Die Noosphäre (vom altgriechischen νοῦς nous, „Geist, Verstand”, und σφαῖρα sphaira, „Kugel”; russisch ноосфера, französisch noosphère) bezeichnet einen erkenntnistheoretisch und geowissenschaftlich aufgeladenen Begriff für die Sphäre des Denkens – eine durch menschliche Vernunft, Kultur und Technik konstituierte planetare Schicht, die sich neben Geo-, Hydro- und Biosphäre als jüngste Phase der Erdgeschichte herausgebildet habe.
Der Begriff entstand Anfang der 1920er Jahre an der Sorbonne im Austausch dreier Personen: des russischen Geochemikers Wladimir Iwanowitsch Wernadski, der dort seine Biosphären-Theorie vortrug, sowie zweier seiner Hörer – des französischen Philosophen Édouard Le Roy und des französischen Jesuiten, Paläontologen und Theologen Pierre Teilhard de Chardin.
Die genaue Urheberschaft ist umstritten – Le Roy verwendete den Begriff erstmals publiziert 1927, Teilhard 1925 in einem unveröffentlichten Manuskript und 1955 ausgearbeitet in Le Phénomène humain, Wernadski erstmals 1931 in Vorlesungen und ausführlich 1944.
Zusammenfassung
Trotz gemeinsamer Wurzel zerfällt der Noosphären-Begriff in zwei deutlich unterschiedliche Traditionen:
- die naturwissenschaftlich-geochemische (Wernadski), in der die Noosphäre die jüngste Phase der Erdgeschichte beschreibt – jene, in der die menschliche Vernunft zum geologisch wirksamen Faktor wird;
- die theologisch-teleologische (Teilhard de Chardin), in der die Noosphäre eine Stufe der kosmischen Evolution bezeichnet, deren Telos in einem Punkt Omega kulminiert – bei Teilhard verstanden als Vereinigung der Menschheit in oder mit Jesus Christus.
In den letzten Jahrzehnten ist der Begriff zudem in mehreren weiteren Traditionen aufgenommen worden: in der russisch-kosmistischen Schule, in der Anthropozän-Debatte (Wernadskis Konzept ist ideengeschichtlicher Vorläufer des Anthropozän-Begriffs Crutzens), in der Medien- und Open-Source-Theorie (Eric S. Raymond, Homesteading the Noosphere, 1998) sowie in der populären Internet-Metaphorik.
Die deutliche begriffsgeschichtliche Heterogenität macht den Begriff zugleich produktiv und unscharf.
Begriffsgeschichte
Die heute geläufige Erzählung lokalisiert die Begriffsentstehung in Vorlesungen Wernadskis an der Pariser Sorbonne in den Studienjahren 1922/23, in denen er sein Konzept der Biosphäre (publiziert 1926 als Biosfera) ausarbeitete. Zu Wernadskis Hörern gehörten Édouard Le Roy und Pierre Teilhard de Chardin. Die genaue Reihenfolge der Erstprägung ist nicht abschließend geklärt:
Le Roy verwendete den Begriff publiziert erstmals in seinem Cours du Collège de France (publiziert 1927 als L’exigence idéaliste et le fait de l’évolution) sowie in Les origines humaines et l’évolution de l’intelligence (Paris 1928).
Teilhard de Chardin verwendete den Begriff erstmals 1925 in dem damals unveröffentlichten Manuskript La vision du passé; ausgearbeitet wurde der Begriff in seinem postum publizierten Hauptwerk Le Phénomène humain (Paris 1955; deutsch Der Mensch im Kosmos, 1959).
Wernadski selbst verwendete den Terminus erst 1931 in einer Aufsatzfassung; seine ausführlichste Bearbeitung erfolgte 1944 in dem Aufsatz Несколько слов о ноосфере (Einige Worte zur Noosphäre, in russischer Sprache; eine englische Übersetzung erschien postum 1945 in American Scientist 33).
Vermittelt durch frühe Sprach- und Vorlesungs-Kontakte ist die Frage der „Erstprägung” weniger eine Frage individueller Autorschaft als eine Frage gemeinsamer Begriffsbildung in einem Pariser Lehrkontext der frühen 1920er Jahre.
Wernadskis Noosphäre
Wernadski (1863–1945) versteht die Noosphäre als Fortsetzung seiner geochemischen Biosphären-Theorie.
Die Biosphäre ist nach Wernadski jene Schicht der Erde, in der das Leben als geologisch wirksamer Faktor auftritt; die Noosphäre ist die jüngste Phase der Erdgeschichte, in der zusätzlich die menschliche Vernunft, organisierte wissenschaftliche Arbeit und Technik als geologisch wirksamer Faktor hervortreten.
Diese Konzeption ist methodisch naturwissenschaftlich angelegt und stützt sich auf empirische Beobachtungen über die kumulative Wirkung menschlicher Tätigkeit auf Boden, Wasserkreislauf, Atmosphäre und Lithosphäre – also auf Beobachtungen, die in der heutigen Anthropozän-Debatte zentral geworden sind.
Wernadskis Noosphäre ist im Unterschied zu Teilhards keine teleologisch aufgeladene Konzeption. Sie behauptet nicht, dass die Erdentwicklung ein normatives Ziel verfolgt; sie behauptet nur, dass die menschliche Vernunft in einer bestimmten geowissenschaftlichen Hinsicht in die Reihe geologischer Kräfte eingetreten ist. Diese Differenz ist für die Rezeptionsgeschichte zentral.
Teilhards Noosphäre
Pierre Teilhard de Chardin (1881–1955) war katholischer Jesuit und stellte den Noosphären-Begriff in den Rahmen einer christlich-teleologischen Kosmologie. Die kosmische Geschichte verläuft nach Teilhard von der Geosphäre über die Biosphäre zur Noosphäre, in der die Menschheit sukzessive zu einem gemeinsamen Bewusstsein zusammenwächst.
Ziel und Endpunkt dieser Entwicklung ist der von Teilhard so bezeichnete Punkt Omega – die Vereinigung des Menschheitsbewusstseins in oder mit Jesus Christus.
Das Konzept verbindet evolutionäres Denken mit trinitarisch-katholischer Christologie und war innerhalb der katholischen Theologie zeitweise kontrovers (das Werk wurde zu Teilhards Lebzeiten von der Glaubenskongregation nicht zur Publikation freigegeben; Le Phénomène humain erschien erst postum 1955).
Teilhards Konzeption ist heute über die katholische Theologie hinaus in der populären Spiritualität, in New-Age-Kontexten und in der ökologischen Ganzheits-Theorie rezipiert.
Weitere Rezeptionslinien
Der Begriff Noosphäre hat über die beiden Hauptlinien hinaus eine eigenständige Wirkungsgeschichte entfaltet:
In der russischen kosmistischen Tradition ist Wernadskis Noosphären-Konzept zentral; es verbindet sich dort mit Fjodorovs Programm einer aktiven menschlichen Transformation des Kosmos.
In der Anthropozän-Debatte wird Wernadskis Idee als ideengeschichtlicher Vorläufer der Anthropozän-Thesen Paul Crutzens (2000) anerkannt – die strukturelle These (menschliche Vernunft als geologischer Faktor) ist bei Wernadski bereits vorgebildet.
In der Medien- und Open-Source-Theorie wird der Begriff von Eric S. Raymond in Homesteading the Noosphere (1998, später in The Cathedral and the Bazaar) für die Beschreibung der intellektuellen Allmende-Strukturen Freier Software verwendet – eine wesentlich enttheologisierte, an Wernadski erinnernde Bedeutung.
In der populären Internet-Metaphorik wird der Begriff gelegentlich für das globale Netzwerk vernetzter menschlicher Kognition (Marshall McLuhan, später Pierre Lévy) verwendet – eine Lesart, die zwischen Wernadski und Teilhard vermittelt und meist die strukturelle Pointe (Vernetzung) ohne die spezifischen metaphysischen Implikationen übernimmt.
Diskussion
Der Noosphären-Begriff ist seit seiner Entstehung als heuristisches Konstrukt von eigentümlicher Reichweite anerkannt – und als eigentümlicher Unschärfe kritisiert worden.
Die naturwissenschaftliche Tragfähigkeit ist umstritten: Im strengen geochemischen Sinn ist die Behauptung einer eigenen, von der Biosphäre unterscheidbaren Sphäre problematisch. Die Anthropozän-Debatte hat den substantiellen Kern der Wernadski-These – menschliche Vernunft als geologisch wirksamer Faktor – empirisch präzisiert, ohne den Noosphären-Begriff selbst weiterzuverwenden.
Die teleologische Variante Teilhards ist in der akademischen Philosophie als spekulativ-religiöse Konzeption verortet; sie wird in religionsphilosophischen, ökotheologischen und spirituellen Kontexten rezipiert, in der Hauptlinie der zeitgenössischen Wissenschaftsgeschichte und -theorie aber weitgehend nicht.
Aus der Sicht der TESCREAL-kritischen Diskursanalyse (Émile P. Torres) ist Teilhards Punkt-Omega-Konzeption ein wichtiger ideengeschichtlicher Vorläufer der heute im Kosmismus und Singularitarianismus wirksamen Erzählung einer eschatologisch zugespitzten Endphase der Menschheits- bzw. Kosmosgeschichte.
Verwandte Begriffe
- Wladimir Iwanowitsch Wernadski – Hauptbegriffsprägung
- Pierre Teilhard de Chardin – alternative Begriffsprägung
- Édouard Le Roy – Mitbegriffsprägung
- Biosphäre – Wernadskis Grundbegriff
- Anthropozän – heutige geowissenschaftliche Nachfolgedebatte
- Cosmism – russische ideologische Tradition
- Punkt Omega – Teilhards Eschatologie
- Open Source / Eric S. Raymond – moderne Aneignung
- Marshall McLuhan / Pierre Lévy – medientheoretische Aneignung
- TESCREAL – ideologiekritischer Kontext
Quellenangaben
- Crutzen, Paul J. / Stoermer, Eugene F. (2000): The “Anthropocene”. In: IGBP Global Change Newsletter 41, S. 17–18.
- Hofkirchner, Wolfgang (Hrsg.) (1997): Der Mensch in der Biosphäre.
- Le Roy, Édouard (1928): Les origines humaines et l’évolution de l’intelligence.
- Levit, Georgy S. (2000): The Biosphere and the Noosphere Theories of V. I. Vernadsky and P. Teilhard de Chardin: A Methodological Essay. In: International Archives on the History of Science / Archives Internationales d’Histoire des Sciences 50 (144), S. 160–176.
- Raymond, Eric S. (1999): The Cathedral and the Bazaar: Musings on Linux and Open Source by an Accidental Revolutionary.
- Samson, Paul R. / Pitt, David (Hrsg.) (1999): The Biosphere and Noosphere Reader: Global Environment, Society and Change.
- Teilhard de Chardin, Pierre (1955): Le Phénomène humain.
- Wernadski, Wladimir I. (1926/1998): Biosfera.
- Wernadski, Wladimir I. (1945): The Biosphere and the Noosphere. In: American Scientist 33 (1), S. 1–12.
- Wernadski, Wladimir I. (1944/1997): Несколько слов о ноосфере.