Kryonik (von altgriechisch krýos, „eisige Kälte”; englisch cryonics) bezeichnet die Praxis, kürzlich verstorbene Menschen unmittelbar nach dem Eintritt des rechtlichen Todes durch ein Verfahren tiefer Kälte (typischerweise Lagerung in flüssigem Stickstoff bei etwa −196 °C) zu konservieren, in der Erwartung, dass künftige medizinische und technologische Fortschritte sowohl die zugrundeliegende Todesursache als auch die durch das Konservierungsverfahren selbst entstandenen Schäden reparieren und eine Wiederbelebung ermöglichen könnten.
Kryonik ist von der wissenschaftlich etablierten Kryopräservation einzelner Zellen, Gewebe oder Embryonen – sowie von der allgemeineren Kryogenik als Tieftemperatur-Physik – zu unterscheiden, mit denen sie nur Teile ihres technischen Repertoires teilt.
Zusammenfassung
Kryonik wurde Anfang der 1960er Jahre durch den amerikanischen Physiker Robert Ettinger als systematisches Konzept formuliert. Sie ist seither eng mit der transhumanistischen Bewegung verbunden, aber organisatorisch und institutionell weitgehend von dieser unabhängig.
Die wissenschaftliche Hauptgemeinschaft, insbesondere die Kryobiologie, betrachtet Kryonik überwiegend kritisch bis ablehnend; Stellungnahmen reichen von „spekulativ und ungeprüft” bis zu Einordnungen als Pseudowissenschaft.
Befürworter halten dem entgegen, dass die kryonische These – die strukturelle Information eines hinreichend gut konservierten Gehirns sei prinzipiell wiederherstellbar – empirisch nicht widerlegt sei und die Wahrscheinlichkeit eines künftigen Erfolgs „kleiner als eins, aber größer als null” sein müsse.
Weltweit sind seit 1967 mehrere hundert Menschen kryonisch konserviert worden; die größten Einrichtungen sind die Alcor Life Extension Foundation (Arizona, USA) und das Cryonics Institute (Michigan, USA).
Begriffsgeschichte
Ettinger und die Gründungsphase
Den modernen Begriff und das systematische Konzept der Kryonik prägte Robert Ettinger (1918–2011), ein amerikanischer Physiker und Mathematiker.
Sein Buch The Prospect of Immortality (1962, kommerziell veröffentlicht 1964) entfaltete die These, dass jeder Mensch, der nach gegenwärtigen medizinischen Maßstäben für tot erklärt sei, aus Perspektive zukünftiger Medizin möglicherweise reparabel wäre – vorausgesetzt, sein Zustand bleibe hinreichend konserviert.
Ettinger gründete 1976 das Cryonics Institute (Clinton Township, Michigan). Den ersten Schritt vom theoretischen Konzept zur Praxis vollzog 1967 die Kryonisierung des Psychologieprofessors James Bedford in Kalifornien; sein Körper wird seither – heute bei Alcor – kontinuierlich gelagert und gilt als der älteste in ununterbrochener Konservierung befindliche kryonische Patient.
Konsolidierung und internationale Ausbreitung
1972 gründeten Fred und Linda Chamberlain die Alcor Society for Solid State Hypothermia, die spätere Alcor Life Extension Foundation (heute mit Sitz in Scottsdale, Arizona). 2005 entstand mit KrioRus die erste außeramerikanische Einrichtung in der Region Moskau; seit 2020 betreibt das deutsch-schweizerische Unternehmen Tomorrow Bio eine Standby- und Vitrifikationsinfrastruktur in Europa.
Wissenschaftlich-technische Grundlagen
Vitrifikation statt Gefrieren
Moderne Kryonik beruht nicht auf gewöhnlichem Gefrieren – dieses zerstört Zellmembranen durch Eiskristallbildung – sondern auf Vitrifikation: Durch Injektion einer hochkonzentrierten Lösung sogenannter Kryoprotektoren (Dimethylsulfoxid, Ethylenglykol, Glycerin u. a.) wird das Wasser in den Geweben so verdrängt oder verändert, dass es beim Abkühlen nicht kristallisiert, sondern in einen amorphen, glasartigen Zustand übergeht.
Vitrifikation ist in der wissenschaftlichen Kryobiologie für einzelne Zellen und kleinere Gewebeproben (Eizellen, Embryonen, einige Organteile) etabliert; ihre Anwendbarkeit auf ganze menschliche Gehirne oder Körper ist Gegenstand andauernder Forschung und Kontroverse.
Lagerung
Vitrifizierte Patienten werden in mit flüssigem Stickstoff gekühlten Dewar-Gefäßen (großvolumige Vakuum-Isolierbehälter) bei etwa −196 °C kopfüber gelagert; die kopfüber-Position soll im Falle eines Stickstoffverlusts eine zuletzt austrocknende Lagerung des Gehirns sicherstellen.
Neuropreservation versus Ganzkörper
Einige Einrichtungen (insbesondere Alcor) bieten neben der Ganzkörperkonservierung eine Neuropreservation an, bei der nur Kopf und Gehirn konserviert werden. Die theoretische Begründung lautet, dass das Gehirn das für personale Identität entscheidende Organ sei und ein künftiger Körper rekonstruiert oder ersetzt werden könne. Ein Großteil der Alcor-Patienten ist nach diesem Verfahren konserviert.
Verfahren und Ablauf
Der typische Ablauf besteht aus mehreren Schritten:
- Standby: Ein Bereitschaftsteam beobachtet den Patienten in der letzten Lebensphase.
- Pronouncement of Legal Death: Erst nach offizieller Todesfeststellung darf das Verfahren beginnen.
- Kühlung und Stabilisierung: Unmittelbar nach Todesfeststellung wird der Körper gekühlt und mit Sauerstoff sowie Medikamenten zur Verzögerung von Zellschäden versorgt.
- Perfusion: Das Blut wird gegen eine Kryoprotektor-Lösung ausgetauscht.
- Vitrifikation: Der Körper wird kontrolliert auf etwa −125 °C abgekühlt, sodass die Lösung in den Glaszustand übergeht.
- Langzeitlagerung: Überführung in den Dewar bei −196 °C.
Institutionen
Zu den wichtigsten Einrichtungen zählen heute:
- Alcor Life Extension Foundation (Scottsdale, Arizona; gegründet 1972) – größte Organisation; rund 263 konservierte Patienten und etwa 1.535 Mitglieder in 28 Ländern (Stand: Frühjahr 2026); Mitgliedsgebühr und Konservierungskosten (Stand 2024) zwischen etwa 80.000 (Neuropreservation) und über 220.000 US-Dollar (Ganzkörper).
- Cryonics Institute (Clinton Township, Michigan; gegründet 1976 von Robert Ettinger) – nichtkommerziell, geringere Kosten (ab etwa 28.000 US-Dollar Ganzkörper); rund 1.995 Mitglieder und 268 kryokonservierte Patienten (Stand März 2025).
- KrioRus (Region Moskau; gegründet 2005) – größte Einrichtung außerhalb der USA; nach internen Konflikten ab 2021 Teilverlagerung in die Schweiz.
- Tomorrow Bio (Berlin / Rafz; gegründet 2020) – erste europäische Einrichtung mit Vitrifikationskapazität, betreibt Standby-Operationen in mehreren EU-Ländern.
- Suspended Animation, Inc. (Boca Raton, Florida) – auf Standby- und Perfusionsdienstleistungen spezialisiert.
Philosophische und ethische Voraussetzungen
Informationstheoretischer Todesbegriff
Kryonik beruht auf der These, dass der Tod kein punktuelles, sondern ein gradueller Prozess sei und ein Mensch erst dann informationstheoretisch tot sei, wenn die für seine personale Identität konstitutiven Strukturen – primär die Mikroarchitektur des Gehirns mit ihren synaptischen Verbindungen (das Connectome) – irreversibel zerstört sind. Solange diese Information erhalten bleibe, sei die Person prinzipiell wiederherstellbar.
Substrat-Unabhängigkeit
Wer eine Wiederbelebung durch Mind Uploading in Betracht zieht, setzt zusätzlich voraus, dass personale Identität nicht an biologische Materie gebunden, sondern auf andere Substrate übertragbar ist – eine Position, die in der Philosophie des Geistes als Funktionalismus diskutiert wird.
Personale Identität
Die Frage, ob ein nach einer Kryostase wiederbelebter Mensch dieselbe Person wäre, ist Gegenstand der philosophischen Identitätsdebatte; Bezugspositionen reichen von psychologisch-kontinuistischen (Derek Parfit) bis zu biologisch-essentialistischen Sichtweisen.
Recht und Praxis
Kryonik ist rechtlich und kulturell uneinheitlich geregelt. Voraussetzung für die Durchführung ist in allen bekannten Jurisdiktionen die zuvorige Feststellung des rechtlichen Todes; eine Kryonisierung lebender Personen wäre als Tötung strafbar. In Frankreich ist die Lagerung kryonisierter menschlicher Überreste verboten; in vielen anderen Staaten existiert keine spezifische Regelung.
Der 2016 vom High Court of England and Wales entschiedene Fall Re JS (Disposal of Body) – ein 14-jähriges Mädchen erwirkte gegen den Willen ihres Vaters die Erlaubnis zur Überführung ihres Leichnams in eine US-amerikanische Kryonik-Einrichtung – gilt als rechtshistorisch bedeutsam, weil er die Klassifikation kryonischer Konservierung als „Bestattungsart” anerkannte.
Finanziert wird Kryonik meist über Lebensversicherungspolicen, deren Auszahlung im Todesfall an die Einrichtung übergeht.
Verbindung zum Transhumanismus
Kryonik ist organisatorisch und ideell eng mit dem Transhumanismus verflochten.
Viele frühe Befürworter – darunter Max More (seit 2010 Präsident von Alcor, mit Unterbrechungen) – gehören zur transhumanistischen Bewegung; umgekehrt ist Kryonik in transhumanistischen Programmen ein regelmäßig genanntes Mittel zur Erreichung radikaler Lebensverlängerung.
Auch im engeren Umfeld des Effektiven Altruismus und Longtermismus (Bostrom, Yudkowsky) wird Kryonik teils befürwortet, teils als Sonderfall einer probabilistisch begründeten Pascal-artigen Entscheidung unter Unsicherheit diskutiert.
Wissenschaftliche Einordnung und Kritik
Mainstream-Position
Die wissenschaftliche Hauptgemeinschaft – insbesondere die Society for Cryobiology – hält Kryonik nicht für wissenschaftlich gestützt.
Die Society fasste 1982 einen Beschluss, der ihre Mitglieder zur Distanzierung von kryonischer Praxis verpflichtete; dieser Beschluss wurde 2018 in modifizierter Form bekräftigt. In der akademischen Klassifikation wird Kryonik je nach Quelle als Pseudowissenschaft, Protowissenschaft oder spekulative Hypothesenforschung eingeordnet.
Wissenschaftliche Einwände
Zentrale Kritikpunkte sind:
- Toxizität der Kryoprotektoren: Die zur Vitrifikation eingesetzten Substanzen sind in den nötigen Konzentrationen für lebende Zellen tödlich. Eine Wiederbelebung erforderte daher zumindest die Reversion dieser Schäden.
- Perfusionsqualität: Die gleichmäßige Verteilung der Kryoprotektoren durch das gesamte Gehirn ist technisch schwierig; postmortale Verzögerungen verschlechtern die Bedingungen erheblich.
- Ischämische Schäden: Bereits Minuten nach Eintritt des klinischen Todes setzen biochemische Prozesse ein, die neuronale Strukturen schädigen.
- Reversibilität: Bisher konnte kein größeres Säugetierorgan, geschweige denn ein ganzes Gehirn oder ein Körper, nach Vitrifikation in funktionsfähigem Zustand wiederbelebt werden.
Prominente Kritiker
Der Wissenschaftsjournalist und Skeptiker Michael Shermer veröffentlichte 2001 im Scientific American den Aufsatz Nano Nonsense and Cryonics, in dem er Kryonik als Wunschdenken einordnete; sein Erdbeer-Vergleich („dies ist Ihr Gehirn auf Kryonik”) wurde von Kryonikern als wissenschaftlich unzutreffend kritisiert, da er Vitrifikation und Gefrieren verwechsele.
Shermer konzedierte später teilweise. Der McGill-Neurobiologe Michael Hendricks veröffentlichte 2015 in der MIT Technology Review den vielzitierten Beitrag The False Science of Cryonics. Auch die Kryobiologen Peter Mazur und Arthur W. Rowe äußerten sich dezidiert ablehnend.
Empirische Fortschritte (Kryonik-Perspektive)
Befürworter verweisen auf einige empirische Entwicklungen, die ihre Position stützen sollen:
- Vitrifikation einzelner Organe: Greg Fahy und Mitarbeiter wiesen 2009 nach, dass ein Kaninchen-Nierenfragment nach Vitrifikation transplantiert werden und Funktion aufnehmen kann.
- Brain Preservation Foundation Prize (2016/2018): Die Stiftung von Kenneth Hayworth schrieb einen Large Mammal Brain Preservation Prize aus, der 2018 von 21st Century Medicine mit dem Verfahren der aldehyd-stabilisierten Kryopräservation (ASC) gewonnen wurde – ein hybrides Verfahren aus chemischer Fixierung und Vitrifikation, das die Mikroarchitektur eines Schweinegehirns weitgehend erhielt. ASC wird in der Kryonik-Community als Schritt zu nachweisbar besserer Erhaltung diskutiert, von Kritikern hingegen als Beleg gewertet, dass herkömmliche Kryonik diesen Standard nicht erreiche.
Ethische und kulturelle Kritik
- Religiöse Strukturanalyse: Mehrere Autoren – darunter John Gray, Stephen Cave (Immortality, 2012) und Michael Shermer (Heavens on Earth, 2018) – analysieren Kryonik als säkularisierte Form religiöser Auferstehungs- und Unsterblichkeitsversprechen.
- Verteilungsfragen: Die hohen Kosten machen Kryonik faktisch zu einem Angebot für eine kleine, überwiegend wohlhabende Klientel; Kritiker sprechen von einer „biotechnologischen Klassengesellschaft im Tode”.
- Generationenethik: Sollte Wiederbelebung gelingen, stellten sich Fragen nach Ressourcenanspruch, sozialem Status und Verantwortung gegenüber künftigen Gesellschaften.
- Trauerprozesse: Mediziner und Psychologen verweisen darauf, dass kryonische Erwartungshaltungen Trauerprozesse erschweren und falsche Hoffnungen befördern können.
Verwandte Begriffe
- Vitrifikation – Verfahren, mit dem Kryonik arbeitet
- Connectome – neuronale Verschaltungsstruktur, die als entscheidende Information gilt
- Effektiver Altruismus / Longtermism – Bewegungen mit personellen und ideellen Überschneidungen
- Pascals Wette – wahrscheinlichkeitstheoretische Argumentationsfigur, die häufig zur Begründung der individuellen Kryonik-Entscheidung herangezogen wird
Quellenangaben
- In re JS (Disposal of Body) (2016): EWHC 2859 (Fam). High Court of Justice, Family Division.
- Alcor Life Extension Foundation, 2026. About Alcor: The World Leader in Cryonics. alcor.org/about/ (abgerufen im August 2026).
- Best, Benjamin P. (2008): Scientific Justification of Cryonics Practice. In: Rejuvenation Research 11 (2), S. 493–503.
- Cave, Stephen (2012): Immortality: The Quest to Live Forever and How It Drives Civilization.
- Cryonics Institute, 2025. Member Statistics. cryonics.org/member-statistics/ (Stand März 2025).
- Ettinger, Robert (1964): The Prospect of Immortality.
- Ettinger, Robert (1972): Man into Superman.
- Fahy, Gregory M. u. a. (2009): Physical and Biological Aspects of Renal Vitrification. In: Organogenesis 5 (3), S. 167–175.
- Hendricks, Michael (2015): The False Science of Cryonics. In: MIT Technology Review, 15. September 2015.
- McIntyre, Robert L. / Fahy, Gregory M. (2015): Aldehyde-Stabilized Cryopreservation. In: Cryobiology 71 (3), S. 448–458.
- Merkle, Ralph C. (1992): The Technical Feasibility of Cryonics. In: Medical Hypotheses 39 (1), S. 6–16.
- Moen, Ole Martin (2015): The Case for Cryonics. In: Journal of Medical Ethics 41 (8), S. 677–681.
- Parfit, Derek, 1984. Reasons and Persons.
- Romain, Tiffany (2010): Extreme Life Extension: Investing in Cryonics for the Long, Long Term. In: Medical Anthropology 29 (2), S. 194–215.
- Shermer, Michael (2001): Nano Nonsense and Cryonics. In: Scientific American 285 (3), S. 29.
- Shermer, Michael (2018): Heavens on Earth: The Scientific Search for the Afterlife, Immortality, and Utopia.
- Society for Cryobiology (2018): Public Statement Regarding Cryonics. cryobiology.org.