Das Center for Reducing Suffering (CRS) ist eine 2019 gegründete gemeinnützige Forschungseinrichtung, die untersucht, wie sich Leid im großen Maßstab verringern lässt. Sie arbeitet auf der Grundlage der leidensorientierten Ethik.
Zusammenfassung
Gegründet wurde die Einrichtung von Tobias Baumann und Magnus Vinding, beide zuvor im Umfeld des Effektiven Altruismus tätig.
Sie ist klein – wenige Mitarbeitende, Finanzierung überwiegend aus Einzelspenden – und arbeitet ausschließlich veröffentlichend. Eigene Programme oder Fördervergaben betreibt sie nicht.
Der Arbeitsschwerpunkt liegt auf Risiken astronomischen Leids, den sogenannten S-Risiken: Entwicklungen, bei denen künftig sehr viel mehr Leid entsteht als in der bisherigen Geschichte.
Sie unterscheidet sich vom übrigen Feld dadurch, dass sie das Ausbleiben einer großen Zukunft nicht als schlimmsten Ausgang behandelt. Das schlimmste Ergebnis ist in dieser Sicht eine Zukunft, die stattfindet und von Leid geprägt ist.
Geschichte
Die gedankliche Vorgeschichte reicht in die 2010er Jahre zurück, als aus dem Umfeld des Effektiven Altruismus eine Diskussion über die Gewichtung von Leid und Glück entstand – getragen unter anderem von Brian Tomasik.
Tobias Baumann arbeitete zuvor am Foundational Research Institute, dem Vorläufer des Center on Long-Term Risk. Die Gründung des CRS 2019 folgte einer Schwerpunktverschiebung: Baumann und Vinding wollten die ethische Grundlagenarbeit stärker in den Vordergrund rücken.
Vinding legte 2020 mit seinem Hauptwerk die theoretische Darstellung vor; Baumann veröffentlichte 2022 eine Einführung in die S-Risiken.
Seither erscheinen fortlaufend Aufsätze und Arbeitspapiere, überwiegend auf der eigenen Webseite und im Forum des Effektiven Altruismus.
Arbeitsschwerpunkte
Begründung der Asymmetrie. Ein erheblicher Teil der Arbeit gilt der Frage, warum Leidensverhinderung stärker wiegt – und welche Fassung dieser These sich verteidigen lässt.
S-Risiken. Die Kategorisierung von Entwicklungen, die sehr viel Leid erzeugen könnten: von der Ausweitung industrieller Tierhaltung über die mögliche Erzeugung empfindungsfähiger digitaler Systeme bis zu dauerhaft festgeschriebenen ungünstigen Verhältnissen.
Priorisierung. Welche Maßnahmen verringern erwartetes Leid am wirksamsten? Die Antworten weichen von denen der übrigen Bewegung erheblich ab.
Moralische Kreiserweiterung. Arbeiten dazu, wie sich der Kreis berücksichtigter Wesen ausdehnen lässt – mit Blick auf wildlebende Tiere und auf den Status künstlicher Systeme.
Politische Übertragung. Vindings Reasoned Politics überträgt den Zugang auf Fragen der Verfassung und der Willensbildung.
Anwendungsfelder
Spendenberatung. Die Einrichtung liefert Argumente für Spendenentscheidungen, die von den geläufigen Rangfolgen der Bewegung abweichen.
Tierschutzarbeit. Insbesondere im Feld des Leids wildlebender Tiere, das ohne diese Perspektive kaum bearbeitet würde.
KI-Debatte. Die Kategorie der S-Risiken hat in der Diskussion um Langzeitrisiken einen festen Platz gefunden, auch bei Akteuren, die die zugrunde liegende Ethik nicht teilen.
Innerbewegliche Kritik. Die Einrichtung wirkt als Korrektiv gegenüber Positionen, die den Wert einer Zukunft an der Zahl möglicher Leben bemessen.
Kontroversen und Kritik
Weltzerstörungseinwand. Der klassische Einwand gegen leidensorientierte Positionen richtet sich auch gegen die Grundlage der Einrichtung. Sie behandelt ihn ausführlich; die Antworten überzeugen nicht alle.
Geringe Reichweite. Mit wenigen Mitarbeitenden und ohne akademische Anbindung bleibt die Wirkung überschaubar. Die Veröffentlichungen durchlaufen kein Begutachtungsverfahren.
Spekulativer Gegenstand. S-Risiken sind ihrer Natur nach nicht beobachtbar. Kritiker halten die Arbeit deshalb für Szenarienbau ohne empirische Kontrolle.
Verdrängungsvorwurf. Wie gegenüber der übrigen Langzeitrisikoforschung wird eingewandt, die Aufmerksamkeit für hypothetisches künftiges Leid gehe auf Kosten belegter gegenwärtiger Not.
Abgrenzungsschwierigkeit. Die Nähe zum Center on Long-Term Risk – gemeinsame Vorgeschichte, überlappende Gegenstände – wirft die Frage auf, worin sich die Arbeitsteilung begründet.
Was die Kategorie der S-Risiken leistet
Der bleibende Beitrag dieser Einrichtung ist weniger eine Antwort als eine Unterscheidung.
Die Debatte um Langzeitrisiken kannte lange zwei Kategorien: Auslöschung und dauerhafte Beschränkung des menschlichen Potenzials. Beide bemessen den Schaden daran, was nicht mehr möglich wäre.
Die Kategorie der S-Risiken fügt eine dritte hinzu, die sich nicht auf entgangene Möglichkeiten bezieht, sondern auf verwirklichtes Leid. Sie beschreibt Ausgänge, die nach dem älteren Maßstab als Erfolg zählen – die Menschheit besteht fort, breitet sich aus, verfügt über große Mittel – und dennoch schlechter sind als das Ausbleiben all dessen.
Diese Unterscheidung ist unabhängig von der Ethik, die zu ihr geführt hat. Auch wer die Asymmetrie zwischen Leid und Glück bestreitet, muss einräumen, dass die beiden älteren Kategorien einen möglichen Ausgang nicht erfassen.
Genau darin liegt die Wirkung der Einrichtung: Ihre Kategorie wird von Leuten verwendet, die ihre Begründung ablehnen – der übliche Weg, auf dem ein Begriff sich durchsetzt.
Verwandte Begriffe
- Suffering-Focused Ethics – ethische Grundlage der Arbeit
- Magnus Vinding – Mitgründer
- Center on Long-Term Risk – Einrichtung mit gemeinsamer Vorgeschichte
- Effektiver Altruismus – Umfeld der Gründung
- Longtermism – Zeithorizont, der geteilt wird
- Existenzielles Risiko – ältere Kategorie, die ergänzt wird
- Moral Status of Digital Minds – Frage nach künftigen Leidenden
Quellenangaben
- Baumann, Tobias (2022): Avoiding the Worst: How to Prevent a Moral Catastrophe.
- Center for Reducing Suffering: About Us und Veröffentlichungsverzeichnis. centerforreducingsuffering.org
- Vinding, Magnus, 2020. Suffering-Focused Ethics: Defense and Implications.
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Zuletzt bearbeitet: 10. August 2026
Zusammengestellt, formuliert, lektoriert und korrigiert mit KI-Unterstützung. Kuratiert von Nils Brauer. Alle Angaben ohne Gewähr.