Das Maxipok-Prinzip (englisch Maxipok, kurz für Maximize the probability of an “OK” outcome) ist eine entscheidungstheoretische Heuristik, die Nick Bostrom 2002 in Existential Risks: Analyzing Human Extinction Scenarios and Related Hazards (Journal of Evolution and Technology 9 [1]) eingeführt und 2013 in Existential Risk Prevention as Global Priority (Global Policy 4 [1], S. 15–31) ausgearbeitet hat.
Sie operationalisiert das Astronomical-Waste-Argument für Entscheidungen unter Risiko und Ungewissheit: Wenn der Wert eines zumindest akzeptablen langfristigen Endzustands kosmologisch groß ist und die Wahrscheinlichkeit dieses Endzustands durch unsere heutigen Handlungen beeinflussbar ist, dann ist es rational, die Wahrscheinlichkeit eines solchen Endzustands zu maximieren – auch wenn dies erhebliche Opportunitätskosten in der Gegenwart verursacht.
Zusammenfassung
Maxipok wird formuliert in Abgrenzung zu zwei verwandten Heuristiken: zu Maximin (wähle die Option mit dem besten schlechtest-möglichen Ausgang) und zu Maximax (wähle die Option mit dem besten bestmöglichen Ausgang).
Maxipok zielt auf einen mittleren Pfad: Statt den absolut besten oder den absolut schlechtesten Ausgang als Bewertungsmaßstab zu wählen, soll die Wahrscheinlichkeit eines zumindest akzeptablen langfristigen Endergebnisses maximiert werden.
Bostroms Definition eines OK outcome: ein Endzustand, in dem die Menschheit den größten Teil ihres möglichen kosmischen Wertpotenzials realisieren kann – ohne Anspruch darauf, dass dieser Wert maximal sei.
Aus dieser Heuristik folgt das praktische Programm der Existential-Risk-Reduktion als globale moralische Priorität: Existenzielle Risiken blockieren prinzipiell die Möglichkeit eines OK outcome; ihre Reduktion ist daher in der Maxipok-Logik der höchste Hebel.
Argumentative Struktur
Das Argument verläuft in drei Schritten:
Erstens stützt sich Maxipok auf das Astronomical-Waste-Argument: Der Wert eines zumindest akzeptablen langfristigen Endzustands der Menschheit ist – bei kosmologisch ausgedehntem Zeit- und Raumhorizont – astronomisch groß.
Zweitens beobachtet Bostrom, dass die einzelnen Komponenten des Endzustands (welche Sterne kolonisiert, welche Bewusstseine instanziiert, welche Werte verfolgt werden) zwar variieren können, der grundlegende Wertbeitrag aber bereits durch die Erreichung eines zumindest akzeptablen Pfads weitgehend gesichert ist. Eine zusätzliche Optimierung innerhalb der OK-Region trägt im Vergleich vernachlässigbar bei.
Drittens folgt daraus: Heutige Entscheidungen sollen daran bemessen werden, wie sehr sie die Wahrscheinlichkeit erhöhen, einen OK outcome überhaupt zu erreichen – nicht daran, wie sehr sie diesen optimieren. Das heißt: Existential-Risk-Reduktion hat strukturell höhere Priorität als beschleunigte technologische Entwicklung innerhalb eines bereits sicheren Pfads.
Verhältnis zu klassischen Entscheidungsregeln
Maxipok unterscheidet sich von Maximize Expected Utility (MEU) darin, dass es nicht den vollen Erwartungswert über alle möglichen Endzustände aggregiert, sondern eine binäre Schwellen-Operation (OK / nicht-OK) durchführt und auf der Wahrscheinlichkeit dieser Schwelle operiert.
Bostrom argumentiert, dass dies unter den kosmologisch gegebenen Bedingungen – extreme Wertunterschiede zwischen OK- und nicht-OK-Endzuständen, große Unsicherheit über die Verteilung der Möglichkeiten – die robustere Operationalisierung des unterliegenden konsequentialistischen Anliegens darstellt. Maxipok ist damit eine Schwellen-Heuristik für utilitaristische Bewertung unter Ungewissheit.
In Abgrenzung zu Maximin (Rawls, in dem nicht-konsequentialistischen Kontext der original position) verzichtet Maxipok auf die Forderung, den schlechtest-möglichen Ausgang zu maximieren – etwa weil Maximin in einem System mit astronomisch verschiedenen möglichen Ausgängen zu konservativ ausfällt und alle Handlungen entwertet, die das Risiko eines absoluten Worst-Case enthalten.
Bedeutung im Longtermism-Diskurs
Maxipok ist die zentrale entscheidungstheoretische Brücke zwischen Astronomical Waste (2003) als Werteschätzung und der heutigen Longtermism-Bewegung als praktisch-politisches Programm.
Toby Ord übernimmt das Prinzip in The Precipice (2020); William MacAskill arbeitet in What We Owe the Future (2022) mit einer abgeschwächten Variante, die nicht auf der kosmologischen Werteschätzung Bostroms beruht. Auch Bostroms eigenes Programm der Existential Risk Prevention as Global Priority (2013) ist als praktische Ausarbeitung von Maxipok formuliert.
Im Kontext der Vulnerable World Hypothesis (2019) ist Maxipok das Bewertungsraster, unter dem Bostrom auch radikale Maßnahmen wie preventive policing erwägt.
Kritik
Maxipok ist in vier Richtungen kritisiert worden:
Aus utilitaristisch-orthodoxer Sicht ist die Schwellen-Operation problematisch: Eine echte konsequentialistische Aggregation sollte die Wertunterschiede innerhalb der OK-Region nicht ignorieren. Wenn diese Unterschiede selbst astronomisch sind, ist Maxipok eine Vereinfachung, die echte Erwartungswerte verfehlt.
Aus Suffering-Focused Ethics-Sicht (Magnus Vinding, Tobias Baumann) wird eingewendet, dass die Definition eines OK outcome eine symmetrische Glück-Leid-Bewertung voraussetzt, die selbst metaethisch umstritten ist. Unter asymmetrischer Bewertung kann ein OK-Pfad immer noch erhebliches astronomisches Leid enthalten.
Aus Pascalscher Perspektive wird eingewendet, dass das Argument anfällig für sehr kleine Wahrscheinlichkeiten multipliziert mit sehr großen Werten ist – eine Struktur, die Bostrom selbst als Pascalsche Erpressung kritisiert hat.
Aus der TESCREAL-Kritik (Émile P. Torres, Timnit Gebru) wird argumentiert, dass das Prinzip die Aufmerksamkeit von dokumentierten gegenwärtigen Schäden auf hypothetische kosmologische Zukunftsstrukturen verschiebt – eine Linie, die im TESCREAL-Eintrag näher behandelt wird.
Eine grundlegende Kritik von innerhalb des longtermistischen Diskurses selbst legten William MacAskill und Guive Assadi im Januar 2026 mit Beyond Existential Risk vor. Sie argumentieren, Maxipok beruhe auf einer unbegründeten Dichotomy-Annahme – der Annahme, künftige Zivilisationszustände verteilten sich fast ausschließlich auf die beiden Pole „nahezu wertlos” oder „nahezu optimal”, sodass allein die Vermeidung des katastrophalen Pols zähle.
Tatsächlich könnten Wertunterschiede innerhalb eines „OK”-Zustands selbst astronomisch groß sein, etwa durch nicht-extinktive Lock-in-Ereignisse (autoritär abgesicherte AGI-gestützte Weltordnungen, ungleich verteilte Weltraumbesiedelung) oder durch moralische und empirische Unsicherheit.
MacAskill und Assadi schlagen statt der Maxipok-Fokussierung auf Existential-Risk-Reduktion eine breitere Priorisierung von „Grand Challenges” vor – Weichenstellungen, die den langfristigen Erwartungswert um mindestens 0,1 Prozent verändern können, unabhängig davon, ob sie extinktionsbezogen sind.
Verwandte Begriffe
- Astronomical Waste – empirische Voraussetzung
- Longtermism – Bewegungsrahmen
- Existenzielles Risiko – operatives Hauptanwendungsfeld
- Vulnerable World Hypothesis – verwandtes Bostrom-Argument
- Suffering Risks (S-Risks) – Gegenargument
- Maximize Expected Utility – klassische Vergleichsregel
- Maximin – klassische Vergleichsregel
Quellenangaben
- Beckstead, Nick, 2013. On the Overwhelming Importance of Shaping the Far Future. Dissertation, Department of Philosophy, Rutgers University.
- Bostrom, Nick, 2002. Existential Risks: Analyzing Human Extinction Scenarios and Related Hazards. Journal of Evolution and Technology 9 (1).
- Bostrom, Nick, 2003. Astronomical Waste: The Opportunity Cost of Delayed Technological Development. In: Utilitas 15 (3), S. 308–314. DOI: 10.1017/S0953820800004076.
- Bostrom, Nick, 2013. Existential Risk Prevention as Global Priority. In: Global Policy 4 (1), S. 15–31. DOI: 10.1111/1758-5899.12002.
- Bostrom, Nick, 2014. Superintelligence: Paths, Dangers, Strategies.
- Bostrom, Nick (2019): The Vulnerable World Hypothesis. In: Global Policy 10 (4), S. 455–476. DOI: 10.1111/1758-5899.12718.
- Gebru, Timnit / Torres, Émile P., 2024. The TESCREAL Bundle: Eugenics and the Promise of Utopia through Artificial General Intelligence. In: First Monday 29 (4). DOI: 10.5210/fm.v29i4.13636.
- MacAskill, William, 2022. What We Owe the Future. Basic Books.
- MacAskill, William / Assadi, Guive (2026): Beyond Existential Risk. Forethought Research, 21. Januar 2026. https://www.forethought.org/research/beyond-existential-risk
- Ord, Toby, 2020. The Precipice: Existential Risk and the Future of Humanity.
- Vinding, Magnus, 2020. Suffering-Focused Ethics: Defense and Implications.