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Peter Singer

Peter Albert David Singer (* 6. Juli 1946 in Melbourne, Australien) ist australischer Moralphilosoph. Er war von 1999 bis 2024 Ira W. DeCamp Professor of Bioethics am University Center for Human Values der Princeton University; zum 1. Juli 2024 wechselte er nach 25 Jahren an der Fakultät in den Emeritus-Status.

Singer gilt als einer der bekanntesten und umstrittensten zeitgenössischen Philosophen und als wichtigste intellektuelle Bezugsfigur sowohl der Tierrechts-Bewegung (durch Animal Liberation, 1975) als auch des Effektiven Altruismus (durch Famine, Affluence, and Morality, 1972, und The Life You Can Save, 2009).

Zusammenfassung

Singer entwickelt eine konsequent utilitaristische applied ethics, die zwei zentrale Argumentationsfiguren mit erheblicher diskursiver Wirkung kombiniert. Erstens das Prinzip der gleichen Berücksichtigung von Interessen (equal consideration of interests), das die moralische Berücksichtigung leidensfähiger Wesen unabhängig von Spezies-, Rassen- oder Fähigkeits-Zugehörigkeit fordert.

Zweitens das Drowning-Child-Argument von 1972, das aus einer utilitaristischen Aggregations-Annahme folgert, dass die Pflicht zur Hilfe entfernter Notleidender den moralischen Status der Hilfe vor Ort hat.

Aus dem ersten Argument folgt seine Position zum Speziesismus (siehe Animal Liberation, 1975, mit über 500.000 verkauften Exemplaren laut Verlag); aus dem zweiten Argument folgt die intellektuelle Grundlage des heutigen Effektiven Altruismus.

Singer hat über 60 Jahre eine außerordentliche Zahl kontroverser Positionen zu Bioethik (Euthanasie, Abtreibung, Infantizid bei schwer behinderten Neugeborenen, Should the Baby Live?, 1985) und globaler Armut vertreten.

Seine Princeton-Berufung 1999 löste anhaltende Proteste insbesondere durch Disability-Activisten aus, und seine Position zur möglichen aktiven Euthanasie schwer behinderter Säuglinge gilt bis heute als eine der polarisiertesten Thesen der akademischen Bioethik.

Singer ist Berggruen Prize Laureate 2021 und Companion of the Order of Australia (AC).

Biografie

Singer wurde 1946 in Melbourne als Kind österreichisch-jüdischer Eltern geboren, die 1938 vor der nationalsozialistischen Verfolgung aus Österreich nach Australien geflohen waren; drei seiner Großeltern wurden in Konzentrationslagern ermordet.

Er studierte Jura, Geschichte und Philosophie an der University of Melbourne (B.A. 1967, M.A. 1969) und absolvierte das B.Phil.-Studium der Philosophie an der University of Oxford (1969–1971, Betreuer R. M. Hare), wo er sich der vegetarischen Studentengruppe anschloss und selbst Vegetarier wurde.

Es folgten Lehrtätigkeiten als Radcliffe Lecturer in Oxford (1971–1973), als Visiting Professor an der New York University (1973–1974), an der La Trobe University und schließlich an der Monash University in Melbourne. Dort gründete er das Centre for Human Bioethics und fungierte zweimal als Chair of Philosophy.

1999 nahm Singer eine Professur an Princeton an – die Berufung war Gegenstand einer öffentlich ausgetragenen Kontroverse, in deren Zuge der damalige Princeton-Präsident Harold T. Shapiro die Entscheidung öffentlich verteidigen musste. Singer ist seit 2005 zusätzlich Laureate Professor am Centre for Applied Philosophy and Public Ethics der University of Melbourne.

Werk

Famine, Affluence, and Morality (1972)

Der in Philosophy and Public Affairs (Bd. 1, Nr. 3, 1972) publizierte Aufsatz ist eines der einflussreichsten Stücke angewandter Ethik des 20. Jahrhunderts.

Sein zentrales Argument lautet: Wenn wir die moralische Pflicht hätten, ein vor unseren Augen ertrinkendes Kind aus einem flachen Teich zu retten (auch unter Inkaufnahme schmutziger Kleidung), dann gilt strukturell dieselbe Pflicht auch gegenüber räumlich entfernten Menschen. Ihre Not lässt sich durch Geld lindern, und die räumliche Entfernung sei moralisch nicht relevant.

Aus dem Argument folgt eine substantielle Spendenpflicht aller, die mehr als das zum Lebensunterhalt Nötige besitzen.

Animal Liberation (1975)

In dem 1975 bei HarperCollins erschienenen Werk Animal Liberation: A New Ethics for Our Treatment of Animals (überarbeitete deutsche Ausgabe: Die Befreiung der Tiere, 1982) argumentiert Singer gegen den von Richard D. Ryder geprägten Speziesismus: die moralische Diskriminierung leidensfähiger Wesen allein aufgrund ihrer Spezies-Zugehörigkeit.

Das Buch ist die Gründungsschrift der modernen Tierrechts-Bewegung und wird als die einflussreichste philosophische Intervention des 20. Jahrhunderts in der Frage des moralischen Status nicht-menschlicher Tiere bezeichnet.

Eine 2023 erschienene überarbeitete Ausgabe (Animal Liberation Now) aktualisiert die empirischen Befunde zur industriellen Tierhaltung.

Practical Ethics (1979)

Practical Ethics (Cambridge University Press 1979, 3. Auflage 2011) ist das systematische philosophische Hauptwerk Singers. Es behandelt in einzelnen Kapiteln die Bioethik des Lebensanfangs (Abtreibung, Infantizid), des Lebensendes (Euthanasie), der Tierethik, der globalen Armut und der Umweltethik.

Singer war zunächst Präferenzutilitarist in der Tradition R. M. Hares; in The Point of View of the Universe (2014, mit Katarzyna de Lazari-Radek) gab er diese Position zugunsten eines hedonistischen Utilitarismus auf.

Effective Altruism und The Life You Can Save (2009)

Singer ist eine der zentralen Bezugsfiguren des Effektiven Altruismus. The Life You Can Save: Acting Now to End World Poverty (2009) führt das Famine, Affluence, and Morality-Argument in eine konkrete Spenden-Programmatik über; die gleichnamige Non-Profit-Organisation, die Singer 2013 gründete, vermittelt empfehlenswerte Spendenziele. The Most Good You Can Do (Yale University Press 2015) ist Singers programmatische Aufnahme der Bewegung.

Consider the Turkey (2024)

Im Oktober 2024 veröffentlichte Singer bei Princeton University Press den schmalen Band Consider the Turkey (128 Seiten), der die Speziesismus-Kritik aus Animal Liberation auf die industrielle Putenhaltung rund um das US-amerikanische Thanksgiving-Fest anwendet. Das Buch steht in der Kontinuität von Singers Praxis, philosophische Grundpositionen in kompakte, öffentlichkeitswirksame Interventionen zu übersetzen.

Bioethische Kontroversen

Singers Position, dass die aktive Euthanasie schwer behinderter Neugeborener unter bestimmten Bedingungen moralisch zulässig sei (entwickelt in Should the Baby Live?, 1985, mit Helga Kuhse), ist Gegenstand anhaltender öffentlicher und akademischer Kontroverse.

Disability-Activist:innen – insbesondere die Bewegungen Not Dead Yet und die Arbeit Harriet McBryde Johnsons (deren öffentliche Auseinandersetzung mit Singer 2003 in der New York Times Magazine-Reportage Unspeakable Conversations dokumentiert ist) – kritisieren diese Position als systematisch entwertende Haltung gegenüber dem Leben Behinderter.

Singer hat die Kritik mehrfach öffentlich diskutiert und seine Position teils präzisiert, im Kern aber beibehalten.

In Deutschland und Österreich führte Singers Argumentation in den späten 1980er und frühen 1990er Jahren zu mehrfach abgesagten Vorträgen und zum sogenannten Singer-Streit, einer öffentlichen Debatte über die Reichweite akademischer Redefreiheit. In dieser Debatte brachten historisch sensibilisierte Stimmen Singers utilitaristische Bioethik mit nationalsozialistischen Euthanasie-Programmen in Verbindung.

Einordnung

Singers Verhältnis zur Tech- und KI-Ideologiedebatte ist eigentümlich vermittelt:

Gegenüber dem Effektiven Altruismus ist Singer die intellektuelle Gründungsfigur. Famine, Affluence, and Morality (1972) liefert die utilitaristische Argumentationsstruktur, die später bei Toby Ord, William MacAskill und Holden Karnofsky in die Bewegung übersetzt wird.

Singer ist im EA-Kontext zentral, aber konservativer als die longtermistische Linie: Sein primäres Bezugsfeld bleibt globale Armut und Tierwohl, nicht hypothetische zukünftige Wohlfahrt.

Gegenüber dem Longtermism ist Singer skeptisch – er hat in mehreren Interviews und Aufsätzen (u. a. 2023 im Journal of Controversial Ideas) klargestellt, dass er die starke longtermistische Aggregation und die Astronomical-Waste-Argumentation Bostroms nicht teilt.

Gegenüber der Suffering-Focused Ethics ist Singer ein wichtiger ideengeschichtlicher Vorläufer: Seine Betonung der moralischen Schwere des Leidens (insbesondere in der Tierethik) hat die negativ-utilitaristische Tradition wesentlich geprägt – auch wenn Singer selbst kein negativer Utilitarist ist.

Gegenüber der TESCREAL-Kritik (Gebru/Torres 2024) ist Singer ein heikler Fall. Einerseits wird er als ideengeschichtlicher Großvater des Effektiven Altruismus genannt und damit indirekt in das TESCREAL-Bündel eingerechnet.

Andererseits ist seine bioethische Argumentationslinie (insbesondere die Infantizid-Diskussion) in der Sekundärliteratur eigenständig in eine Beziehung zur Geschichte eugenischer Argumentationen gestellt worden – eine Linie, die etwa Torres in seinem Buch Human Extinction (Routledge 2023) ausdrücklich verfolgt.

Kritik

Substantielle Kritik richtet sich auf drei Hauptlinien:

Disability-Ethik: Die Kritik aus der Disability-Bewegung – insbesondere im Hinblick auf die Infantizid- und Euthanasie-Argumente – wird in der bioethischen Literatur breit verhandelt (Eva Feder Kittay, Anita Silvers, Harriet McBryde Johnson).

Der Kern der Kritik: Singers utilitaristische Bewertung leidensfähiger Wesen führe zu einer systematischen Abwertung des Lebens Behinderter, weil sie auf einer bestimmten Konzeption von Personhood (Selbstbewusstsein, Zukunftsplanung) aufbaue, die behinderte Säuglinge und Menschen mit schwerer kognitiver Beeinträchtigung ausschließe.

Kritik aus der nicht-utilitaristischen Ethik: Aus deontologischer (Alasdair MacIntyre, Bernard Williams) und tugendethischer Position wird die utilitaristische Aggregation, die Singers Programm trägt, grundsätzlich in Frage gestellt.

Eurozentrismus- und Universalismus-Kritik: Aus postkolonialer Perspektive (Achille Mbembe, Sylvia Wynter) wird argumentiert, dass die utilitaristische Universalisierung partikulare westliche Konzepte von Person, Vernunft und Leidensfähigkeit als universelle Standards setzt.

Verwandte Begriffe

Quellenangaben

  1. de Lazari-Radek, Katarzyna / Singer, Peter (2014): The Point of View of the Universe: Sidgwick and Contemporary Ethics.
  2. Gebru, Timnit / Torres, Émile P., 2024. The TESCREAL Bundle: Eugenics and the Promise of Utopia through Artificial General Intelligence. In: First Monday 29 (4). DOI: 10.5210/fm.v29i4.13636.
  3. Johnson, Harriet McBryde (2003): Unspeakable Conversations. In: The New York Times Magazine, 16. Februar 2003.
  4. Kittay, Eva Feder / Carlson, Licia (Hrsg.) (2010): Cognitive Disability and Its Challenge to Moral Philosophy.
  5. MacAskill, William, 2022. What We Owe the Future. Basic Books.
  6. Princeton University, Office of the Dean of the Faculty (2024): Peter Albert David Singer. Fakultätsprofil, abgerufen im August 2026. https://faculty.princeton.edu/people/peter-albert-david-singer
  7. Singer, Peter (1972): Famine, Affluence, and Morality. In: Philosophy and Public Affairs 1 (3), S. 229–243.
  8. Singer, Peter (1975/2023): Animal Liberation: A New Ethics for Our Treatment of Animals.
  9. Singer, Peter (1979/2011): Practical Ethics.
  10. Singer, Peter / Kuhse, Helga (1985): Should the Baby Live? The Problem of Handicapped Infants.
  11. Singer, Peter (2009): The Life You Can Save: Acting Now to End World Poverty.
  12. Singer, Peter (2015): The Most Good You Can Do: How Effective Altruism Is Changing Ideas About Living Ethically.
  13. Singer, Peter (2024): Consider the Turkey.
  14. Singer, Peter (Hrsg.) (2013): In Defense of Animals: The Second Wave.
  15. Torres, Émile P., 2023. Human Extinction: A History of the Science and Ethics of Annihilation.

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