Longtermism (deutsch teils auch Longtermismus) bezeichnet eine philosophische und ethische Position, der zufolge die positive Beeinflussung der langfristigen Zukunft eine – und in starken Varianten die – zentrale moralische Priorität gegenwärtigen Handelns sein sollte.
Der Ansatz ist primär im akademischen und institutionellen Umfeld des Effektiven Altruismus entstanden und mit der Universität Oxford, insbesondere dem Future of Humanity Institute und dem Global Priorities Institute, verbunden.
Zusammenfassung
Longtermism stützt sich auf drei Kernannahmen. Erstens, dass künftige Generationen moralisch ebenso zählen wie gegenwärtige. Zweitens, dass die Zahl möglicher künftiger Personen – bei einem Fortbestand der Menschheit über kosmologische Zeiträume – die heutige Bevölkerung um Größenordnungen übersteigen könnte. Drittens, dass bestimmte heutige Handlungen die langfristige Entwicklung der Menschheit in vorhersagbarer Weise beeinflussen lassen.
Aus diesen Annahmen leitet die Bewegung die Forderung ab, Ressourcen prioritär auf die Reduktion existenzieller Risiken (insbesondere durch fehlausgerichtete künstliche Intelligenz, neuartige Pandemien und Atomkrieg) sowie auf die Sicherung wertvoller Pfadabhängigkeiten zu konzentrieren.
Longtermism ist innerhalb der Moralphilosophie umstritten; insbesondere die starke Variante (Strong Longtermism) wird wegen ihrer Implikationen für gegenwärtiges Leid und wegen erkenntnistheoretischer Probleme kritisch diskutiert.
Begriffsgeschichte
Den Begriff longtermism prägten die Philosophen Toby Ord und William MacAskill im Umfeld des Oxforder Effektiven Altruismus etwa ab 2017, zunächst in Blogbeiträgen, Vorträgen und internen Papieren. Ein zentraler ideengeschichtlicher Vorläufer ist Nick Beckstead mit seiner Dissertation On the Overwhelming Importance of Shaping the Far Future (Rutgers, 2013) sowie Nick Bostroms Aufsatz Existential Risk Prevention as Global Priority (2013).
Die programmatische akademische Ausarbeitung erfolgte durch Hilary Greaves und William MacAskill im Working Paper The Case for Strong Longtermism (Global Priorities Institute, 2021). Eine breitere Öffentlichkeit erreichten Toby Ords Monografie The Precipice (2020) und MacAskills What We Owe The Future (2022).
Theoretische Grundlagen
Unparteilichkeit über die Zeit
Longtermistische Argumente setzen voraus, dass das Wohlergehen einer Person nicht deshalb weniger zählt, weil sie in ferner Zukunft existiert. Eine zeitliche Diskontierung von Wohlfahrt (analog zur ökonomischen Diskontierung) wird, soweit moralisch und nicht rein finanziell verstanden, von den meisten Vertretern abgelehnt.
Populationsethik und Gesamtnutzen
Die starken Varianten beruhen typischerweise auf einer totalistischen Populationsethik: Die Gesamtsumme positiven Erlebens über alle Personen hinweg, die jemals existieren könnten, gilt als Maß moralischer Bewertung.
Die mögliche Existenz einer sehr großen Zahl künftiger Personen – Bostrom nennt für das erreichbare Universum bis zu 10⁵⁸ subjektive Lebensjahre digital realisierter Bewusstseinsträger – führt unter dieser Annahme dazu, dass die ferne Zukunft das Erwartungswertkalkül dominiert.
Erwartungswert-Denken
Selbst sehr geringe Wahrscheinlichkeiten, die langfristige Zukunft beeinflussen zu können, ergeben unter der Annahme astronomisch hoher möglicher Personenzahlen sehr große Erwartungswerte. Dieses Argument wird in der Literatur teils als fanaticism-Problem diskutiert (Wilkinson 2022, Russell 2024).
Schwacher und starker Longtermism
- Schwacher Longtermism: Die langfristige Zukunft ist eine wichtige, aber nicht die alleinige moralische Priorität.
- Starker Longtermism (Greaves/MacAskill 2021): In den wichtigsten Entscheidungssituationen werden die Optionen ex ante hauptsächlich durch ihre Auswirkungen auf die ferne Zukunft bewertet.
Innerhalb des starken Longtermism unterscheiden Greaves und MacAskill zwischen axiologischem (was ist gut?) und deontischem (was sollen wir tun?) Longtermism.
Zentrale Argumente
- Das Astronomical-Numbers-Argument: Selbst konservative Schätzungen künftiger Personenzahlen übersteigen die heutige um viele Größenordnungen; daraus folgt unter unparteilichen Bedingungen eine hohe moralische Priorität ihrer Existenz und Lebensqualität.
- Lock-in-Effekte: Bestimmte gegenwärtige Entwicklungen (insbesondere im Bereich KI und Wertesysteme) könnten langfristig wirksame Pfadabhängigkeiten erzeugen, die spätere Korrektur unmöglich machen.
- Existenzielle Risiken als Hebelpunkt: Die Verhinderung eines Aussterbe- oder Kollaps-Szenarios bewahrt nicht nur die heutige Bevölkerung, sondern das gesamte langfristige Potenzial der Menschheit; ihre Reduktion gilt daher als besonders kosteneffektiv.
Praktische Implikationen
Aus longtermistischer Perspektive werden folgende Felder typischerweise priorisiert:
- KI-Sicherheit (AI alignment, AI safety): Verhinderung einer Fehlausrichtung fortgeschrittener KI-Systeme
- Biosicherheit: Eindämmung pandemischer Risiken, insbesondere durch gentechnisch veränderte Pathogene
- Nukleare Risiken und Klimarisiken im Extrembereich
- Verbesserung institutioneller Entscheidungsprozesse zur langfristigen Steuerungsfähigkeit
- Werteverfestigung (value lock-in): Vermeidung der dauerhaften Festschreibung schädlicher Werte
Demgegenüber spielen klassische Felder globaler Armutsbekämpfung in starken Varianten eine nachgeordnete Rolle, was innerhalb des Effektiven Altruismus zu erheblichen Verschiebungen der Mittelallokation geführt hat.
Institutionen
Zentrale akademische Standorte sind oder waren das Global Priorities Institute (Oxford), das Future of Humanity Institute (Oxford, 2005–2024, geschlossen) sowie das Forethought Foundation for Global Priorities Research.
Förder- und Forschungsorganisationen mit longtermistischem Schwerpunkt umfassen Open Philanthropy (mit eigenem Longtermist-Portfolio), den Long-Term Future Fund sowie den 2022 gegründeten und nach dem FTX-Zusammenbruch eingestellten FTX Future Fund. Im KI-Sicherheitsfeld sind das Machine Intelligence Research Institute (MIRI) und das Center for AI Safety (CAIS) zu nennen.
Kritik
Philosophische Einwände
- Cluelessness: Christian Tarsney und andere bezweifeln, dass die langfristigen Konsequenzen heutiger Handlungen hinreichend zuverlässig prognostizierbar sind, um Erwartungswertberechnungen über sehr lange Zeiträume zu tragen.
- Fanatismus-Problem: Die Multiplikation kleiner Wahrscheinlichkeiten mit astronomischen Werten führt zu Empfehlungen, die intuitiv kaum akzeptabel erscheinen (sog. Pascal’s Mugging).
- Populationsethische Voraussetzungen: Die Stärke des Arguments hängt empfindlich von der Akzeptanz totalistischer Populationsethik ab; alternative Ansätze (personal-affecting views, average utilitarianism) ergeben deutlich schwächere Schlussfolgerungen.
- Non-Identity-Problem: Welche Personen in ferner Zukunft existieren, hängt selbst von unseren heutigen Handlungen ab – was die kohärente Zurechnung von Schaden und Nutzen erschwert (Mogensen 2019).
Politische und ideologiekritische Einwände
Kieran Setiya (The New Moral Mathematics, Boston Review 2022), Alice Crary (The Toxic Ideology of Longtermism, Radical Philosophy 2023), Émile P. Torres und andere argumentieren, dass Longtermism:
- gegenwärtiges Leid systematisch entwerte und damit etwa Klimawandel oder strukturelle Armut nachrangig behandle;
- strukturelle Ursachen sozialer Probleme zugunsten technologischer Risikomanagement-Logiken ausblende;
- in seinen utopischen Ausdeutungen (kosmische Expansion, digitale Bewusstseinsverbreitung) Anschluss an ältere transhumanistische und eugenische Traditionen finde – eine These, die Torres und Timnit Gebru im Konzept des TESCREAL-Bundles zusammenfassen.
Empirisch-praktische Kritik
Mit dem Zusammenbruch der Kryptobörse FTX im November 2022 und der Verurteilung ihres Gründers Sam Bankman-Fried – eines prominenten longtermistischen Förderers – wurden Fragen nach Governance, Machtkonzentration und Reflexivität innerhalb der Bewegung dringlicher. Bankman-Fried wurde im März 2024 zu 25 Jahren Haft und zur Einziehung von rund 11 Milliarden US-Dollar verurteilt.
Im Juni 2026 bestätigte das U.S. Court of Appeals for the Second Circuit sowohl die Verurteilung als auch die Vermögenseinziehung in vollem Umfang und wies sämtliche von Bankman-Fried vorgebrachten Verfahrensrügen zurück. Ihm verbleibt – neben einem beim US-Justizministerium eingereichten Gnadengesuch – nur noch der Gang vor den Supreme Court.
Die anhaltende juristische und mediale Aufarbeitung des FTX-Falls hat die öffentliche Reputation der longtermistischen Bewegung nachhaltig belastet. Auch in der akademischen Literatur wird die politische Rezeption des Longtermism – zwischen visionärer Zukunftsethik und dem Verdacht ideologischer Vereinnahmung – weiterhin kritisch diskutiert (McLaughlin 2025).
Stand 2025/2026
Institutionell hat sich die Landschaft seit 2024 verschoben. Mit der Schließung des Future of Humanity Institute (Oxford, April 2024) und der Einstellung des FTX Future Fund nach dem Zusammenbruch der Kryptobörse ist ein Teil der akademischen und philanthropischen Infrastruktur des Longtermism weggefallen. Das Global Priorities Institute und Open Philanthropy bleiben die zentralen verbliebenen Träger.
Die anhaltende juristische Aufarbeitung des FTX-Falls (siehe Abschnitt Kritik) prägt weiterhin die öffentliche Wahrnehmung der Bewegung, ohne dass sich die zugrundeliegende philosophische Debatte – Cluelessness, Fanatismus-Problem, populationsethische Voraussetzungen – dadurch verändert hätte. Die Kontroverse bleibt in beiden Dimensionen, der ideengeschichtlichen und der institutionellen, ungelöst.
Verwandte Begriffe
- Effektiver Altruismus – Bewegung, in deren Umfeld Longtermism entstanden ist
- Existenzielles Risiko – Konzept zur Bezeichnung von Aussterbe- und Kollaps-Szenarien
- TESCREAL – kritische Sammelbezeichnung, unter die auch Longtermism gefasst wird
- Transhumanismus – Strömung mit Schnittmenge insbesondere zu utopistischen Spielarten des Longtermism
- Effective Accelerationism (e/acc) – Gegenbewegung, die die als bremsend empfundenen Folgerungen longtermistischer KI-Sicherheitsdiskurse ablehnt
- Intergenerationelle Gerechtigkeit – verwandtes Konzept der politischen Philosophie mit anderen theoretischen Voraussetzungen
- Populationsethik – Teildisziplin, deren Annahmen die Stärke longtermistischer Argumente maßgeblich bestimmen
Quellenangaben
- Beckstead, Nick, 2013. On the Overwhelming Importance of Shaping the Far Future. Dissertation, Department of Philosophy, Rutgers University.
- Bostrom, Nick, 2013. Existential Risk Prevention as Global Priority. In: Global Policy 4 (1), S. 15–31. DOI: 10.1111/1758-5899.12002.
- Crary, Alice, 2023. The Toxic Ideology of Longtermism. In: Radical Philosophy 214.
- Gebru, Timnit / Torres, Émile P., 2024. The TESCREAL Bundle: Eugenics and the Promise of Utopia through Artificial General Intelligence. In: First Monday 29 (4). DOI: 10.5210/fm.v29i4.13636.
- Greaves, Hilary / MacAskill, William, 2021. The Case for Strong Longtermism. Global Priorities Institute Working Paper No. 5-2021.
- Greaves, Hilary / MacAskill, William / Thornley, Elliott (2021): The Moral Case for Long-Term Thinking. In: Cargill, Natalie / John, Tyler M. (Hrsg.): The Long View. London: FIRST.
- Greaves, Hilary / Barrett, Jacob / Thorstad, David (Hrsg.) (2025): Essays on Longtermism: Present Action for the Distant Future.
- MacAskill, William, 2022. What We Owe the Future. Basic Books.
- McLaughlin, Alex (2025): Visionaries and Crackpots, Maniacs and Saints: Existential Risk and the Politics of Longtermism. In: Ratio (online first), S. 1–11. DOI: 10.1111/rati.12449.
- Mogensen, Andreas (2019): Staking Our Future: Deontic Long-Termism and the Non-Identity Problem. Global Priorities Institute Working Paper.
- Ord, Toby, 2020. The Precipice: Existential Risk and the Future of Humanity.
- Russell, Jeffrey Sanford, 2024. On Two Arguments for Fanaticism. In: Noûs 58 (3), S. 565–595. DOI: 10.1111/nous.12461.
- Setiya, Kieran (2022): The New Moral Mathematics. In: Boston Review, 15. August 2022.
- Tarsney, Christian (2023): The Epistemic Challenge to Longtermism. In: Synthese 201 (6).
- Torres, Émile P., 2023. Human Extinction: A History of the Science and Ethics of Annihilation.
- U.S. Court of Appeals for the Second Circuit (2026): United States v. Bankman-Fried, Az. 24-961-cr, Urteil vom 12. Juni 2026.
- Wilkinson, Hayden, 2022. In Defense of Fanaticism. In: Ethics 132 (2), S. 445–477. DOI: 10.1086/716869.