Alan Mathison Turing (* 23. Juni 1912 in London; † 7. Juni 1954 in Wilmslow, Cheshire) war ein britischer Mathematiker, Logiker und Kryptanalytiker und eine der Gründungsfiguren der modernen Informatik.
Drei Beiträge tragen sein Werk. Mit dem Konzept der nach ihm benannten Turingmaschine (1936) legte er die theoretischen Grundlagen der Berechenbarkeit.
Während des Zweiten Weltkriegs war er eine zentrale Figur der britischen Kryptanalyse in Bletchley Park, wo er maßgeblich zur Entzifferung der deutschen Enigma-Verschlüsselung beitrug. Und mit dem 1950 in Mind erschienenen Aufsatz Computing Machinery and Intelligence prägte er den Diskurs der frühen KI-Philosophie.
Zusammenfassung
Turings wissenschaftliches Werk umfasst Beiträge zur mathematischen Logik (Entscheidbarkeit, Turingmaschine 1936), zur Kryptanalyse (Bombe-Maschine, Banburismus, Turingery in Bletchley Park 1939–1945), zur Computerarchitektur (Entwurf der Automatic Computing Engine am National Physical Laboratory 1945–1948), zur Philosophie der künstlichen Intelligenz (Turing-Test, 1950) und zur mathematischen Biologie (Morphogenese, 1952).
Sein Leben endete tragisch: 1952 wurde er wegen homosexueller Handlungen – in Großbritannien damals strafbar – wegen gross indecency verurteilt und nahm anstelle einer Haftstrafe eine chemische Kastration durch Östrogengabe an. Er verlor seine Sicherheitsfreigabe und damit seine kryptanalytische Beratungstätigkeit für den GCHQ.
Er starb am 7. Juni 1954; am folgenden Tag wurde er tot in seinem Haus aufgefunden. Die Untersuchung ergab Cyanid-Vergiftung, die offiziell als Suizid eingeordnet wurde – eine alternative Lesart als unbeabsichtigte Vergiftung wird vereinzelt vertreten, ist aber Minderheitsposition.
2009 sprach der damalige britische Premierminister Gordon Brown eine offizielle Entschuldigung aus; 2013 erhielt Turing eine posthume königliche Begnadigung; 2017 erweiterte das nach ihm benannte Turing’s Law die Begnadigung auf andere unter denselben Gesetzen Verurteilte.
Biografie
Turing wurde in Paddington, London, als Sohn von Julius Mathison Turing (Beamter im Indian Civil Service) und Ethel Sara Turing geboren. Er besuchte ab 1926 die Sherborne School in Dorset und studierte von 1931 bis 1934 am King’s College, Cambridge (Mathematik).
1935 wurde er als Fellow des King’s College gewählt; im selben Jahr begann er die Arbeit, die 1936 in den Aufsatz On Computable Numbers, with an Application to the Entscheidungsproblem (Proceedings of the London Mathematical Society, 1936/1937) mündete.
Zwischen 1936 und 1938 promovierte Turing in Princeton bei Alonzo Church (Ph.D. 1938 mit Systems of Logic Based on Ordinals). Bei Kriegsausbruch im September 1939 trat er den Vollzeitdienst bei der Government Code and Cypher School (GC&CS) in Bletchley Park an.
Nach dem Krieg war Turing am National Physical Laboratory (1945–1948) und ab 1948 an der University of Manchester tätig, wo er am Manchester Mark I, einem der ersten speicherprogrammierbaren Computer der Welt, mitarbeitete.
Werk
Turingmaschine und Berechenbarkeit (1936)
Im 1936 abgefassten Aufsatz On Computable Numbers, with an Application to the Entscheidungsproblem entwickelte Turing das nach ihm benannte mathematische Modell einer abstrakten Rechenmaschine. Die Turingmaschine – bestehend aus einem unendlich langen Band, einem Schreib-/Lesekopf und einem endlichen Steuerprogramm – erlaubt eine präzise Definition dessen, was berechenbar ist.
Turing zeigte zugleich die Unentscheidbarkeit des Entscheidungsproblems (David Hilbert 1928) und damit die Existenz prinzipiell nicht algorithmisch lösbarer mathematischer Fragen. Das Konzept der universellen Turingmaschine – einer Maschine, die jede andere Turingmaschine simulieren kann – ist die theoretische Grundlage des speicherprogrammierbaren Computers.
Parallel und unabhängig entwickelte Alonzo Church mit seinem Lambda-Kalkül einen äquivalenten Formalismus; die Äquivalenz beider Ansätze ist Inhalt der Church-Turing-These.
Bletchley Park und Enigma (1939–1945)
In Bletchley Park leitete Turing ab 1940 die Hut 8, die für die Dechiffrierung der deutschen Marine-Enigma-Kommunikation zuständig war. Auf Grundlage polnischer Vorarbeiten (Marian Rejewski, Jerzy Różycki, Henryk Zygalski) und ihrer bomba-Maschine entwickelte Turing mit Gordon Welchman die British Bombe, eine elektromechanische Maschine, die mögliche Enigma-Schlüsseleinstellungen systematisch testete.
Daneben entwickelte er die statistischen Verfahren Banburismus und Turingery (letzteres zur Dechiffrierung der höherwertigen Lorenz-Verschlüsselung der deutschen Heeresleitung). Historiker schätzen, dass die Bletchley-Park-Arbeit den Zweiten Weltkrieg um zwei bis vier Jahre verkürzte. Turings spezifische Rolle wurde aufgrund der bis in die 1990er Jahre andauernden Geheimhaltung erst spät öffentlich anerkannt.
Computing Machinery and Intelligence (1950)
In Computing Machinery and Intelligence (Mind 59 [236], 1950, S. 433–460) führte Turing das nach ihm benannte Imitation Game als operationalisiertes Kriterium für die Frage „Können Maschinen denken?” ein. Der Aufsatz ist eines der Gründungsdokumente der Philosophie der KI und enthält zugleich eine systematische Diskussion von neun klassischen Einwänden gegen die Möglichkeit maschinellen Denkens.
Morphogenese (1952)
In The Chemical Basis of Morphogenesis (Philosophical Transactions of the Royal Society B 237, 1952) entwickelte Turing ein Reaktions-Diffusions-Modell zur Erklärung der Musterbildung in biologischen Organismen.
Die Turing-Muster – selbstorganisierte Muster, die aus dem Zusammenspiel von Aktivator- und Inhibitor-Stoffen entstehen – sind seither in mathematischer Biologie, Chemie und Materialwissenschaft breit untersucht und experimentell vielfach bestätigt worden.
Strafverfolgung und Tod
Im Januar 1952 zeigte Turing einen Einbruch in seiner Wohnung an; im Verlauf der Ermittlungen offenbarte er eine Beziehung zu einem Mann, Arnold Murray. Er wurde wegen gross indecency angeklagt und am 31. März 1952 verurteilt.
Anstelle einer Haftstrafe nahm er eine probatorisch verhängte chemische Kastration durch Östrogengabe über zwölf Monate an. Mit der Verurteilung verlor er seine Sicherheitsfreigabe und damit den Zugang zu seiner Beratungstätigkeit für den GCHQ.
Turing starb am 7. Juni 1954; am 8. Juni wurde er von seiner Haushälterin tot in seinem Haus aufgefunden. Die Untersuchung ergab Cyanid-Vergiftung; ein angebissener Apfel neben dem Bett ließ vermuten, dass er das Cyanid auf diesem Wege aufgenommen hatte. Die offizielle Einordnung war Suizid.
Eine alternative Lesart – der Cyanid-Kontakt sei eine unbeabsichtigte Folge experimenteller Apparaturen in Turings Haus gewesen – ist von dem Historiker B. Jack Copeland (Turing-Archiv, University of Canterbury) vertreten worden, hat sich aber nicht als Mehrheitsposition durchgesetzt.
Rehabilitierung und öffentliche Anerkennung
In den 1980er und 1990er Jahren setzte mit der Aufhebung der britischen Geheimhaltung über Bletchley Park eine wachsende öffentliche Würdigung Turings ein. Andrew Hodges’ Biografie Alan Turing: The Enigma (1983) wurde zu der Standardreferenz und Vorlage für den Spielfilm The Imitation Game (2014, Regie: Morten Tyldum).
Die Association for Computing Machinery (ACM) benannte ihre höchste Auszeichnung – den Turing Award, vergeben seit 1966 – nach ihm. TIME Magazine nahm ihn 1999 in die Liste der 100 wichtigsten Personen des 20. Jahrhunderts auf.
2009 sprach der damalige britische Premierminister Gordon Brown eine offizielle Entschuldigung für die Behandlung Turings durch den britischen Staat aus. 2013 erhielt Turing durch das Royal Prerogative of Mercy eine posthume königliche Begnadigung.
2017 trat das sogenannte Turing’s Law in Kraft, das die Begnadigung auf alle nach denselben Gesetzen Verurteilten ausweitete (zu Lebzeiten oder posthum). Seit dem 23. Juni 2021 – seinem Geburtstag – ist Turing auf der britischen 50-Pfund-Banknote abgebildet.
Bedeutung
Turings Wirkung erstreckt sich über mehrere voneinander getrennte Disziplinen. In der theoretischen Informatik gilt er als ihr eigentlicher Begründer; die Turingmaschine ist das Standardmodell der Berechenbarkeit, der Computer in seiner heutigen Form ein Spezialfall des Konzepts der universellen Turingmaschine.
In der Philosophie der KI hat sein 1950er Aufsatz das Feld eröffnet, in dem auch das Chinese Room Argument, das Symbol Grounding Problem und die heutige Stochastic-Parrots-Debatte stehen.
In der mathematischen Biologie ist seine Morphogenese-Arbeit erst Jahrzehnte nach seinem Tod in ihrer vollen Bedeutung erkannt worden. Quer durch das Werk verbindet sich eine seltene Verbindung aus mathematischer Strenge, technischer Konstruktionsfähigkeit und philosophischer Reichweite.
Verwandte Begriffe
- Turingmaschine – sein theoretisches Modell
- Bletchley Park – Wirkungsstätte 1939–1945
- Enigma – von ihm dechiffriertes Verschlüsselungssystem
- Bombe – von ihm entwickelte kryptanalytische Maschine
- Alonzo Church – Doktorvater
- Church-Turing-These – Berechenbarkeits-These
- Turing-Muster – sein biologisches Modell
- AGI – Forschungsfeld, das er vorbereitete
Quellenangaben
- Copeland, B. Jack (Hrsg.) (2004): The Essential Turing: Seminal Writings in Computing, Logic, Philosophy, Artificial Intelligence, and Artificial Life.
- Copeland, B. Jack (2012): Turing: Pioneer of the Information Age.
- Davis, Martin (2000): The Universal Computer: The Road from Leibniz to Turing.
- Hinsley, F. Harry / Stripp, Alan (Hrsg.) (1993): Codebreakers: The Inside Story of Bletchley Park.
- Hodges, Andrew (1983): Alan Turing: The Enigma.
- Hodges, Andrew (2014): Alan Turing: The Logical and Physical Basis of Computing. In: The Rutherford Journal 4.
- House of Commons (2017): Policing and Crime Act 2017, Section 164–166 („Turing’s Law”).
- Turing, Alan M. (1936/1937): On Computable Numbers, with an Application to the Entscheidungsproblem. In: Proceedings of the London Mathematical Society, Series 2, Bd. 42, S. 230–265. DOI: 10.1112/plms/s2-42.1.230.
- Turing, Alan M., 1950. Computing Machinery and Intelligence. In: Mind LIX (236), S. 433–460. DOI: 10.1093/mind/LIX.236.433.
- Turing, Alan M. (1952): The Chemical Basis of Morphogenesis. In: Philosophical Transactions of the Royal Society B 237 (641), S. 37–72. DOI: 10.1098/rstb.1952.0012.