Mark Avrum Gubrud ist ein US-amerikanischer Physiker und Rüstungskontrollforscher. Er prägte im November 1997 den Ausdruck artificial general intelligence und ist als Verfechter eines Verbots autonomer Waffensysteme hervorgetreten.
Zusammenfassung
Gubrud ist der Debatte, die seinen Begriff trägt, weitgehend fremd geblieben.
Der Ausdruck AGI erscheint erstmals in der Zusammenfassung seines Aufsatzes Nanotechnology and International Security, den er im November 1997 auf der Fifth Foresight Conference on Molecular Nanotechnology in Palo Alto vortrug.
Gubrud war damals Doktorand der Physik an der University of Maryland. Sein Gegenstand war nicht die KI-Forschung, sondern die sicherheitspolitische Frage, welche Folgen fortgeschrittene Fertigungs- und Rechentechnologien für die internationale Stabilität hätten – der Begriff entstand als Warnung, nicht als Zielbezeichnung.
Popularisiert wurde er erst Jahre später und unabhängig von ihm durch Shane Legg und Ben Goertzel; Mitte der 2000er Jahre wandte sich Gubrud an beide und wies auf seine frühere Verwendung hin. Eine akademische Laufbahn schloss sich nicht an. Gubrud arbeitet seither überwiegend zu Rüstungskontrolle und gehört zu den frühen Vertretern der Forderung, autonome Waffensysteme völkerrechtlich zu verbieten.
Begriffsprägung
In dem Aufsatz von 1997 bestimmt Gubrud AGI als KI-Systeme, die das menschliche Gehirn in Komplexität und Geschwindigkeit erreichen oder übertreffen, mit allgemeinem Wissen umgehen, dieses manipulieren und Schlüsse daraus ziehen können.
Zwei Merkmale unterscheiden diese Bestimmung von späteren:
Sie ist komplexitätsorientiert. Maßgeblich ist der Vergleich mit dem menschlichen Gehirn hinsichtlich Komplexität und Geschwindigkeit, nicht die Aufgabenleistung. Spätere Bestimmungen – etwa die ökonomische von OpenAI oder die kognitionsorientierten – verlagerten den Maßstab auf beobachtbares Verhalten.
Sie steht im sicherheitspolitischen Zusammenhang. Der Begriff entsteht nicht als Forschungsziel, sondern als Risikogröße innerhalb einer Analyse künftiger militärischer Fähigkeiten.
Der Aufsatz thematisiert zudem einen Zusammenhang, der in der späteren Debatte zentral wurde: die Möglichkeit eines Wettrüstens um fortgeschrittene Technologien und die daraus folgende Instabilität.
Rüstungskontrolle
Gubrud beschäftigt sich seit den 1990er Jahren mit den sicherheitspolitischen Folgen neuer Technologien. Er zählt zu den frühen Stimmen, die ein Verbot letaler autonomer Waffensysteme fordern – Systeme, die ohne menschliche Entscheidung über Zielauswahl und Waffeneinsatz verfügen.
In dem Beitrag Why Should We Ban Autonomous Weapons? To Survive (2016) argumentiert er, die Debatte konzentriere sich zu stark auf moralische und rechtliche Fragen und vernachlässige die materiellen Gefahren eines KI-gestützten Krieges.
Sein Argument stützt sich auf mehrere Linien: die Frage der völkerrechtlichen Verantwortlichkeit bei maschinellen Entscheidungen, die Gefahr unbeabsichtigter Eskalation durch die Geschwindigkeit maschineller Reaktion und die Erosion der Schwelle zum Waffeneinsatz. Er wirkte an entsprechenden internationalen Initiativen mit.
Warum die Prägung folgenlos blieb
Dass eine dokumentierte, datierte und öffentlich vorgetragene Erstverwendung ohne Wirkung blieb, hat nachvollziehbare Gründe – und sie sind für das Verständnis, wie Fachbegriffe entstehen, aufschlussreicher als der Prioritätsstreit selbst.
Der Ort der Veröffentlichung. Der Aufsatz erschien im Umfeld der Nanotechnologie-Forschung, nicht in der KI-Literatur. Wer in den folgenden Jahren nach Begriffen für allgemeine maschinelle Intelligenz suchte, hatte keinen Anlass, dort nachzusehen. Begriffe verbreiten sich entlang von Zitationsnetzen, und zwischen beiden Feldern bestand praktisch keines.
Der Status des Autors. Gubrud war Doktorand ohne Anschlussposition in einem Feld, das nicht seines war. Ihm fehlte, was die Durchsetzung einer Bezeichnung meist trägt: eine Arbeitsgruppe, die sie verwendet, eine Publikationsreihe, in der sie wiederkehrt, Lehrveranstaltungen, in denen sie weitergegeben wird.
Die Richtung des Begriffs. Gubrud führte AGI als Risikogröße ein. Legg und Goertzel brauchten wenige Jahre später einen Namen für ein Forschungsprogramm – also für etwas, das man anstrebt. Ein Wort, das als Warnung geprägt wurde, hätte diese Funktion nicht ohne Weiteres übernehmen können; dass es dieselbe Lautgestalt hatte, war für seine zweite Karriere unerheblich.
Die Episode illustriert damit eine allgemeine Beobachtung: Nicht die früheste Verwendung setzt sich durch, sondern diejenige, die in ein Netz aus Institutionen, Publikationen und Interessen eingebettet ist.
Einordnung
Die Begriffsgeschichte von AGI ist ein Beispiel dafür, wie eine Bezeichnung sich von ihrer Prägung löst. Gubruds Verwendung war weder folgenreich noch in der KI-Forschung rezipiert; die heutige Bedeutung geht auf die unabhängige Verwendung durch Legg und Goertzel ab 2002 zurück. Nach Leggs eigener Darstellung schlug er den Ausdruck 2002 als Titel für einen Sammelband vor, ohne Kenntnis von Gubruds früherer Verwendung.
Bemerkenswert bleibt, dass die früheste bekannte Verwendung aus der Rüstungskontrollforschung stammt – einem Zusammenhang, in den der Begriff über die Debatte um autonome Waffensysteme und über staatliche KI-Sicherheitsinstitute später zurückkehrte.
Gubrud selbst steht der heutigen Verwendung distanziert gegenüber: Er prägte den Ausdruck, um vor einem Rüstungswettlauf zu warnen, während er inzwischen als Zielbegriff einer auf Gewinn ausgerichteten Industrie dient. Der Journalist Steven Levy zeichnete diese Begriffsgeschichte 2025 unter dem Titel The Man Who Invented AGI nach.
Verwandte Begriffe
- AGI – von ihm geprägter Begriff
- Shane Legg – Popularisator des Begriffs
- Ben Goertzel – Popularisator des Begriffs
- Letale autonome Waffensysteme – sein zentrales Arbeitsfeld
- Existenzielles Risiko – verwandter Risikobegriff
- Nanotechnologie – Gegenstand des Aufsatzes von 1997
Quellenangaben
- Goertzel, Ben / Pennachin, Cassio (Hrsg.), 2007. Artificial General Intelligence.
- Gubrud, Mark, 1997. Nanotechnology and International Security. Fifth Foresight Conference on Molecular Nanotechnology.
- Gubrud, Mark A. (2016): Why Should We Ban Autonomous Weapons? To Survive. IEEE Spectrum, 1. Juni 2016.
- Legg, Shane, o. J. About. Vetta Project. https://www.vetta.org/about-me/
- Levy, Steven (2025): The Man Who Invented AGI. WIRED, 31. Oktober 2025.
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Zuletzt bearbeitet: 10. August 2026
Zusammengestellt, formuliert, lektoriert und korrigiert mit KI-Unterstützung. Kuratiert von Nils Brauer. Alle Angaben ohne Gewähr.