Speziesismus (englisch speciesism) bezeichnet die moralische Diskriminierung leidensfähiger Wesen allein aufgrund ihrer Spezies-Zugehörigkeit – analog zu den Begriffen Rassismus und Sexismus, an deren Wortbildung der Begriff terminologisch anschließt.
Der Begriff wurde 1970 von dem britischen Psychologen und Tierrechtsaktivisten Richard D. Ryder in einem in Oxford verbreiteten Flugblatt gegen Tierversuche eingeführt und 1975 durch Peter Singers Animal Liberation in die akademische und öffentliche Tierethik-Diskussion eingebracht. Der Begriff ist 1985 in das Oxford English Dictionary und 2000 in den Duden aufgenommen worden.
Zusammenfassung
Die zentrale These des Speziesismus-Konzepts: Der Speziesunterschied an sich ist moralisch irrelevant, vergleichbar mit Hautfarbe oder Geschlecht.
Was moralisch relevant ist, sind Eigenschaften wie Leidensfähigkeit, Empfindungsfähigkeit (Sentience) oder Interessen – und diese Eigenschaften verteilen sich nicht entlang der Speziesgrenze. Aus diesem Argument folgt die Forderung der gleichen Berücksichtigung von Interessen (equal consideration of interests, Singer): Gleichartige Interessen müssen unabhängig von der Spezies-Zugehörigkeit gleich gewichtet werden.
Speziesismus ist damit nicht primär die These, alle Spezies seien gleich, sondern die negative These: Der bloße Spezies-Unterschied rechtfertigt keine ungleiche moralische Berücksichtigung. Der Begriff ist heute Standardvokabular der Tierethik und prägt die Argumentationsstruktur sowohl der utilitaristischen (Singer) als auch der rechtstheoretischen (Tom Regan) und der abolitionistischen (Gary Francione) Tierrechtspositionen.
Begriffsgeschichte
Ryders Prägung (1970)
Richard D. Ryder formulierte den Begriff Anfang 1970 in einem privat gedruckten Flugblatt (Speciesism), das er an den Oxford-Colleges verteilte. Nach eigener Angabe kam ihm das Wort in der Badewanne im Old Manor House in Sunningwell, Oxfordshire.
Ryder argumentierte in expliziter Analogie zu Rassismus und Sexismus: Diskriminierung allein aufgrund von Spezies-Zugehörigkeit sei genauso unlogisch wie Diskriminierung aufgrund von Rasse oder Geschlecht – denn der Spezies-Unterschied sei, ebenso wie Rasse, eine vage Kategorie ohne moralische Eigensubstanz. Ryder veranschaulichte dies provokativ mit der Frage, ob ein hypothetischer Mensch-Affe-Hybrid in einer Wiege oder im Käfig untergebracht würde.
Ryder publizierte den Begriff erstmals akademisch in seinem Beitrag zum Sammelband Animals, Men and Morals (1971), herausgegeben von Stanley und Roslind Godlovitch und John Harris.
Singers Popularisierung (1973–1975)
Peter Singer rezensierte Animals, Men and Morals 1973 in der New York Review of Books – eine Rezension, die zum Auftrag der Monographie Animal Liberation (1975) führte.
In Animal Liberation übernahm Singer Ryders Begriff (mit ausdrücklicher Attribuierung) und stellte ihn als Zentrum seiner utilitaristischen Argumentation in den Vordergrund. Das fünfte Kapitel trägt den Titel „Man’s Dominion … A Short History of Speciesism”. Singer hat den Begriff in einer Reihe weiterer Arbeiten (insbesondere Practical Ethics, 1979ff.) weiter ausgearbeitet.
Aufnahme in die akademische Diskussion
Seit den 1980er Jahren ist Speziesismus Standardterm der angloamerikanischen Tierethik.
Wichtige Beiträge stammen von Tom Regan (The Case for Animal Rights, 1983 – rechtstheoretische Ausarbeitung), Gary L. Francione (Animals as Persons, 2008 – abolitionistische Ausarbeitung), Oscar Horta (The Scope of the Argument from Species Overlap, 2014 – analytische Schärfung), Shelly Kagan (What’s Wrong with Speciesism?, 2016 – kritische Auseinandersetzung) und Singer selbst in seiner Replik Why Speciesism is Wrong (2016).
Argumentationsstruktur
Das klassische Anti-Speziesismus-Argument verläuft typischerweise in drei Schritten:
Erstens das Prinzip der moralischen Relevanz: Nur jene Eigenschaften, die unmittelbar mit der Frage der moralischen Berücksichtigung verbunden sind (Leidensfähigkeit, Empfindungsfähigkeit, Interessen, Personhood), sind in einer moralischen Bewertung legitim heranzuziehen.
Zweitens das Argument aus dem Spezies-Überlappung (argument from marginal cases oder species overlap): Wenn eine Eigenschaft (z. B. Sprachfähigkeit, Rationalität, Selbstbewusstsein) als Begründung für die Sonderstellung der Menschheit angeführt wird, dann fehlt diese Eigenschaft auch bei einer Teilmenge menschlicher Individuen (Säuglinge, Menschen mit schwerer kognitiver Beeinträchtigung, Komapatienten).
Wer den Spezies-Status für entscheidend hält, muss erklären, warum diese Spezies-Mitglieder voll berücksichtigt werden, während nicht-menschliche Tiere mit vergleichbaren oder stärkeren Fähigkeiten nicht berücksichtigt werden.
Drittens die Analogie zu Rassismus und Sexismus: Genauso wie diese Diskriminierungsformen heute weitgehend als unhaltbar gelten, sei auch die Diskriminierung allein aufgrund von Spezies-Zugehörigkeit zu verwerfen.
Einordnung
Speziesismus ist nicht primär ein TESCREAL-relevanter Begriff, sondern eine ideengeschichtliche Voraussetzung zweier benachbarter Stränge:
Der Effektive Altruismus übernimmt aus der Singer’schen Tradition die anti-speziesistische Argumentationsstruktur und arbeitet sie in seine Spendenprioritäten ein – insbesondere in der Förderung von Tierwohl-Organisationen (Animal Welfare, Wild Animal Initiative, The Humane League). Innerhalb der EA-Community ist Tierethik eines der drei klassischen Schwerpunktfelder – neben globaler Gesundheit und existenziellem Risiko.
Die Suffering-Focused Ethics übernehmen die Speziesismus-Kritik und erweitern sie auf hypothetische künftige digitale Bewusstseine: Wenn der Spezies-Unterschied moralisch irrelevant ist, ist auch der Substrat-Unterschied (biologisch vs. digital) moralisch irrelevant – eine Erweiterung, die in der Diskussion um Mindcrime und Moral Status of Digital Minds zentral ist.
Der Posthumanismus (insbesondere in der Tradition Haraway, Barad) übernimmt die Speziesismus-Kritik in seine Kritik des Anthropozentrismus, formuliert sie jedoch nicht in der utilitaristischen Aggregations-Tradition Singers, sondern in einer relational-ontologischen Sprache.
Kritik
Die wichtigsten Kritiklinien sind:
Kritik aus der nicht-utilitaristischen Ethik: Aus deontologischer Position (Bonnie Steinbock, Cora Diamond, Eating Meat and Eating People, 1978) wird argumentiert, dass die Speziesismus-Analogie zu Rassismus und Sexismus die kategorialen Unterschiede zwischen den drei Diskriminierungsformen überspielt – Speziesgrenzen seien biologisch real, während Rassengrenzen sozial konstruiert sind.
Cohen-Argument: Carl Cohen (The Case For the Use of Animals in Biomedical Research, NEJM 1986) wendet ein, Spezies-Zugehörigkeit sei moralisch relevant, weil sie auf moralisch substantielle Eigenschaften der Spezies (Rationalität, moralische Selbstreflexion) verweise – auch dort, wo individuelle Spezies-Mitglieder diese Eigenschaften nicht aufweisen.
Disability-Ethik: Aus der Disability-Bewegung (Eva Feder Kittay, Licia Carlson) wird die Singer’sche Form des Anti-Speziesismus-Arguments mit Verweis auf das Argument from Marginal Cases problematisiert: Wenn die moralische Berücksichtigung schwer kognitiv beeinträchtigter Menschen am selben Maßstab wie nicht-menschliche Tiere bemessen werde, entstehe das Risiko einer Abwertung des Lebens behinderter Menschen.
Postkoloniale Kritik: Aus postkolonialer Perspektive (Maneesha Deckha, Toward a Postcolonial, Posthumanist Feminist Theory, 2012) wird argumentiert, dass die schlichte Rassismus-Speziesismus-Analogie die historisch spezifische Gewaltgeschichte des Rassismus relativiert und dass eine reichhaltigere Theorie der Verschränkung von Mensch-Tier- und Mensch-Mensch-Diskriminierungsformen erforderlich ist.
Konzeptuelle Kritik der Analogie (Cantens 2025): Kristian Cantens hat im Journal of Applied Philosophy argumentiert, dass die Rassismus-Speziesismus-Analogie für historisch marginalisierte Gruppen ein grundlegendes konzeptuelles Problem aufweist – nicht nur ein historisch-empirisches.
Wer selbst historisch nie uneingeschränkt als „vollständig menschlich” anerkannt wurde, erlebt den Vergleich mit Tieren anders, als die Analogie unterstellt.
Cantens knüpft damit an die postkoloniale Kritik (Deckha 2012) an, verortet den Widerspruch aber primär in unterschiedlichen Konzeptionen dessen, wie menschliche Unterdrückung im Vergleich zu tierlicher Benachteiligung funktioniert, und fordert deren Klärung als Voraussetzung für eine tragfähige Kooperation zwischen Tierrechts- und Antirassismus-Bewegungen.
Verwandte Begriffe
- Richard D. Ryder – Urheber des Begriffs
- Effektiver Altruismus – Bewegung mit Tierwohl-Schwerpunkt
- Suffering Risks (S-Risks) – verwandte Tradition
- Mindcrime – Erweiterung des Arguments auf digitale Bewusstseine
- Moral Status of Digital Minds – verwandtes Forschungsfeld
- Anthropozentrismus – kritisierter Bezugspunkt
- Argument from Marginal Cases – zentrale Argumentationsfigur
Quellenangaben
- Cantens, Kristian (2025): Racism, Speciesism, and the Argument from Analogy: A Critique of the Discourse of Animal Liberation. In: Journal of Applied Philosophy 42 (2), S. 652–667. Online vorab am 19. Dezember 2024. DOI: 10.1111/japp.12780.
- Cohen, Carl (1986): The Case for the Use of Animals in Biomedical Research. In: New England Journal of Medicine 315 (14), S. 865–870. DOI: 10.1056/NEJM198610023151405.
- Deckha, Maneesha (2012): Toward a Postcolonial, Posthumanist Feminist Theory: Centralizing Race and Culture in Feminist Work on Nonhuman Animals. In: Hypatia 27 (3), S. 527–545. DOI: 10.1111/j.1527-2001.2012.01290.x.
- Denkhaus, Ruth (2018): Speziesismus: Grundlagen – Kontexte – Perspektiven.
- Diamond, Cora (1978): Eating Meat and Eating People. In: Philosophy 53 (206), S. 465–479. DOI: 10.1017/S0031819100026334.
- Francione, Gary L. (2008): Animals as Persons: Essays on the Abolition of Animal Exploitation.
- Horta, Oscar (2014): The Scope of the Argument from Species Overlap. In: Journal of Applied Philosophy 31 (2), S. 142–154. DOI: 10.1111/japp.12044.
- Kagan, Shelly (2016): What’s Wrong with Speciesism? In: Journal of Applied Philosophy 33 (1), S. 1–21. DOI: 10.1111/japp.12164.
- Regan, Tom (1983): The Case for Animal Rights.
- Ryder, Richard D. (1970): Speciesism. Privat gedrucktes Flugblatt, Oxford.
- Ryder, Richard D. (1971): Experiments on Animals. In: Godlovitch, Stanley / Godlovitch, Roslind / Harris, John (Hrsg.): Animals, Men and Morals: An Enquiry into the Maltreatment of Non-Humans. London: Victor Gollancz.
- Singer, Peter (1975/2023): Animal Liberation: A New Ethics for Our Treatment of Animals.
- Singer, Peter (1979/2011): Practical Ethics.
- Singer, Peter (2009): Speciesism and Moral Status. In: Metaphilosophy 40 (3–4), S. 567–581. DOI: 10.1111/j.1467-9973.2009.01608.x.
- Singer, Peter (2016): Why Speciesism is Wrong: A Response to Kagan. In: Journal of Applied Philosophy 33 (1), S. 31–35. DOI: 10.1111/japp.12169.