Humanity+ ist eine 1998 unter dem Namen World Transhumanist Association gegründete gemeinnützige Organisation, die den Transhumanismus als Denkrichtung vertritt: die Auffassung, dass sich menschliche Fähigkeiten mit technischen Mitteln grundlegend erweitern lassen und sollen.
Zusammenfassung
Gegründet wurde sie von Nick Bostrom und David Pearce mit dem erklärten Ziel, den Transhumanismus aus dem Umfeld von Science-Fiction und Randgruppen in eine akademisch anschlussfähige Form zu bringen.
Das Gründungsdokument ist die Transhumanist Declaration von 1998, überarbeitet 2009. Sie formuliert eine Reihe von Grundsätzen: technische Erweiterung des Menschen, Wahlfreiheit in ihrer Anwendung, ernsthafte Beschäftigung mit den Risiken.
2008 erfolgte die Umbenennung in Humanity+ – eine Entscheidung für einen weniger belasteten Namen und für eine breitere Ansprache.
Die Organisation ist heute klein und wenig sichtbar. Ihre Bedeutung liegt weniger in ihrer gegenwärtigen Arbeit als darin, dass ein erheblicher Teil der Personen und Begriffe der heutigen KI-Debatte durch dieses Umfeld gegangen ist.
Geschichte
Der Vorläufer war das 1992 gegründete Extropy Institute um Max More, das eine libertär geprägte Fassung des Transhumanismus vertrat und 2006 seine Arbeit einstellte.
Bostrom und Pearce gründeten 1998 die World Transhumanist Association als bewusst breiter angelegte Alternative – politisch offener, akademisch anschlussfähiger.
Im selben Jahr entstand das Journal of Evolution and Technology, das begutachtete Beiträge zu Themen veröffentlichte, für die es sonst kein Forum gab.
Aus diesem Umfeld gingen weitere Einrichtungen hervor: 2004 das Institute for Ethics and Emerging Technologies, 2005 das Future of Humanity Institute in Oxford unter Bostroms Leitung.
Nach der Umbenennung 2008 verlor die Organisation an Bedeutung. Die Themen waren in eigenständige Einrichtungen abgewandert – und die Debatte um KI-Risiken, die aus demselben Umfeld stammte, überstrahlte sie.
Positionen
Morphologische Freiheit. Das Recht, den eigenen Körper nach eigenem Ermessen zu verändern – der am häufigsten angeführte Grundsatz.
Lebensverlängerung. Altern gilt als behandelbares Leiden, nicht als Naturgesetz. Die Kryonik gehört zu den vertretenen Praktiken.
Kognitive Erweiterung. Verbesserung von Gedächtnis, Aufmerksamkeit und Urteilskraft mit pharmakologischen oder technischen Mitteln.
Existenzrisiken. Ein Punkt, der die Organisation von reinem Fortschrittsoptimismus unterscheidet: Die Erklärung nennt ausdrücklich die Möglichkeit, dass Technik die Menschheit auslöscht.
Zugänglichkeit. Die überarbeitete Erklärung von 2009 betont, dass Erweiterungstechniken nicht wenigen vorbehalten bleiben dürfen – eine Antwort auf den Vorwurf, es handle sich um ein Programm für Wohlhabende.
Anwendungsfelder
Begriffsbildung. Ein erheblicher Teil des Vokabulars der heutigen Risikodebatte – Existenzrisiko, Superintelligenz, das Ausmaß möglicher künftiger Populationen – wurde in diesem Umfeld geprägt.
Personelle Wirkung. Bostrom, Pearce, James Hughes und andere sind über diese Organisation in Felder gelangt, die heute institutionell fest verankert sind.
Bioethische Debatte. Die Auseinandersetzung um menschliche Erweiterung wurde durch die Organisation strukturiert, auch für ihre Gegner.
Vernetzung. Konferenzen und Zeitschrift schufen einen Zusammenhang zwischen Themen, die vorher getrennt verhandelt wurden.
Kontroversen und Kritik
Eugenik-Vorwurf. Der schwerwiegendste Einwand: Das Programm der Verbesserung des Menschen stehe in einer Traditionslinie, die im 20. Jahrhundert zu Zwangssterilisationen und Schlimmerem geführt hat. Vertreter halten dem die Freiwilligkeit entgegen; Kritiker bestreiten, dass Freiwilligkeit unter gesellschaftlichem Druck bestehen kann.
TESCREAL. Der Aufsatz von Timnit Gebru und Émile P. Torres von 2024 stellt die Organisation an den Anfang einer Kette von Denkschulen, die er als zusammenhängenden Komplex behandelt – und dessen Verbindung zur Eugenik er ausführlich belegt.
Ungleichheit. Erweiterungstechniken kosten Geld. Wer sie einführt, ohne die Verteilungsfrage zu lösen, vergrößert bestehende Unterschiede um eine biologische Dimension.
Behindertenkritik. Aus der Behindertenbewegung kommt der Einwand, dass ein Programm zur Beseitigung von Beeinträchtigungen ein Urteil über die Menschen enthält, die mit ihnen leben.
Praktische Bedeutungslosigkeit. Ein nüchterner Einwand: Die Organisation hat seit ihrer Umbenennung wenig bewirkt. Ihre Wirkung liegt in der Vorgeschichte, nicht in der Gegenwart.
Warum eine kleine Organisation groß nachwirkt
Humanity+ hat heute wenige Mitglieder und kaum öffentliche Präsenz. Dass sie in einem Lexikon zur KI-Debatte vorkommt, hat einen Grund, der wenig mit ihrer Größe zu tun hat.
Sie war für zwei Jahrzehnte der einzige Ort, an dem bestimmte Fragen mit Ernst behandelt wurden. Was aus der Menschheit in tausend Jahren wird, ob Bewusstsein an biologisches Material gebunden ist, wie sich das Aussterben der Art bewerten lässt – solche Fragen fanden in keinem Fachbereich Platz.
Wer sie stellen wollte, kam hierher. Das erklärt die personelle Kontinuität: Die Menschen, die heute Institute für KI-Sicherheit leiten oder in Frontier-Laboren arbeiten, haben ihre Fragen häufig in diesem Umfeld formuliert gelernt.
Es erklärt auch die Schärfe der Kritik. Wer die heutige Risikodebatte nicht bloß für falsch, sondern für ideologisch geprägt hält, findet hier den Ursprung – eine Organisation mit ausdrücklichem Programm, ausdrücklichen Grundsätzen und einer Vorgeschichte, die sich benennen lässt.
Beide Lesarten stützen sich auf denselben Befund. Strittig ist nicht, dass die Verbindung besteht, sondern was aus ihr folgt: ob ein Argument dadurch belastet wird, dass man weiß, wo es zuerst vorgetragen wurde.
Verwandte Begriffe
- Transhumanismus – vertretene Denkrichtung
- Nick Bostrom – Mitgründer
- TESCREAL – ideologiekritische Einordnung
- Existenzielles Risiko – hier geprägter Begriff
- Superintelligenz – zentrales Thema des Umfelds
- Longtermism – spätere Ausformung
- Effektiver Altruismus – personell verbundene Bewegung
- Cyborg – benachbarte, gegenläufige Denkfigur
Quellenangaben
- Bostrom, Nick, 2005. A History of Transhumanist Thought. In: Journal of Evolution and Technology 14 (1).
- Gebru, Timnit / Torres, Émile P., 2024. The TESCREAL Bundle: Eugenics and the Promise of Utopia through Artificial General Intelligence. In: First Monday 29 (4). DOI: 10.5210/fm.v29i4.13636.
- Humanity+ (2009): Transhumanist Declaration. Überarbeitete Fassung der Erklärung von 1998.
- Hughes, James (2004): Citizen Cyborg: Why Democratic Societies Must Respond to the Redesigned Human of the Future.
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Zuletzt bearbeitet: 10. August 2026
Zusammengestellt, formuliert, lektoriert und korrigiert mit KI-Unterstützung. Kuratiert von Nils Brauer. Alle Angaben ohne Gewähr.