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Donna Haraway

Donna Jeanne Haraway (* 6. September 1944 in Denver, Colorado) ist eine US-amerikanische Biologin, Wissenschaftshistorikerin und Theoretikerin, Distinguished Professor Emerita im History of Consciousness Department und im Feminist Studies Department der University of California, Santa Cruz.

Ihr Werk steht im Zentrum mehrerer eng verwandter Forschungsfelder – feministischer Wissenschafts- und Technikforschung (STS), Posthumanismus, animal studies, multispecies studies und der Environmental Humanities. Seit den 1980er Jahren hat es wesentlich dazu beigetragen, dass strikte Grenzziehungen zwischen Natur und Kultur, Mensch und Tier, Organismus und Maschine als analytisch unzureichend gelten.

Haraway ist eine der einflussreichsten Theoretikerinnen der zweiten Hälfte des 20. und des frühen 21. Jahrhunderts und zugleich Inhaberin einer charakteristischen Begriffsfabrik: Sie hat eine Reihe heute fest etablierter Termini geprägt – Cyborg, Situated Knowledges, Naturecultures, Companion Species, Sympoiesis, Chthulucene, Making Kin –, die jeweils ganze Theorietraditionen strukturieren.

Zusammenfassung

Haraway studierte zunächst Zoologie, Philosophie und Literatur und promovierte 1972 in Biologie an der Yale University über entwicklungsbiologische Metaphern.

Ab den frühen 1980er Jahren – institutionell verankert in dem interdisziplinären Programm History of Consciousness in Santa Cruz – entwickelte sie eine eigenständige Methodologie, die Wissenschaftsanalyse, feministische Theorie, marxistische Kritik, spekulative Fabulation und biologische Detailkenntnis kombiniert.

Mit A Cyborg Manifesto (1985) lieferte sie eines der meistzitierten Texte feministischer Theorie überhaupt. Mit Situated Knowledges (1988) folgte eine bis heute paradigmatische Position zur Frage wissenschaftlicher Objektivität.

Es folgte eine ganze Werkreihe, die die Felder der Wissenschafts-, Tier- und Anthropozänforschung neu konfiguriert hat. Dazu zählen Primate Visions (1989), Modest_Witness@Second_Millennium (1997), The Companion Species Manifesto (2003), When Species Meet (2008) und Staying with the Trouble: Making Kin in the Chthulucene (2016).

Haraways Stil – verspielt, neologistisch, dicht intertextuell, lyrisch – ist Gegenstand von Bewunderung und Kritik gleichermaßen.

Biografie

Donna Haraway wuchs in Denver in einem irisch-katholischen Elternhaus auf – eine biografische Tatsache, die sie selbst als prägend für ihren spezifischen Begriff von „weltlicher Inkarnation” und ihre Empfänglichkeit für religiöse Bildsprache benannt hat.

Sie studierte am Colorado College (B.A. 1966 in Zoologie und Philosophie) und als Fulbright-Stipendiatin in Paris (1966–1967, u. a. bei Teilhard de Chardin). Danach promovierte sie an der Yale University 1972 in Biologie über The Search for Organizing Relations: An Organismic Paradigm in 20th Century Developmental Biology (gedruckt 1976 als Crystals, Fabrics, and Fields).

Frühe akademische Stationen waren die University of Hawaii (1971–1974) und die Johns Hopkins University (1974–1980, History of Science).

1980 wechselte sie an die University of California, Santa Cruz, in das History of Consciousness Program, wo sie bis zu ihrer Emeritierung 2014 lehrte und seither weiterforscht. Mit der Wissenschaftlerin Rusten Hogness ist sie seit 1991 verheiratet.

Werk

Frühe Phase: Wissenschafts- und Primatengeschichte

In Crystals, Fabrics, and Fields: Metaphors of Organicism in Twentieth-Century Developmental Biology (1976) untersucht Haraway, wie metaphorische Grundkonzeptionen die biologische Theoriebildung formen.

Primate Visions: Gender, Race, and Nature in the World of Modern Science (1989) erweitert diese Analyse zu einer großangelegten kritischen Geschichte der Primatologie als wissenschaftlicher Disziplin.

Haraway zeigt, wie sich in den Konstruktionen des „nicht-menschlichen Primaten” Vorstellungen von Gender, Rasse, Kolonialismus und Familienordnung niederschlagen. Beide Werke etablieren ihren methodischen Ansatz: enge Detailkenntnis des wissenschaftlichen Materials in Verbindung mit kritisch-feministischer und politökonomischer Analyse.

A Cyborg Manifesto (1985)

Der Essay erschien erstmals 1985 in der Socialist Review unter dem Titel A Manifesto for Cyborgs: Science, Technology, and Socialist Feminism in the 1980s. 1991 wurde er in der Sammlung Simians, Cyborgs, and Women überarbeitet und als A Cyborg Manifesto: Science, Technology, and Socialist-Feminism in the Late Twentieth Century neu aufgelegt; er ist bis heute ihr meistzitierter Text.

Der Cyborg fungiert in ihm nicht als technikoptimistische Erfüllungsfigur, sondern als analytischer Begriff für eine Existenzweise jenseits klassischer Dichotomien: Organismus/Maschine, Natur/Kultur, Mensch/Tier, Männlich/Weiblich, körperlich/unkörperlich.

Haraway plädiert für ein politisches und theoretisches Selbstverständnis, das die Reinheitsfantasien identitärer Politik aufgibt und stattdessen partielle, nicht-essentialistische Allianzen anstrebt. Der berühmte Schlusssatz lautet sinngemäß, sie sei lieber Cyborg als Göttin.

Situated Knowledges (1988)

In dem Aufsatz Situated Knowledges: The Science Question in Feminism and the Privilege of Partial Perspective (Feminist Studies, 1988) entwirft Haraway eine wissenschaftstheoretische Position, die Objektivität nicht als „Blick von Nirgendwo” (Nagel) versteht, sondern als verantwortlich verkörperte, partielle Perspektive.

Die Position vermittelt zwischen einem naiven Realismus und einem totalisierenden Konstruktivismus und ist heute eine paradigmatische Referenz in der Wissenschaftsforschung und Erkenntnistheorie.

Modest_Witness@Second_Millennium (1997)

*Modest_Witness@Second_Millennium.FemaleMan©_Meets_OncoMouse™: Feminism and Technoscience* (1997) – der barocke Titel ist programmatisch – untersucht Technoscience als verschränktes Feld biotechnologischer Praxis, Patentwesen und kultureller Bildsprache.

Die patentierte transgene Labormaus OncoMouse dient als Leitfigur einer Analyse, die Bio- und Konsumkultur, akademische Forschung und Marktverwertung als ineinander verschränkt zeigt.

Companion Species und Multispecies Studies (2003ff.)

In The Companion Species Manifesto: Dogs, People, and Significant Otherness (2003) und in When Species Meet (2008) verlagert Haraway den Fokus von der Cyborg-Figur auf das Mensch-Tier-Verhältnis, insbesondere zu Hunden.

Companion species werden zu einer Schlüsselkategorie ihrer späteren Arbeit: nicht als bloßes „Anderes” des Menschen, sondern als ko-konstitutive Partner historischer Werde- und Lebensprozesse. Beide Bücher haben die heutige multispecies anthropology (Eduardo Kohn, Anna Tsing) und die animal studies (Cary Wolfe, Vinciane Despret) wesentlich geprägt.

Staying with the Trouble (2016)

In Staying with the Trouble: Making Kin in the Chthulucene (Duke University Press, 2016) verbindet Haraway ihre Lebensthemen zu einer eigenständigen Ethik und Ontologie ökologischen Zusammenlebens.

Statt Anthropozän schlägt sie Chthulucene vor (von altgriechisch khthonios, „der Erde zugehörig”; nicht von H. P. Lovecrafts Cthulhu), in dem multispezies-relationale Existenzweisen jenseits anthropozentrischer Subjektkonstruktion gedacht werden sollen. Verbunden ist dies mit dem Imperativ Make Kin, Not Babies – einer demografisch-politischen Position, die innerhalb der ökofeministischen Debatte selbst Gegenstand kontroverser Auseinandersetzung ist.

Theoretische Kernkonzepte

Cyborg

Der Cyborg ist bei Haraway weder eine Science-Fiction-Figur noch eine futuristische Erlösungsgestalt, sondern ein analytischer Begriff: eine Figur, die die Brüchigkeit moderner Dichotomien (Natur/Kultur, Mensch/Maschine, Mann/Frau, Innen/Außen) sichtbar macht und neue politische Subjektivitäten ermöglicht.

Situated Knowledges

Wissenschaftliche Objektivität ist nach Haraway weder „Sichtweise von Nirgendwo” noch beliebige Standortgebundenheit, sondern verantwortliche, verkörperte, partielle Perspektive. Diese Position vermittelt zwischen feministischem Standpunkt-Empirismus und dekonstruktivem Konstruktivismus.

Naturecultures

Naturkulturen (im englischen Original häufig als ein Wort: naturecultures) bezeichnen die analytische Voraussetzung, dass Natur und Kultur nicht als getrennte Sphären, sondern als immer schon ineinander verschränkte Hervorbringungen zu verstehen sind. Der Begriff ist Grundlage späterer Begriffe wie Companion Species und Chthulucene.

Diffraction (Beugung statt Spiegelung)

Gegen die Metapher der Reflexion (Spiegelung) entwickelt Haraway – in Anlehnung an Karen Barads physikalisch-philosophische Ausarbeitung – Diffraction (Beugung) als Figur: eine Form der Wissensproduktion, die Differenzen nicht spiegelt, sondern Muster und Effekte hervorbringt.

Companion Species

Mit dem Begriff verschiebt Haraway die Aufmerksamkeit vom autonomen menschlichen Subjekt zu den ko-evolutiv und sozial verflochtenen Beziehungen zwischen Spezies. Der Begriff ist nicht auf domestizierte Tiere beschränkt, sondern umfasst auch Bakterien, Pflanzen, Viren und symbiotische Lebensgemeinschaften.

Sympoiesis

Im Gegensatz zur klassischen biologischen Idee der Autopoiesis (Selbst-Hervorbringung, Maturana / Varela) bezeichnet Sympoiesis (Beth Dempster 2000, durch Haraway popularisiert) die Mit-Hervorbringung: kein System bringt sich selbst hervor, alle Hervorbringung ist relational.

SF (Speculative Fabulation / String Figures / Science Fact / Science Fiction)

Das polysem geöffnete Kürzel SF fasst Haraways Programm zusammen: Wissenschaft, Fiktion, Spekulation und Geschichtenerzählen sind keine getrennten Aktivitäten, sondern verschiedene Modi „der Welt machen”. String figures – als Bild des Wadenfaden-Spiels über mehrere Hände hinweg – symbolisieren die relationale Wissensproduktion.

Chthulucene und Verwandtschaft mit Capitalocene / Plantationocene

Im Aufsatz Anthropocene, Capitalocene, Plantationocene, Chthulucene: Making Kin (Environmental Humanities 2015) und in Staying with the Trouble (2016) entwickelt Haraway ihre Variante der Anthropozän-Reformulierung.

Chthulucene ist dabei keine bloße Alternative zu Anthropocene, sondern eine programmatische Verlagerung der Aufmerksamkeit. Statt einer Verfallsdiagnose („die Menschheit hat die Erde ruiniert”) wird die Aufgabe darin gesehen, in den „Mühen des Lebens” (staying with the trouble) multispezies-relationale Existenzweisen zu kultivieren.

Making Kin

Make Kin, Not Babies ist eine in Staying with the Trouble prominent vertretene Position: Statt anthropozentrische Reproduktion zu privilegieren, sollten ökologisch und sozial verflochtene kin-Beziehungen – auch und gerade zwischen Spezies – vorrangig sein. Die Position ist demografisch-politisch umstritten und wurde teils als (möglicherweise unfreiwillig) anti-natalistisch und privilegiert kritisiert.

Stil und Methode

Haraways Schreibstil ist erkennbar: dichte intertextuelle Verweise auf Sciencefiction (Octavia Butler, Ursula K. Le Guin, Joanna Russ), biologische Fachliteratur, marxistische und feministische Theorie, jüdische und christliche Tradition; eine ausgeprägte Vorliebe für Neologismen, Typographie-Spiele (Großschreibung, ©, ™, @) und narrative Verfahren.

Sie selbst beschreibt ihr Verfahren als speculative fabulation – eine Methode, die analytische Strenge und imaginative Kraft zu verbinden sucht.

Kritiker monieren mitunter die hohe Eintrittsschwelle und stilistische Idiosynkrasie ihrer Texte; Verteidiger argumentieren, dass die Form des Schreibens selbst Bestandteil der theoretischen Position ist.

Rezeption und Wirkung

Haraways Werk hat in mehreren Feldern paradigmatischen Status:

Auszeichnungen umfassen unter anderem die J. D. Bernal Prize der Society for Social Studies of Science (2000), die Wilbur Cross Medal der Yale Graduate School (2017) und die Ehrendoktorwürde der Universität Lund (2017).

2025 wurde Haraway mit zwei weiteren internationalen Auszeichnungen geehrt: dem Goldenen Löwen für ihr Lebenswerk der 19. Internationalen Architekturausstellung der Biennale di Venezia sowie dem mit 150.000 Euro dotierten Erasmus-Preis der niederländischen Praemium Erasmianum-Stiftung, verliehen im Herbst 2025 unter dem Jahresthema „the pursuit of what binds us”.

Kritik

Trotz der breiten Anerkennung gibt es eine Reihe von Kritiklinien:

Verwandte Begriffe

Quellenangaben

  1. Grebowicz, Margret / Merrick, Helen (2013): Beyond the Cyborg: Adventures with Donna Haraway.
  2. Haraway, Donna J. (1976): Crystals, Fabrics, and Fields: Metaphors of Organicism in Twentieth-Century Developmental Biology.
  3. Haraway, Donna J. (1985): A Manifesto for Cyborgs: Science, Technology, and Socialist Feminism in the 1980s. In: Socialist Review 80, S. 65–108.
  4. Haraway, Donna J. (1988): Situated Knowledges: The Science Question in Feminism and the Privilege of Partial Perspective. In: Feminist Studies 14 (3), S. 575–599.
  5. Haraway, Donna J. (1989): Primate Visions: Gender, Race, and Nature in the World of Modern Science.
  6. Haraway, Donna J., 1991. Simians, Cyborgs, and Women: The Reinvention of Nature.
  7. Haraway, Donna J. (1997): *Modest_Witness@Second_Millennium.FemaleMan©_Meets_OncoMouse™: Feminism and Technoscience.*
  8. Haraway, Donna J. (2003): The Companion Species Manifesto: Dogs, People, and Significant Otherness.
  9. Haraway, Donna J. (2008): When Species Meet.
  10. Haraway, Donna J. (2015): Anthropocene, Capitalocene, Plantationocene, Chthulucene: Making Kin. In: Environmental Humanities 6 (1), S. 159–165. DOI: 10.1215/22011919-3615934.
  11. Haraway, Donna J. (2016): Staying with the Trouble: Making Kin in the Chthulucene.
  12. Haraway, Donna J. / Wolfe, Cary (2016): Manifestly Haraway.
  13. Latimer, Joanna (2017): Review: Donna J Haraway, Manifestly Haraway: The Cyborg Manifesto, The Companion Species Manifesto, Companions in Conversation (with Cary Wolfe). In: Theory, Culture & Society 34 (7–8), S. 245–252.
  14. Lewis, Sophie (2017): Cthulhu Plays No Role for Me. In: Viewpoint Magazine, 8. Mai 2017 (Replik auf Haraways Make Kin, Not Babies).
  15. Loh, Janina (2018): Trans- und Posthumanismus zur Einführung.
  16. Schneider, Joseph (2005): Donna Haraway: Live Theory.
  17. University of California, Santa Cruz (Red.), 2025. Donna Haraway, Distinguished Professor Emerita in the History of Consciousness Department, Receives International Honors. UC Santa Cruz News, 2. Mai 2025. https://news.ucsc.edu/2025/05/donna-haraway-distinguished-professor-emerita-in-the-history-of-consciousness-department-receives-international-honors/

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