Doomerism (von englisch doom, „Verhängnis, Untergang”; deutsch teils Doomismus) bezeichnet eine Reihe verwandter, jedoch nicht identischer Haltungen, denen gemeinsam ist, dass sie zukünftige Katastrophen – den Untergang der Menschheit, ihrer Zivilisation oder ihrer Lebensgrundlagen – als wahrscheinlich, drohend nahe oder bereits unausweichlich darstellen.
Der Begriff ist polysem und wird in mindestens drei deutlich unterscheidbaren Bedeutungsfeldern verwendet: als Bezeichnung für KI-bezogene Existenzialrisiko-Positionen (AI doomerism), für fatalistische Positionen in der Klimadebatte (climate doomism) und als Selbst- oder Fremdbezeichnung einer breiteren netzkulturellen Strömung pessimistischer Zukunftsbilder.
Zusammenfassung
Doomerism entstand zunächst als Internet-Schlagwort und Mem-Komplex (ab etwa 2018), wurde dann von benachbarten Diskursen aufgegriffen und in der ersten Hälfte der 2020er Jahre besonders im Kontext der KI-Sicherheits-Debatte verbreitet.
Der Begriff hat eine doppelte Karriere: Innerhalb der KI-Safety-Community gibt es einige Akteure, die sich selbst als doomer bezeichnen (allen voran Eliezer Yudkowsky), während er außerhalb dieser Community überwiegend abwertend verwendet wird – von beschleunigungsorientierter Seite (Effective Accelerationism, e/acc) als Kampfbegriff gegen KI-Sicherheits-Positionen, von klimawissenschaftlicher Seite (Michael E. Mann, Katharine Hayhoe) als Kritik an Fatalismus, und von sozio-technischer Kritik (Émile P. Torres, Timnit Gebru) als Hinweis auf ideologische Funktionen apokalyptischer Erzählungen.
Der Begriff funktioniert damit weniger als analytische Kategorie denn als diskursiver Marker, mit dem Sprecher Positionen verorten und gegen andere abgrenzen.
Wortgeschichte
Das englische Substantiv doomer entstand als Internet-Mem ab etwa 2018 im Zusammenhang mit der Wojak-Bildreihe – einer Galerie zeichnerischer Avatare, die unterschiedliche Lebenseinstellungen verkörpern. Der Doomer-Wojak (junger Mann in Hoodie, Mütze, mit Zigarette, oft als „28-jährig” beschriftet) stand zunächst für allgemeine Hoffnungslosigkeit angesichts wirtschaftlicher, ökologischer und psychischer Aussichtslosigkeit.
Aus dieser memetischen Wurzel verbreitete sich der Begriff in zwei Richtungen: (1) als Sammelbezeichnung jugend- und netzkultureller Resignationshaltungen und (2) als analytisch zugespitzte Bezeichnung für Positionen in fachlichen Debatten (KI, Klima). Die abgeleiteten Substantive doomism und doomerism etablierten sich ab etwa 2020 in journalistischer und akademischer Sprache.
Hauptbedeutungen
1. KI-Doomerismus
Bezeichnet die Position, dass die Entwicklung fortgeschrittener künstlicher Intelligenz – insbesondere einer Artificial General Intelligence oder Superintelligenz – mit hoher Wahrscheinlichkeit zum Aussterben der Menschheit oder zu einer permanenten Zerstörung ihres langfristigen Entfaltungspotenzials führen werde.
Zentraler Vertreter ist Eliezer Yudkowsky (Mitgründer des Machine Intelligence Research Institute, MIRI).
Yudkowsky vertritt seit den frühen 2000er Jahren die Auffassung, dass das Alignment-Problem mit gegenwärtigen Methoden nicht lösbar sei und ein hinreichend leistungsfähiges KI-System mit überwältigender Wahrscheinlichkeit menschliche Werte nicht teilen werde.
Sein 2023 in Time veröffentlichter Aufruf zu einem unbefristeten globalen Trainings-Moratorium für Frontier-AI-Systeme („Shut it down”) sowie das gemeinsam mit Nate Soares verfasste Buch If Anyone Builds It, Everyone Dies (2025) gelten als die schärfsten öffentlichen Formulierungen der Position.
Verwandte Vertreter sind Nate Soares, Roman Yampolskiy und in moderaterer Form Stuart Russell, Max Tegmark sowie Teile der Forschung um Apollo Research und das Center for AI Safety.
Innerhalb der KI-Safety-Community ist „p(doom)” – die persönliche Wahrscheinlichkeitsschätzung für einen KI-bedingten existenziellen Katastrophenausgang – als informelle Vergleichsgröße üblich geworden. Bekannte öffentlich genannte Werte reichen von wenigen Prozent (etwa bei moderaten Sicherheitsforschenden) bis zu über 95 Prozent (Yudkowsky).
2. Klima-Doomerismus (Klima-Doomismus)
Bezeichnet die Position, dass die Klimakatastrophe entweder bereits unausweichlich oder so weit fortgeschritten sei, dass jede weitere Mitigation aussichtslos und nur noch Anpassung an oder Vorbereitung auf den Kollaps angemessen sei.
Der amerikanische Klimawissenschaftler Michael E. Mann prägte den Begriff climate doomism in The New Climate War (2021) als Bezeichnung dessen, was er als „die andere Hälfte” der klimapolitischen Blockade neben der klassischen Klimaleugnung diagnostiziert: Während Leugner die Realität des Klimawandels bestritten, behaupteten Doomer, gegen ihn könne nichts mehr getan werden – mit derselben Wirkung politischer Inaktivität.
Manns Kritik richtet sich unter anderem gegen David Wallace-Wells’ Essay The Uninhabitable Earth (New York Magazine, 2017; Buch 2019), die Deep Adaptation-Bewegung um Jem Bendell sowie populäre Argumentationsfiguren über eine angeblich unmittelbar bevorstehende „Methan-Bombe” in der Arktis.
Die Klimawissenschaftlerin Katharine Hayhoe (Saving Us, 2021) verfolgt eine ähnliche Linie und unterscheidet zwischen concerned (begründet besorgt) und doomist (überzeugt, dass nichts mehr getan werden kann).
3. Kultureller und netzkultureller Doomerismus
Außerhalb fachlicher Debatten beschreibt Doomerism eine breitere Stimmungslage, die wirtschaftliche Verschlechterung, ökologische Krise, demografischen Wandel, soziale Atomisierung und politische Polarisierung als zusammenhängenden Untergangsprozess deutet.
Soziologische Studien zur climate grief, eco-anxiety und solastalgia erfassen Teilaspekte dieser Haltung. Internetkulturelle Ausprägungen reichen von resignativem Humor (Doomer-Wojak) bis zu organisierten Subkulturen wie der Voluntary Human Extinction-Bewegung oder antinatalistischen Strömungen (David Benatar: Better Never to Have Been, 2006).
Selbst- und Fremdzuschreibung
Eine charakteristische Eigenheit des Begriffs ist seine asymmetrische Verwendung:
- Als Selbstbezeichnung wird er von wenigen, prominenten Akteuren angenommen – insbesondere Yudkowsky und Soares im KI-Kontext, einigen Klima-Aktivisten und Anhängern der Deep Adaptation-Bewegung.
- Als Fremdzuschreibung wird er weit häufiger verwendet, fast immer pejorativ: von Beschleunigungs-Vertretern (e/acc) gegen KI-Sicherheits-Forschende, von Klimakommunikatoren gegen fatalistische Positionen, von Tech-Optimisten gegen technologieskeptische Stimmen.
Akteure, die im Diskurs als „Doomer” bezeichnet werden, weisen das Etikett häufig zurück, da sie sich nicht als fatalistisch, sondern als realistisch besorgt verstehen. Innerhalb der KI-Safety-Community wird teils zwischen „Doomern” (sehr hohe p(doom)-Schätzung, Forderung nach Moratorium oder Verbot) und „Worriern” (besorgt, aber an Alignment-Lösungen arbeitend) unterschieden.
Diskursive Funktion
Sozialwissenschaftliche Analysen heben mehrere diskursive Funktionen des Doomerismus-Begriffs hervor:
- Lagerbildung: Der Begriff strukturiert die KI-Debatte in eine binäre Opposition (Doomer vs. Accelerationist), die die tatsächliche Heterogenität der Positionen vereinfacht.
- Delegitimierung: Als Etikett senkt er die diskursive Glaubwürdigkeit zugeschriebener Positionen, ohne deren Argumente einzeln widerlegen zu müssen.
- Affektmobilisierung: Apokalyptische Sprache mobilisiert Aufmerksamkeit, Spenden und politische Resonanz – was Doomerismus-Vorwürfe zugleich strategisch und finanziell wirksam macht.
- Säkulare Eschatologie: Mehrere Autoren – von religionswissenschaftlicher (John Gray) bis ideologiekritischer Seite (Émile P. Torres) – analysieren Doomerismus als Erbe theologischer Endzeit-Narrative in säkularer Gestalt.
Kritik
Aus beschleunigungsorientierter Perspektive
Vertreter des Effective Accelerationism (Marc Andreessen, Garry Tan u. a.) verwenden „Doomer” und „Decel” (Dezelerationist) als Sammelbegriffe für KI-Sicherheits-Positionen und werfen ihnen vor, technologische Entwicklung zu verlangsamen, Marktzugang etablierter Akteure abzusichern und die humanitären Gewinne fortgeschrittener KI vorzuenthalten.
Diese Kritik erreichte im November 2025 die Ebene der US-Regierung: David Sacks, der von Januar 2025 bis März 2026 als „AI & Crypto Czar” der Trump-Administration amtierte, bezeichnete auf der Plattform X ein aus seiner Sicht koordiniertes Netzwerk aus Milliardären des Effektiven Altruismus, ehemaligen Regierungsmitarbeitern und Sicherheitsforschenden als „Doomer Industrial Complex” und warf ihm vor, mit einem Kampagnenbudget von rund einer Milliarde US-Dollar gezielt öffentliche KI-Skepsis zu erzeugen.
Aus klimawissenschaftlicher Perspektive
Michael E. Mann, Katharine Hayhoe und andere argumentieren, dass Klima-Doomerismus paradoxerweise auf eine ähnliche politische Wirkung hinauslaufe wie Klimaleugnung: nämlich Inaktivität. Wissenschaftlich werde er häufig auf falschen oder selektiv gelesenen Befunden aufgebaut (etwa der unbelegten These einer kurzfristigen Arktis-Methan-Freisetzung).
Aus ideologiekritischer Perspektive
Aus dem Umfeld des kritischen Posthumanismus und der KI-Ethik wird KI-Doomerismus in das von Torres und Gebru so bezeichnete TESCREAL-Bundle eingeordnet.
Die Kritik lautet, dass apokalyptische KI-Narrative paradoxe Funktionen erfüllten: Sie überhöhten den vermeintlichen Wert der Technologie (die so mächtig sei, dass sie die Menschheit auslöschen könne), während sie zugleich Aufmerksamkeit und Mittel von empirisch dokumentierten gegenwärtigen Schäden – algorithmische Diskriminierung, Datenschutzverletzungen, Arbeitsbedingungen, ökologische Kosten – abzögen.
Émile P. Torres argumentiert ferner, dass KI-Doomerismus und Transhumanismus enger verwandt seien als ihre öffentlichen Gegensätze nahelegten, da beide am Konzept einer posthumanen Zukunft festhielten.
Aus psychologisch-pragmatischer Perspektive
Mehrere Studien zu climate grief, eco-anxiety und Hoffnungslosigkeitsforschung argumentieren, dass fatalistische Überzeugungen die Wahrscheinlichkeit individueller und kollektiver Handlungen senken – unabhängig von der empirischen Fundiertheit der zugrundeliegenden Sorge. Diese Kritik richtet sich nicht gegen den Inhalt der Sorgen, sondern gegen ihre kommunikative Verarbeitung.
Abgrenzungen
- Doomerismus vs. Existenzielles Risiko: Forschung zu existenziellen Risiken (Bostrom, Ord) ist nicht per se doomer; sie thematisiert auch geringe Eintrittswahrscheinlichkeiten mit großem Schadenspotenzial. Doomerismus impliziert eine hohe subjektive Eintrittswahrscheinlichkeit.
- Doomerismus vs. Defätismus: Defätismus ist eine allgemeinere Haltung politischer Aussichtslosigkeit; Doomerismus bezieht sich auf konkrete, oft technologisch oder ökologisch begründete Untergangsszenarien.
- Doomerismus vs. Pessimismus: Philosophischer Pessimismus (Schopenhauer, Cioran, Ligotti, Benatar) ist eine umfassendere Position über den Wert der Existenz; Doomerismus ist eine zeitdiagnostische Prognose.
Verwandte Begriffe
- Existenzielles Risiko (X-Risk) – Risikobegriff, dessen radikale Auslegung Doomerismus speist
- Effective Accelerationism (e/acc) – Gegenbewegung, die „Doomer” als Kampfbegriff verwendet
- AI Alignment – Forschungsfeld, in dem Doomer und moderate Sicherheitsforschende sich überschneiden, aber auch unterscheiden
- p(doom) – informelle Wahrscheinlichkeitsschätzung innerhalb der KI-Safety-Community
- TESCREAL – kritische Sammelbezeichnung, unter die KI-Doomerismus häufig gefasst wird
- Deep Adaptation – Klima-Strömung um Jem Bendell, häufig als doomistisch eingestuft
- Singularitarianismus – strukturell verwandte säkulare Eschatologie mit umgekehrtem Vorzeichen
- Apocalypticism – allgemeinerer religions- und ideengeschichtlicher Begriff
Quellenangaben
- Benatar, David, 2006. Better Never to Have Been: The Harm of Coming into Existence.
- Bendell, Jem (2018): Deep Adaptation: A Map for Navigating Climate Tragedy. IFLAS Occasional Paper 2, University of Cumbria.
- Bender, Emily M. / Gebru, Timnit / McMillan-Major, Angelina / Shmitchell, Shmargaret, 2021. On the Dangers of Stochastic Parrots: Can Language Models Be Too Big? In: Proceedings of the 2021 ACM Conference on Fairness, Accountability, and Transparency (FAccT 2021), S. 610–623. DOI: 10.1145/3442188.3445922.
- Bostrom, Nick, 2014. Superintelligence: Paths, Dangers, Strategies.
- Gebru, Timnit / Torres, Émile P., 2024. The TESCREAL Bundle: Eugenics and the Promise of Utopia through Artificial General Intelligence. In: First Monday 29 (4). DOI: 10.5210/fm.v29i4.13636.
- Gray, John (2007): Black Mass: Apocalyptic Religion and the Death of Utopia.
- Hayhoe, Katharine (2021): Saving Us: A Climate Scientist’s Case for Hope and Healing in a Divided World.
- Hotez, Peter J. / Mann, Michael E. (2025): Action on Climate Change Faces New Threat: The Doomers Who Think It’s Too Late to Act. In: Live Science, 11. September 2025.
- Mann, Michael E., 2021. The New Climate War: The Fight to Take Back Our Planet.
- Roytburg, Eva (2025): You don’t hate AI because of genuine dislike. No, there’s a $1 billion plot by the ‘Doomer Industrial Complex’ to brainwash you, Trump’s AI czar says. In: Fortune, 10. November 2025.
- Russell, Stuart, 2019. Human Compatible: Artificial Intelligence and the Problem of Control. New York: Viking Press.
- Torres, Émile P., 2023. Human Extinction: A History of the Science and Ethics of Annihilation.
- Wallace-Wells, David (2019): The Uninhabitable Earth: Life After Warming.
- Yudkowsky, Eliezer / Soares, Nate, 2025. If Anyone Builds It, Everyone Dies: Why Superhuman AI Would Kill Us All.
- Yudkowsky, Eliezer, 2023. Pausing AI Development Is Not Enough. We Need to Shut It All Down. In: Time, 29. März 2023.