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Capitalocene

Capitalocene (deutsch etwa Kapitalozän) ist ein Gegenbegriff zum Anthropozän. Er hält fest, dass die ökologische Krise nicht der Menschheit als Gattung anzulasten ist, sondern einer bestimmten historischen Ordnung: der kapitalistischen Organisation von Natur und Arbeit.

Zusammenfassung

Der Einwand gegen das Anthropozän ist einfach und schwer zu entkräften. Wer das Erdzeitalter nach dem Menschen benennt, unterstellt eine gemeinsame Verursachung. Tatsächlich verteilen sich Emissionen, Ressourcenverbrauch und Gewinne höchst ungleich.

Der Alternativvorschlag verlegt den Beginn nicht in die Industrialisierung, sondern in das lange 16. Jahrhundert – in die Zeit der Kolonialisierung, der Plantagenwirtschaft und der Entstehung eines Weltmarkts.

Der Kernbegriff dabei ist die billige Natur: Kapitalakkumulation setzt voraus, dass bestimmte Dinge nichts kosten – Rohstoffe, Energie, Nahrung, und die Arbeit derjenigen, deren Tätigkeit nicht als Arbeit zählt.

Für die KI-Debatte ist der Begriff über die Critical AI Studies anschlussfähig: Rechenzentren, Rohstoffabbau und Datenaufbereitung lassen sich als heutige Fortsetzung derselben Anordnung lesen.

Begriffsgeschichte

Der Ausdruck entstand um 2009 in einem Seminar; die Prägung wird dem schwedischen Humanökologen Andreas Malm zugeschrieben. Ausgearbeitet wurde er vom Umwelthistoriker Jason W. Moore.

Moore legte 2015 mit Capitalism in the Web of Life die theoretische Fassung vor und gab 2016 einen Sammelband heraus, der die Debatte zwischen beiden Begriffen bündelte.

Parallel verwendete Donna Haraway den Begriff in eigener Absicht. Sie hält ihn für zutreffender als das Anthropozän und zugleich für unzureichend – weshalb sie ihm den Chthulucene an die Seite stellt.

Die Auseinandersetzung mit Malm verlief nicht spannungsfrei: Malm und Alf Hornborg kritisieren an Moores Fassung, sie löse die Trennung von Gesellschaft und Natur so weit auf, dass sich Verantwortung nicht mehr zuordnen lässt.

Die geologische Fachwelt hat den Begriff nicht übernommen; die zuständige Kommission lehnte 2024 auch die formale Einführung des Anthropozäns ab.

Methodische Grundlagen

Weltökologie. Moores Grundbegriff: Kapitalismus ist keine Wirtschaftsform, die auf eine Umwelt einwirkt, sondern eine Weise, Natur zu organisieren – Menschen eingeschlossen.

Die vier billigen Dinge. Arbeitskraft, Nahrung, Energie und Rohstoffe müssen billig bleiben, damit Akkumulation weitergeht. Krisen entstehen, wenn eine dieser Größen teuer wird.

Aneignung statt Ausbeutung. Neben der bezahlten Arbeit steht die unbezahlte Aneignung – Hausarbeit, Sklavenarbeit, die Leistungen von Ökosystemen. Ohne sie trägt die Rechnung nicht.

Verlegung des Anfangs. Der Beginn wird nicht auf die Dampfmaschine datiert, sondern auf die Zuckerplantagen und den Silberbergbau des 16. Jahrhunderts.

Ungleiche Verursachung. Die empirische Stütze: Ein kleiner Teil der Weltbevölkerung und eine überschaubare Zahl von Unternehmen verantworten den größten Teil der historischen Emissionen.

Anwendungsfelder

Umweltgeschichte. Der Begriff strukturiert eine Forschungsrichtung, die Wirtschafts- und Naturgeschichte nicht trennt.

Klimadebatte. Er liefert das Argument gegen eine Verantwortungszuschreibung, die alle gleich behandelt und damit niemanden trifft.

Postkoloniale Theorie. Die Verlegung des Anfangs in die Kolonialzeit verbindet Umweltfrage und koloniale Geschichte.

KI-Kritik. Der materielle Zugriff auf die Branche – Wasserverbrauch der Rechenzentren, Kobaltabbau, Bezahlung der Datenarbeit – nutzt die Begrifflichkeit, häufig ohne sie zu nennen.

Kontroversen und Kritik

Zu grob. Der häufigste Einwand: Kapitalismus ist als Erklärung so umfassend, dass er wenig erklärt. Staatssozialistische Länder haben ebenfalls erhebliche Umweltschäden verursacht.

Streit unter Verbündeten. Malm und Hornborg werfen Moore vor, mit der Aufhebung der Trennung von Natur und Gesellschaft die begrifflichen Mittel zu verlieren, um Verantwortliche zu benennen.

Geologische Unbrauchbarkeit. Als erdgeschichtliche Bezeichnung ist der Begriff untauglich – Gesteinsschichten tragen keine Eigentumsordnung. Verteidiger halten das für unerheblich, da es um eine geschichtliche und nicht um eine stratigraphische Aussage gehe.

Fehlende Handlungsanweisung. Wer die Ursache in einer gesamten Wirtschaftsordnung findet, hat ein Ziel benannt, aber keinen Weg.

Konkurrenz der Begriffe. Neben Capitalocene stehen Plantationocene, Technocene und weitere Vorschläge. Die Vermehrung der Bezeichnungen wird selbst als Symptom gelesen.

Was der Streit um einen Namen austrägt

Es wirkt kleinlich, um die Benennung eines Erdzeitalters zu streiten. Der Streit ist es nicht, denn ein Name enthält eine Zuschreibung.

Anthropozän sagt: Der Mensch hat das getan. Das ist wahr und zugleich irreführend, weil es eine Gattung zum Träger einer Handlung macht, die einzelne Akteure zu bestimmten Zeiten an bestimmten Orten vollzogen haben. Wo alle verantwortlich sind, ist es niemand.

Capitalocene sagt: Eine bestimmte Ordnung hat das getan. Das ist genauer und handelt sich das Gegenproblem ein, dass eine Ordnung ebenfalls kein handelndes Subjekt ist – und dass sich unter ihr Vieles subsumieren lässt, was wenig gemeinsam hat.

Die Übertragung auf die KI-Debatte zeigt dasselbe Muster. Wer sagt, die KI verbrauche Wasser und Strom, benennt einen Sachverhalt und verdeckt, dass Anlagen gebaut werden, weil sich jemand davon etwas verspricht. Wer sagt, das Kapital tue es, benennt die Triebkraft und verliert die technische Bestimmtheit dessen, wovon die Rede ist.

Beide Fassungen sind unvollständig, und die Wahl zwischen ihnen ist keine sprachliche Vorliebe: Sie entscheidet, an wen sich eine Forderung richtet.

Verwandte Begriffe

Quellenangaben

  1. Haraway, Donna J. (2016): Staying with the Trouble: Making Kin in the Chthulucene.
  2. Malm, Andreas (2016): Fossil Capital: The Rise of Steam Power and the Roots of Global Warming.
  3. Moore, Jason W. (2015): Capitalism in the Web of Life: Ecology and the Accumulation of Capital.
  4. Moore, Jason W. (Hrsg.) (2016): Anthropocene or Capitalocene? Nature, History, and the Crisis of Capitalism.

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Zuletzt bearbeitet: 10. August 2026

Zusammengestellt, formuliert, lektoriert und korrigiert mit KI-Unterstützung. Kuratiert von Nils Brauer. Alle Angaben ohne Gewähr.