The Importance of Wild-Animal Suffering ist ein im Juli 2009 von Brian Tomasik unter dem Pseudonym „Alan Dawrst” veröffentlichter Essay. Er begründet das durch natürliche Ursachen – Hunger, Krankheit, Predation, Kälte – verursachte Leiden frei lebender Tiere als eigenständiges, bislang vernachlässigtes moralisches Problem.
Zusammenfassung
Der Essay stellt eine einfache, aber folgenreiche Beobachtung an den Anfang: Wild lebende Tiere sind zahlenmäßig um Größenordnungen häufiger als vom Menschen gehaltene Nutz- und Haustiere. Wenn Leiden moralisch zählt, unabhängig davon, wer oder was es verursacht, dann verdient das Leiden dieser weit größeren Gruppe mindestens ebenso viel Aufmerksamkeit wie das in der Tierschutzdebatte übliche Feld der Massentierhaltung.
Tomasik führt als Leidensquellen Predation, chronische Angst vor Fressfeinden, Parasitenbefall, Krankheit, Hunger, Kälte und Unfälle auf.
Ein zentrales Argument stützt sich auf die Populationsökologie: Viele Arten – insbesondere Fische, Insekten und andere r-Strategen – bringen sehr viele Nachkommen hervor, von denen der überwiegende Teil kurz nach Geburt oder Schlupf stirbt. Dieses Muster legt nahe, dass in vielen Wildtierpopulationen Leiden die Freude zahlenmäßig übersteigen könnte.
Der Essay diskutiert offen die Unsicherheit darüber, welche Tiere überhaupt empfindungsfähig sind, und plädiert nicht für sofortige, großflächige Eingriffe in Ökosysteme. Stattdessen fordert er, das Feld zunächst durch Forschung zu erschließen – etwa zu Wohlergehens-Indikatoren und möglichen, vorsichtig erprobten Interventionen –, bevor über konkrete Maßnahmen entschieden wird.
Tomasik erkennt zugleich an, dass Menschen durch Landnutzung, Klimawandel und andere Eingriffe ohnehin bereits massiv auf Wildtierpopulationen einwirken; die Frage sei daher nicht, ob eingegriffen wird, sondern ob diese Eingriffe das Wohlergehen der betroffenen Tiere berücksichtigen.
Begriffsgeschichte
Tomasik veröffentlichte den Essay im Juli 2009 zunächst im Selbstverlag auf seiner Website Essays on Reducing Suffering, unter dem Pseudonym „Alan Dawrst”.
Nach eigener Darstellung in einem späteren autobiografischen Essay von 2012 gingen seine Überlegungen auf mehrere Einflüsse zurück. Dazu zählten Peter Singers Arbeiten zur Tierethik, Bernard Rollins Animal Rights & Human Morality und Forschung zu Schmerzempfinden bei wirbellosen Tieren.
Ebenso prägend waren Yew-Kwang Ngs frühe Vorschläge zu einer welfare biology sowie David Pearces The Hedonistic Imperative. Eine Korrespondenz mit dem Philosophen Oscar Horta im Jahr 2008 trug ebenfalls zur Ausarbeitung bei.
Die ursprüngliche Fassung wurde bereits vor der akademischen Veröffentlichung zitiert, unter anderem von Horta selbst (2010, Pensata Animal) sowie von Sue Donaldson und Will Kymlicka (2013, Law, Ethics and Philosophy) und Beril Idemen Sözmen (2013, Ethical Theory and Moral Practice).
Eine grundlegend überarbeitete Fassung erschien im November 2015 unter Tomasiks bürgerlichem Namen in der Fachzeitschrift Relations. Beyond Anthropocentrism (Band 3, Heft 2, S. 133–152). Diese Version durchlief ein reguläres Peer-Review-Verfahren und gilt seither als die zu zitierende Fassung.
2018 folgte eine französische Übersetzung von Vincent Bozzolan in Les Cahiers antispécistes; das Center on Long-Term Risk veröffentlichte zudem Übersetzungen ins Spanische, Portugiesische und Deutsche.
Methodische Grundlagen
Der Essay argumentiert konsequenzialistisch und leidenszentriert, im Sinne der später so benannten Suffering-Focused Ethics: Moralisches Gewicht erhält, was leidet, unabhängig von Artzugehörigkeit oder der Frage, ob ein Mensch oder ein natürlicher Prozess die Ursache ist.
Zentral ist der Rückgriff auf populationsökologische Daten statt auf reine Intuition. Die Beobachtung, dass die meisten Nachkommen vieler Arten früh sterben, dient als quantitatives Argument: Die Bilanz von Leiden und Wohlergehen in freier Wildbahn könnte ungünstiger ausfallen, als die romantisierende Vorstellung einer harmonischen Natur suggeriert.
Horta bezeichnete diese Vorstellung später als „idyllische Sicht” natürlicher Prozesse und kritisierte sie explizit.
Methodisch grenzt sich der Essay damit sowohl vom klassischen Tierschutz (der sich auf von Menschen gehaltene Tiere konzentriert) als auch vom traditionellen Naturschutz (der Arten und Ökosysteme, nicht das Wohlergehen einzelner Individuen priorisiert) ab.
Anwendungsfelder
Der Essay gilt in der Sekundärliteratur als der am breitesten rezipierte Gründungstext des Forschungsfelds Wild Animal Welfare. Das Center on Long-Term Risk bezeichnete ihn 2016 als „wegweisend” für die Entstehung der Wild-Animal-Suffering-Forschung, Faunalytics beschrieb ihn im selben Jahr als Befassung mit einem „vernachlässigten” Thema.
Aus dem durch den Essay mitausgelösten Diskurs gingen ab Mitte der 2010er Jahre institutionelle Ableger hervor, darunter die 2016 gegründete Organisation Animal Ethics sowie die 2019 aus der Fusion zweier Vorgängerorganisationen entstandene Wild Animal Initiative.
Die 2015er Fachzeitschriften-Fassung wird seither regelmäßig in der akademischen Tierethik zitiert, unter anderem von Alasdair Cochrane (Sentientist Politics, 2018), Kyle Johannsen (Wild Animal Ethics, 2020) und Catia Faria (Animal Ethics in the Wild, 2022).
Kontroversen und Kritik
Naturalismus-Kritik. Kritiker:innen aus Naturschutzbiologie und Umweltethik werfen dem Essay vor, natürliche Prozesse fälschlich als moralisch bewertbare Handlungen zu behandeln, und sehen darin eine Überdehnung ethischer Kategorien auf Vorgänge, die keinen moralischen Akteur kennen.
Interventionismus-Einwand. Die – im Essay selbst zurückhaltend formulierte – Öffnung hin zu möglichen künftigen Eingriffen in Wildtierpopulationen gilt vielen Ökolog:innen als riskant: Komplexe Ökosysteme reagieren auf Eingriffe oft mit schwer vorhersehbaren Kaskadeneffekten, wie sie etwa von invasiven Arten oder gescheiterten Wiederansiedlungsprojekten bekannt sind.
Verhältnis zum Artenschutz. Aus konservationsbiologischer Perspektive wird eingewandt, dass eine Priorisierung individuellen Tierwohls mit dem Ziel des Arten- und Ökosystemerhalts in Konflikt geraten kann – etwa wenn eine invasive Art aus Tierwohl-Sicht geschont, aus Naturschutzsicht aber bekämpft werden müsste.
Ideologische Nähe zum Longtermism. Da der Essay im selben intellektuellen Umfeld wie spätere longtermistische und suffering-fokussierte Positionen entstand, wird er gelegentlich im Rahmen der TESCREAL-Kritik als frühes Beispiel einer Denkweise gelesen, die hypothetische oder weit entfernte Leidensformen gegenüber unmittelbar gegenwärtigen Anliegen priorisiert.
Empirische Unsicherheit. Ein wiederkehrender Einwand betrifft die Wissenslücke, welche Tierarten tatsächlich empfindungsfähig sind und in welchem Ausmaß – eine Frage, die der Essay selbst als offen benennt, die aber für jede daraus abgeleitete praktische Maßnahme entscheidend bleibt.
Verwandte Begriffe
- David Pearce – ideengeschichtlicher Einfluss, The Hedonistic Imperative
- Effective Altruism – institutioneller Rezeptionskontext des Essays
- Peter Singer – tierethischer Vordenker, dessen Arbeiten Tomasiks Überlegungen mitprägten
Quellenangaben
- Tomasik, Brian (als Alan Dawrst), 2009. The Importance of Wild-Animal Suffering. Essays on Reducing Suffering, Juli 2009.
- Tomasik, Brian, 2015. The Importance of Wild-Animal Suffering. In: Relations. Beyond Anthropocentrism 3 (2), S. 133–152. DOI: 10.7358/rela-2015-002-toma.
- Bozzolan, Vincent (Übers.), 2018. L’importance de la souffrance des animaux sauvages. In: Les Cahiers antispécistes (40), S. 23–41.
- Center on Long-Term Risk, 2020. The Importance of Wild-Animal Suffering (Übersetzungen und Einordnung). longtermrisk.org, zuletzt aktualisiert 24. Mai 2020.
- Horta, Oscar, 2010. Debunking the Idyllic View of Natural Processes: Population Dynamics and Suffering in the Wild. In: Télos: Revista Iberoamericana de Estudios Utilitaristas 17 (1), S. 73–88.
- Donaldson, Sue / Kymlicka, Will, 2013. Beitrag in: Law, Ethics and Philosophy (zitiert die Essay-Fassung von 2009).
- Sözmen, Beril Idemen, 2013. Beitrag in: Ethical Theory and Moral Practice (zitiert die Essay-Fassung von 2009).
- Cochrane, Alasdair, 2018. Sentientist Politics: A Theory of Global Inter-Species Justice.
- Johannsen, Kyle, 2020. Wild Animal Ethics: The Moral and Political Problem of Wild Animal Suffering.
- Faria, Catia, 2022. Animal Ethics in the Wild: Wild Animal Suffering and Intervention in Nature.