NIST (National Institute of Standards and Technology) ist die 1901 als National Bureau of Standards gegründete US-Bundesbehörde für Messtechnik und Normung. Seit den 2020er-Jahren zählt sie zu den einflussreichsten Institutionen bei der Standardsetzung für KI-Sicherheit und -Vertrauenswürdigkeit, maßgeblich durch das AI Risk Management Framework.
Abgrenzung
CEN und CENELEC – die europäischen Normungsorganisationen erarbeiten im Auftrag der EU-Kommission harmonisierte Normen, deren Einhaltung nach der KI-Verordnung eine Rechtsvermutung auslöst. NIST ist dagegen eine Behörde der US-Bundesregierung. Seine Dokumente sind freiwillig und haben keine entsprechende Rechtswirkung.
ISO und IEC – internationale Normungsorganisationen, getragen von nationalen Normungsinstituten und nicht von einer Regierungsbehörde. Auf ihrer Ebene steht das Gegenstück ISO/IEC 42001.
Begriffsgeschichte
Der US-Kongress gründete die Behörde am 3. März 1901 als National Bureau of Standards, um eine zweitklassige Messinfrastruktur zu beheben, die die industrielle Wettbewerbsfähigkeit der USA gegenüber dem Vereinigten Königreich, Deutschland und anderen Wirtschaftsmächten beeinträchtigte.
Samuel Wesley Stratton, der erste Direktor, baute in den Gründungsjahren Standards für Elektrizität, Länge, Masse, Temperatur, Licht und Zeit auf. 1988 erhielt die Behörde ihren heutigen Namen National Institute of Standards and Technology.
Anwendungsfelder
Im KI-Bereich entwickelt NIST Methoden zur Charakterisierung von Trainings- und Testdaten, Praktiken zur Dokumentation von Datensätzen sowie Verfahren zum Aufbau und zur Pflege von Datensätzen für Test und Training von KI-Systemen. Die Behörde hat Hunderte Bewertungen über tausende KI-Systeme hinweg durchgeführt. Vier Arbeitsfelder sind für die KI-Governance besonders prägend.
Risikomanagement. Das am 26. Januar 2023 veröffentlichte AI Risk Management Framework (NIST AI 100-1) ist freiwillig, aber ohne gesetzliche Verpflichtung zum inoffiziellen weltweiten Referenzstandard für KI-Risikomanagement geworden. Dazu gehört ein begleitendes Playbook.
Am 30. März 2023 startete NIST außerdem ein Ressourcenzentrum für vertrauenswürdige und verantwortungsvolle KI. Am 26. Juli 2024 folgte ein Profil für generative KI (NIST AI 600-1), das das Rahmenwerk auf deren besondere Risiken zuschneidet.
Gegnerische Angriffe. Unter der Nummer NIST AI 100-2 pflegt NIST eine Taxonomie und Terminologie für Angriffe auf maschinelle Lernsysteme und ihre Abwehr. Die Fassung E2025 erschien im März 2025. Sie soll eine gemeinsame Sprache für Standards und Praxisleitfäden zur Sicherheit von KI-Systemen schaffen.
Gesichtserkennung. Seit Jahren testet NIST kommerzielle Gesichtserkennungsalgorithmen im Face Recognition Vendor Test. Der Bericht NISTIR 8280 vom 19. Dezember 2019 untersuchte 189 Algorithmen von 99 Entwicklern und fand, dass die meisten je nach Geschlecht, Alter und Herkunft unterschiedlich genau arbeiten. Er gehört zu den Belegen, auf die sich die Debatte um Verzerrungen in Gesichtserkennung stützt.
Sicherheitsprüfung. Bei NIST angesiedelt ist das US-Institut für KI-Sicherheit, das das Handelsministerium im November 2023 ankündigte und im Juni 2025 in Center for AI Standards and Innovation (CAISI) umbenannte. Es gehört zum Netzwerk der AI Safety Institutes. Am 30. September 2025 veröffentlichte CAISI eine Bewertung der chinesischen DeepSeek-Modelle, in der es Sicherheitsmängel, Zensur und einen Rückstand gegenüber US-Modellen feststellte.
Kontroversen und Kritik
Politische Abhängigkeit. Als Bundesbehörde folgt NIST dem Auftrag der jeweiligen Regierung. Die Executive Order 14110 vom Oktober 2023 übertrug der Behörde Aufgaben, etwa Standards für Red Teaming. Die Nachfolgeregierung widerrief sie im Januar 2025 und baute die Ausrichtung um (siehe KI-Regulierung in den USA). Auch das Rahmenwerk selbst ist davon betroffen.
Umbenennung des Instituts. Handelsminister Howard Lutnick begründete die Umbenennung zu CAISI damit, dass das Institut künftig „nachweisbare Risiken“ (eigene Übersetzung von demonstrable risks) wie Cybersicherheit, Biosicherheit und chemische Waffen untersuchen solle. Kritiker lasen darin die Abkehr von einem breiten Sicherheitsauftrag hin zu Wettbewerbsfähigkeit und nationaler Sicherheit.
Freiwilligkeit. Wie schon beim AI RMF gilt: Ohne Pflicht und Zertifizierung lässt sich nicht nachprüfen, ob und wie Organisationen NIST-Leitfäden anwenden.
Stand 2025/2026
Der KI-Aktionsplan der US-Regierung vom Juli 2025 verlangt, dass NIST das AI RMF überarbeitet und darin Verweise auf Fehlinformation, Diversität, Gleichstellung und Inklusion (Diversity, Equity, and Inclusion) sowie Klimawandel streicht. Laut NIST wird die Version 1.0 im Rahmen dieses Aktionsplans überarbeitet. Eine neue Fassung ist nach den hier vorliegenden Angaben noch nicht veröffentlicht.
Verwandte Begriffe
- ISO/IEC 42001 – vergleichbarer internationaler Zertifizierungsstandard für KI-Managementsysteme
- EU AI Act – verbindliches europäisches Gegenstück, für das CEN und CENELEC, nicht NIST, die Normen erarbeiten
- Algorithmic Bias – Verzerrungen, die NIST in Gesichtserkennungsalgorithmen gemessen hat
Quellenangaben
- National Institute of Standards and Technology, 2026. About NIST. nist.gov.
- National Institute of Standards and Technology, 2026. NIST Timeline. nist.gov.
- National Institute of Standards and Technology, 2026. AI Risk Management Framework. nist.gov/itl/ai-risk-management-framework.
- National Institute of Standards and Technology, 2024. Artificial Intelligence Risk Management Framework: Generative Artificial Intelligence Profile. NIST AI 600-1, 26. Juli 2024.
- National Institute of Standards and Technology, 2025. Adversarial Machine Learning: A Taxonomy and Terminology of Attacks and Mitigations. NIST AI 100-2 E2025, März 2025.
- Grother, Patrick / Ngan, Mei / Hanaoka, Kayee, 2019. Face Recognition Vendor Test Part 3: Demographic Effects. NISTIR 8280, 19. Dezember 2019. DOI: 10.6028/NIST.IR.8280.
- National Institute of Standards and Technology, 2025. CAISI Evaluation of DeepSeek AI Models Finds Shortcomings and Risks. nist.gov, 30. September 2025.
- The White House, 2025. America’s AI Action Plan. Juli 2025.