Nils John Nilsson (* 6. Februar 1933 in Saginaw, Michigan; † 23. April 2019 in Medford, Oregon) war ein US-amerikanischer Informatiker und einer der Begründer der Künstlichen Intelligenz als Forschungsfeld. Er war an der Entwicklung des A*-Algorithmus, des Planungssystems STRIPS und des mobilen Roboters Shakey beteiligt und schlug 2005 den Employment-Test als Maßstab für allgemeine künstliche Intelligenz vor.
Zusammenfassung
Nilssons Arbeiten am Stanford Research Institute begründeten Verfahren, die bis heute in Gebrauch sind: Der A*-Algorithmus zur Wegfindung liegt Navigationssystemen und Spielentwicklung zugrunde, STRIPS prägte die automatische Handlungsplanung, und der Roboter Shakey verband Wahrnehmung, Weltmodell und Planung erstmals in einem funktionsfähigen System.
In seinen späteren Jahren mahnte Nilsson die Disziplin, ihr ursprüngliches Ziel nicht aus dem Blick zu verlieren – der programmatische Aufsatz Human-Level Artificial Intelligence? Be Serious! (2005) ist der bekannteste Ausdruck dieser Haltung.
Werdegang
Nilsson wurde 1933 in Saginaw, Michigan, geboren. Er promovierte 1958 an der Stanford University in Elektrotechnik mit einer informationstheoretischen Arbeit und diente anschließend in der US-Luftwaffe.
Danach trat er in das Stanford Research Institute (später SRI International) ein, wo er fast ein Vierteljahrhundert blieb und von 1980 bis 1984 das Artificial Intelligence Center leitete. Seine dortige Arbeit begann mit statistischer Mustererkennung und neuronalen Netzen und verlagerte sich auf Planung und Robotik.
1985 wechselte er als Lehrstuhlinhaber an die Stanford University und wurde dort Vorsitzender der Informatikfakultät; ab 1991 war er erster Inhaber der Kumagai-Professur für Ingenieurwissenschaften. Er war Präsident der Association for the Advancement of Artificial Intelligence, Mitgründer des Verlags Morgan Kaufmann und wurde 2011 in die AI Hall of Fame der Zeitschrift IEEE Intelligent Systems aufgenommen.
Nilsson starb 2019 im Alter von 86 Jahren.
Beiträge
A*-Algorithmus
Gemeinsam mit Peter Hart und Bertram Raphael entwickelte Nilsson 1968 den A*-Algorithmus, ein Verfahren zur Suche des kürzesten Weges in einem Graphen, das eine Schätzfunktion zur Steuerung der Suche einsetzt. A* ist einer der meistverwendeten Algorithmen der Informatik und findet sich in Navigationssystemen, Computerspielen und Robotersteuerungen.
STRIPS
Der Stanford Research Institute Problem Solver, den Nilsson mit Richard Fikes entwickelte, formalisiert Handlungsplanung über Zustände, Vorbedingungen und Effekte. Die zugrunde liegende Darstellungsform prägte die Planungsforschung nachhaltig und liegt in abgewandelter Form heutigen Planungssprachen zugrunde.
Shakey
Zwischen 1966 und 1972 war Nilsson an der Entwicklung von Shakey beteiligt, einem mobilen Roboter, der seine Umgebung wahrnehmen, ein Modell davon bilden und Handlungsfolgen planen konnte. Der Name spielte auf die schwankende Fortbewegung an.
Shakey verband erstmals Wahrnehmung, Repräsentation und Planung in einem System und erhielt erhebliche Medienaufmerksamkeit; die Zeitschrift Life bezeichnete ihn als erste elektronische Person. Beteiligte wiesen später darauf hin, dass diese Darstellung die tatsächlichen Fähigkeiten erheblich überzeichnete.
Employment-Test
In Human-Level Artificial Intelligence? Be Serious! (2005) beklagte Nilsson, dass die KI-Forschung sich auf eng umgrenzte Anwendungen zurückgezogen habe, und schlug als Maßstab vor, welchen Anteil der bezahlten menschlichen Tätigkeiten Maschinen ausüben können. Der Vorschlag ist ökonomisch statt kognitiv formuliert und damit messbar; er steht am Beginn einer Linie, die über die AI-Impacts-Erhebungen bis zur Satzungsdefinition von OpenAI reicht.
Einordnung
Nilsson gehört zu jener Generation, die die KI als Disziplin begründete und deren Verfahren den Kern der symbolischen KI bildeten. Seine Position in der AGI-Debatte ist bemerkenswert, weil sie nicht aus der Kritik am maschinellen Lernen stammt, sondern aus der Sorge, die Disziplin habe ihr eigenes Ziel aufgegeben.
Er blieb der akademischen Forschung verbunden und beteiligte sich nicht an der Gründungswelle von Unternehmen im Umfeld des Silicon Valley.
Der Aufsatz von 2005 im Rückblick
Human-Level Artificial Intelligence? Be Serious! liest sich zwei Jahrzehnte später als Dokument einer Zwischenzeit.
Nilsson schrieb ihn in einer Phase, in der die Disziplin ihr Gründungsziel weitgehend abgelegt hatte: Wer von Intelligenz auf menschlichem Niveau sprach, galt als unseriös, und Fördermittel flossen in eng umgrenzte, gut evaluierbare Anwendungen. Der Titel ist entsprechend doppeldeutig – er wendet den Vorwurf der Unseriosität gegen jene, die ihn erhoben.
Bemerkenswert ist die Genauigkeit der Diagnose bei gleichzeitiger Fehleinschätzung des Wegs. Nilsson benannte zutreffend, dass die Disziplin ohne ein umfassendes Ziel in Teildisziplinen zerfalle, dass Zwischenerfolge in engen Aufgaben über den fehlenden Gesamtfortschritt hinwegtäuschten und dass ein überprüfbares, ökonomisch verankertes Kriterium nötig sei.
Als Weg dorthin dachte er jedoch an Systeme, die schrittweise Alltagswissen aufbauen und in der Welt handeln – nicht an die Skalierung statistischer Sprachmodelle, die dann tatsächlich den Anschein von Allgemeinheit erzeugte.
Die Wiederkehr des AGI-Begriffs ab den 2010er Jahren erfüllte damit seine Forderung dem Buchstaben nach und unterlief sie zugleich: Das Ziel steht wieder im Zentrum, aber es wird von Unternehmen verfolgt und nicht von der akademischen Disziplin, deren Selbstvergessenheit Nilsson beklagt hatte.
Werke (Auswahl)
- Principles of Artificial Intelligence (1980)
- Artificial Intelligence: A New Synthesis (1998)
- Human-Level Artificial Intelligence? Be Serious! (2005)
- The Quest for Artificial Intelligence: A History of Ideas and Achievements (2010)
Verwandte Begriffe
- Employment-Test – von ihm vorgeschlagener Maßstab
- AGI – Zielbegriff, dessen Verfolgung er einforderte
- HLMI – verwandte, ökonomisch gerahmte Bestimmung
- A*-Algorithmus – von ihm mitentwickeltes Suchverfahren
- Symbolische KI – Forschungstradition, der er angehörte
- Rodney Brooks – Vertreter einer Gegenposition zur repräsentationsbasierten Robotik
Quellenangaben
- Engineering and Technology History Wiki, o. J. Oral-History: Nils Nilsson. https://ethw.org/Oral-History:Nils_Nilsson
- Hart, Peter E. / Nilsson, Nils J. / Raphael, Bertram, 1968. A Formal Basis for the Heuristic Determination of Minimum Cost Paths. In: IEEE Transactions on Systems Science and Cybernetics 4 (2), S. 100–107.
- Nilsson, Nils J. (2005): Human-Level Artificial Intelligence? Be Serious! In: AI Magazine 26 (4), S. 68–75.
- Nilsson, Nils J., 2010. The Quest for Artificial Intelligence: A History of Ideas and Achievements.
- Stanford University (2019): Nils Nilsson, pioneer in robotics and AI, dies at 86. Stanford Report, 24. April 2019.
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Zuletzt bearbeitet: 10. August 2026
Zusammengestellt, formuliert, lektoriert und korrigiert mit KI-Unterstützung. Kuratiert von Nils Brauer. Alle Angaben ohne Gewähr.