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Transhumanismus

Transhumanismus (englisch transhumanism, gelegentlich abgekürzt H+ oder >H) bezeichnet eine philosophische und kulturelle Strömung. Sie tritt für den ethischen Einsatz von Wissenschaft und Technik zur radikalen Erweiterung menschlicher kognitiver, physischer und emotionaler Fähigkeiten ein – bis hin zur Überwindung von Krankheit, Alterung und biologischem Tod.

Transhumanisten verstehen das gegenwärtige Menschsein als evolutionären Übergangszustand und das posthumane Stadium, in dem grundlegende biologische Begrenzungen technisch überwunden wären, als wünschenswertes Ziel.

Zusammenfassung

Der Transhumanismus ist keine einheitliche Doktrin, sondern ein Bündel verwandter Positionen mit gemeinsamen anthropologischen, ethischen und wissenschaftspolitischen Voraussetzungen.

Wissenschaftlich verbindet er sich mit Forschungsfeldern wie Gen-, Bio- und Nanotechnologie, Neurotechnologie, Pharmakologie, künstlicher Intelligenz und Kryonik; philosophisch wurzelt er in naturalistischem Humanismus, rationaler Aufklärungstradition und utilitaristischer Ethik.

Den Begriff prägte der britische Biologe Julian Huxley 1951, organisatorisch formierte sich die Bewegung in den 1990er Jahren um das Extropy Institute und ab 1998 um die World Transhumanist Association (heute Humanity+).

Politisch differenziert sich der Transhumanismus in libertäre, sozialdemokratische und religiöse Spielarten; bioethisch ist er Gegenstand anhaltender Kritik durch bioconservative Positionen (u. a. Francis Fukuyama, Jürgen Habermas, Leon Kass) sowie durch linke Technik- und Ideologiekritik (u. a. im Konzept des TESCREAL-Bundles).

Begriffsgeschichte

Den Ausdruck transhumanism führte der Biologe und erste UNESCO-Generaldirektor Julian Huxley in einem Vortrag von 1951 (publiziert in New Bottles for New Wine, 1957) ein. Huxley verstand darunter die Position, dass die Menschheit ihre Evolution bewusst und planvoll fortführen solle, „remaining man, but transcending himself”.

Ein ideengeschichtlicher Vorläufer ist die Philosophie des französischen Paläontologen und jesuitischen Theologen Pierre Teilhard de Chardin, der mit Begriffen wie Noosphäre und Punkt Omega eine teleologische Vision menschlicher Selbstüberschreitung formulierte.

In den 1960er Jahren prägte der iranisch-amerikanische Zukunftsforscher F. M. Esfandiary (später FM-2030) am New School in New York den Begriff transhuman als Beschreibung eines Übergangswesens zwischen Mensch und Posthumanem.

Die heutige technologisch fokussierte Lesart geht maßgeblich auf Max More zurück, der 1990 in dem Aufsatz Transhumanism: Towards a Futurist Philosophy eine erste systematische Programmatik vorlegte. Nick Bostrom und David Pearce konsolidierten den Begriff in der Transhumanist Declaration (1998, mehrfach revidiert) und in den Transhumanist Values (Bostrom 2003).

Philosophische Grundlagen

Bostroms Transhumanist Values (2003) nennt vier zentrale Voraussetzungen:

  1. Naturalismus: Der Mensch ist Produkt evolutionärer Prozesse, nicht Ausdruck einer feststehenden Wesensnatur; es gibt keine prinzipielle moralische Schranke gegen biotechnologische Selbstgestaltung.
  2. Rationaler Humanismus: Vernunft, Wissenschaft und individuelle Freiheit gelten als grundlegende Werte; Aufklärung und Wissenschaftsfortschritt werden positiv besetzt.
  3. Morphologische Freiheit: Das Recht jedes Individuums, über die eigene körperliche und kognitive Verfasstheit zu bestimmen, einschließlich technologischer Modifikationen.
  4. Wohlfahrtsoffenheit: Die Annahme, dass es bislang unrealisierte, prinzipiell zugängliche Bewusstseinszustände und Lebensformen gibt, deren Wert den heute realisierten Bestand übersteigt.

Verwandte normative Annahmen sind die Ablehnung des biologischen Todes als notwendiger Bedingung menschlicher Existenz (David Pearce: Abolitionist Project, 1995, mit der Forderung eines pharmakologisch-genetisch bedingten Endes von Leid) sowie die utilitaristische Bewertung von Wohlfahrt über Speziesgrenzen hinweg.

Zentrale Themen und Ziele

Politische Strömungen

Der Transhumanismus ist politisch heterogen. Der Soziologe und Bioethiker James Hughes unterscheidet drei Hauptachsen:

Libertärer Transhumanismus

Verbunden insbesondere mit dem 1992 von Max More und Tom Morrow in Kalifornien gegründeten Extropy Institute (geschlossen 2006). Diese frühe Strömung verband technologischen Optimismus mit individualistisch-libertären, teils an Ayn Rand orientierten Ordnungsvorstellungen. Zoltan Istvan, US-Präsidentschaftskandidat 2016 für eine eigene Transhumanist Party, gilt als zeitgenössischer Vertreter.

Demokratischer Transhumanismus / Technoprogressivismus

James Hughes prägte 2002 den Begriff democratic transhumanism und legte ihn in Citizen Cyborg (2004) ausführlich dar. Im Zentrum steht die Forderung nach gleichberechtigtem Zugang zu Enhancement-Technologien, demokratischer Steuerung technologischer Entwicklung und sozialer Absicherung möglicher Risiken. Diese Position ist institutionell mit dem 2004 gegründeten Institute for Ethics and Emerging Technologies (IEET) verbunden.

Hughes diagnostizierte ab etwa 2009 eine Verschiebung im organisierten Transhumanismus weg von sozialdemokratischen hin zu libertären und singularitarischen Positionen, befördert unter anderem durch die Förderpraxis von Peter Thiel.

Religiöse Transhumanismen

Eigene Strömungen bilden mormonische (Mormon Transhumanist Association, 2006), christliche (Christian Transhumanist Association, 2014) und in Russland traditionell verankerte cosmistische Spielarten, die sich auf Nikolai Fjodorow (Philosophie der gemeinsamen Aufgabe, 19. Jh.) zurückbeziehen.

Institutionen

Zu den historisch und gegenwärtig wichtigsten Einrichtungen zählen:

Wichtige Vertreter

Zur ersten und zweiten Generation gehören Julian Huxley, FM-2030, Robert Ettinger (The Prospect of Immortality, 1964), Hans Moravec (Mind Children, 1988), Marvin Minsky, Max More und Natasha Vita-More. Ebenfalls dazu zählen Anders Sandberg, Eric Drexler (Nanotechnologie), Aubrey de Grey, Ray Kurzweil (The Singularity Is Near, 2005), Nick Bostrom, David Pearce, James Hughes und Zoltan Istvan.

Im deutschsprachigen Raum sind Stefan Lorenz Sorgner und Janina Loh (letztere als kritisch-vermittelnde Stimme) zu nennen.

Kritik

Bioconservative Kritik

Francis Fukuyama bezeichnete den Transhumanismus 2004 in Foreign Policy als „eine der gefährlichsten Ideen der Welt”. In Our Posthuman Future (2002) argumentierte er, dass Enhancement-Technologien die menschliche Gleichheit untergrabe, da nur wohlhabende Gesellschaften Zugang hätten, und die Grundlagen liberaler Demokratie erodieren werde.

Leon Kass (US-amerikanischer Bioethiker, Vorsitzender des President’s Council on Bioethics 2002–2005) brachte ein „Argument vom natürlichen Lebenslauf” ein. Jürgen Habermas warnte in Die Zukunft der menschlichen Natur (2001) vor einer „liberalen Eugenik” durch genetische Selektion zukünftiger Generationen.

Linke Technik- und Ideologiekritik

Émile P. Torres, Timnit Gebru und Alice Crary ordnen den Transhumanismus in das von ihnen so bezeichnete TESCREAL-Bundle ein und kritisieren ideengeschichtliche Kontinuitäten zur angloamerikanischen Eugenik des frühen 20. Jahrhunderts – insbesondere die Annahme quantifizierbarer, hierarchisierbarer „Intelligenz” als zentralem anthropologischem Maßstab.

Sie verweisen darauf, dass Julian Huxley nicht nur Namensgeber des Transhumanismus, sondern auch Präsident der British Eugenics Society (1959–1962) war.

Aus marxistischer Perspektive wird kritisiert, der Transhumanismus naturalisiere kapitalistische Wettbewerbslogiken als anthropologische Bedingungen.

Posthumanistische Kritik

Im philosophischen Posthumanismus (Donna Haraway, Rosi Braidotti, N. Katherine Hayles) wird der Transhumanismus als verlängerte humanistische Subjektphilosophie kritisiert: Statt das souveräne, autonome, in den eigenen Grenzen optimierbare Subjekt zu überwinden, schreibe er es technisch fort. Posthumanisten plädieren demgegenüber für relationale, ökologisch eingebettete und nicht-anthropozentrische Subjektmodelle.

Religiöse Kritik

Mehrere theologische Traditionen (insbesondere die römisch-katholische, vertreten unter anderem durch Schreiben des Päpstlichen Rates für die Kultur und der Glaubenskongregation) sehen im transhumanistischen Projekt eine säkularisierte Heilslehre, die Sterblichkeit, Endlichkeit und Geschöpflichkeit als zentrale Dimensionen menschlicher Existenz negiere.

Sozialethische Verteilungsfragen

Quer durch die Kritiklinien wird der ungleiche Zugang zu Enhancement-Technologien benannt: Werden sie als private Konsumgüter realisiert, drohten neue, biotechnisch verfestigte Klassenunterschiede; demokratische Transhumanisten teilen diese Sorge teilweise und fordern öffentliche Bereitstellung.

Abgrenzung

Verwandte Begriffe

Quellenangaben

  1. Bostrom, Nick (2003): Transhumanist Values. In: Review of Contemporary Philosophy 4.
  2. Bostrom, Nick, 2005. A History of Transhumanist Thought. In: Journal of Evolution and Technology 14 (1).
  3. Bostrom, Nick (2008): Letter from Utopia. In: Studies in Ethics, Law, and Technology 2 (1).
  4. Braidotti, Rosi, 2013. The Posthuman.
  5. Esfandiary, F. M. (1989): Are You a Transhuman? Monitoring and Stimulating Your Personal Rate of Growth in a Rapidly Changing World.
  6. Ettinger, Robert (1964): The Prospect of Immortality.
  7. Fukuyama, Francis (2002): Our Posthuman Future: Consequences of the Biotechnology Revolution.
  8. Fukuyama, Francis (2004): Transhumanism. In: Foreign Policy 144, S. 42–43.
  9. Gebru, Timnit / Torres, Émile P., 2024. The TESCREAL Bundle: Eugenics and the Promise of Utopia through Artificial General Intelligence. In: First Monday 29 (4). DOI: 10.5210/fm.v29i4.13636.
  10. Habermas, Jürgen, 2001. Die Zukunft der menschlichen Natur. Auf dem Weg zu einer liberalen Eugenik?
  11. Hughes, James (2004): Citizen Cyborg: Why Democratic Societies Must Respond to the Redesigned Human of the Future.
  12. Huxley, Julian (1957): Transhumanism. In: ders.: New Bottles for New Wine. London: Chatto & Windus, S. 13–17.
  13. Kass, Leon (2003): Beyond Therapy: Biotechnology and the Pursuit of Happiness. Bericht des President’s Council on Bioethics.
  14. Kurzweil, Ray, 2005. The Singularity Is Near: When Humans Transcend Biology. New York: Viking Press.
  15. Loh, Janina (2018): Trans- und Posthumanismus zur Einführung.
  16. Molteni, Megan (2021): SENS Research Foundation Removes Aubrey de Grey Over Concerns He Was Interfering in Sexual Harassment Investigation. STAT News, 22. August 2021.
  17. Moravec, Hans, 1988. Mind Children: The Future of Robot and Human Intelligence.
  18. More, Max (1990): Transhumanism: Towards a Futurist Philosophy. In: Extropy 6.
  19. More, Max / Vita-More, Natasha (Hrsg.), 2013. The Transhumanist Reader: Classical and Contemporary Essays on the Science, Technology, and Philosophy of the Human Future.
  20. Pearce, David, 1995. The Hedonistic Imperative. Online publiziert auf hedweb.com.
  21. Sandberg, Anders / Bostrom, Nick, 2008. Whole Brain Emulation: A Roadmap. Future of Humanity Institute, Oxford University, Technical Report 2008-3.
  22. Sorgner, Stefan Lorenz (2016): Transhumanismus: „Die gefährlichste Idee der Welt”!?

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