmend in der Anthropologie und in den Empirischen Kulturwissenschaften rezipiert.

Kritik

Aus humanistischer Perspektive

Vertreter humanistischer Traditionen – etwa Jürgen Habermas – wenden ein, dass die Aufweichung der kategorialen Trennung zwischen Mensch und Nicht-Mensch die normativen Grundlagen von Menschenrechten und liberaler Demokratie unterspüle.

Aus marxistisch-humanistischer Perspektive

Autoren wie Alberto Toscano oder Andreas Malm kritisieren am Posthumanismus eine politische Defokussierung: Die Aufmerksamkeit für nicht-menschliche Agentien drohe die Analyse konkreter sozio-ökonomischer Machtverhältnisse – Klasse, Staat, Kapital – zu verflüssigen.

Aus analytischer Wissenschaftsphilosophie

Aus stärker analytischer Perspektive wird der Posthumanismus als sprachlich überfrachtet und in seinen ontologischen Behauptungen (insbesondere zur Handlungsfähigkeit nicht-menschlicher Entitäten) als argumentativ unzureichend kritisiert.

Aus dem Posthumanismus selbst

Auch innerhalb des Feldes finden Selbstkritiken statt: Cary Wolfe wirft Haraway eine residuale humanistische Subjektzentrierung vor. Postkoloniale Theoretiker (u. a. Sylvia Wynter, Zakiyyah Iman Jackson) verweisen darauf, dass die Frage „Wer war je vollständig Mensch?” historisch schwarzen, indigenen und kolonisierten Menschen verweigert wurde – eine Dimension, die manche Posthumanismen unterbelichteten.

Posthumanismus im deutschsprachigen Diskurs

Im deutschsprachigen Raum verlief die Rezeption mit Verzögerung. Wichtige frühe Stationen sind Peter Sloterdijks Elmauer Vortrag Regeln für den Menschenpark (1999) und die daran anschließende, kontroverse Habermas-Sloterdijk-Debatte.

Später folgten Stefan Herbrechters Posthumanismus: Eine kritische Einführung (2009), Janina Lohs Trans- und Posthumanismus zur Einführung (2018), Stefan Lorenz Sorgners Arbeiten sowie der Sammelband Posthuman? Neue Perspektiven auf Natur/Kultur (Cress/Murawska/Schlitte 2023).

In jüngerer Zeit etabliert sich der Begriff empirischer Posthumanismus (Oliwia Murawska) in der Kulturanthropologie.

Verwandte Begriffe

Quellenangaben

  1. Barad, Karen (2007): Meeting the Universe Halfway: Quantum Physics and the Entanglement of Matter and Meaning.
  2. Braidotti, Rosi, 2013. The Posthuman.
  3. Braidotti, Rosi (2019): Posthuman Knowledge.
  4. Cress, Torsten / Murawska, Oliwia / Schlitte, Annika (Hrsg.) (2023): Posthuman? Neue Perspektiven auf Natur/Kultur.
  5. Ferrando, Francesca (2019): Philosophical Posthumanism.
  6. Foucault, Michel (1966): Les Mots et les choses. Paris: Gallimard. (Dt.: Die Ordnung der Dinge. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1971.)
  7. Haraway, Donna (1991): A Cyborg Manifesto: Science, Technology, and Socialist-Feminism in the Late Twentieth Century. In: dies.: Simians, Cyborgs, and Women. New York: Routledge, S. 149–181.
  8. Haraway, Donna J. (2003): The Companion Species Manifesto: Dogs, People, and Significant Otherness.
  9. Haraway, Donna J. (2008): When Species Meet.
  10. Haraway, Donna J. (2016): Staying with the Trouble: Making Kin in the Chthulucene.
  11. Hassan, Ihab (1977): Prometheus as Performer: Toward a Posthumanist Culture? In: The Georgia Review 31 (4), S. 830–850.
  12. Hayles, N. Katherine, 1999. How We Became Posthuman: Virtual Bodies in Cybernetics, Literature, and Informatics.
  13. Herbrechter, Stefan (2009): Posthumanismus. Eine kritische Einführung.
  14. Jackson, Zakiyyah Iman (2020): Becoming Human: Matter and Meaning in an Antiblack World.
  15. Latour, Bruno (1991): Nous n’avons jamais été modernes. Paris: La Découverte. (Dt.: Wir sind nie modern gewesen. Berlin: Akademie, 1995.)
  16. Loh, Janina (2018): Trans- und Posthumanismus zur Einführung.
  17. Ranisch, Robert / Sorgner, Stefan Lorenz (Hrsg.) (2014): Post- and Transhumanism: An Introduction.
  18. Sloterdijk, Peter (1999): Regeln für den Menschenpark. Ein Antwortschreiben zu Heideggers Brief über den Humanismus.
  19. Wolfe, Cary, 2010. What Is Posthumanism?
  20. Wynter, Sylvia (2003): Unsettling the Coloniality of Being/Power/Truth/Freedom. In: The New Centennial Review 3 (3), S. 257–337.

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