Astronomical Waste (deutsch astronomische Verschwendung) ist ein 2003 von Nick Bostrom in dem Aufsatz Astronomical Waste: The Opportunity Cost of Delayed Technological Development (Utilitas 15 [3], S. 308–314) eingeführtes utilitaristisches Argument.
Es besagt, dass die Opportunitätskosten einer auch nur geringen Verzögerung kosmischer Expansion der Menschheit derart hoch seien, dass die moralische Priorität ihrer Verhinderung – und damit der Reduktion existenzieller Risiken, die die kosmische Expansion blockieren würden – alle gegenwärtigen moralischen Anliegen überwiegt.
Zusammenfassung
Bostrom schätzt, dass im Virgo-Supercluster – der näheren kosmologischen Umgebung der Milchstraße – etwa 10²³ biologische Menschenleben oder, bei Substitution durch digitale Bewusstseine, etwa 10³⁸ subjektive Lebenserfahrungen pro Sekunde realisierbar wären, sobald die Menschheit eine technologisch reife Expansionsphase erreicht.
Daraus folgt: Jede einsekundige Verzögerung dieser Expansion kostet – in utilitaristischer Aggregation – eine astronomische Zahl potentieller Wohlfahrtswerte.
Aus diesem Befund leitet Bostrom zwei zentrale Schlussfolgerungen ab. Erstens stellt aggregatives Konsequenzialismus unter realistischen kosmologischen Annahmen tendenziell die Reduktion existenzieller Risiken über die Beschleunigung der Entwicklung (eine Verzögerung um Jahrzehnte ist gegenüber dem Risiko vollständigen Verlusts vernachlässigbar). Zweitens bleibt dieser Schluss auch unter sehr unterschiedlichen ethischen Aggregationsregeln stabil.
Astronomical Waste ist eines der argumentationslogischen Fundamente des heutigen Longtermism und steht in direkter argumentativer Verbindung zur Vulnerable World Hypothesis, zum Maxipok-Prinzip und zur Longtermism-Begründung William MacAskills.
Theoretische Struktur
Das Argument verläuft in vier Schritten:
- Kosmologische Schätzung: Bostrom legt eine grobe Obergrenze realisierbarer Bewusstseine pro Zeiteinheit fest, basierend auf Sternendichte, erreichbarer Materie und plausiblen Annahmen über digital instanziierte Bewusstseine.
- Verzögerungs-Äquivalent: Jede Verzögerung kosmischer Expansion entspricht einer entsprechenden Menge nicht-realisierter Bewusstseine.
- Aggregative Bewertung: Unter utilitaristischer Aggregation überwiegt diese Menge den Wert nahezu jedes gegenwärtigen moralischen Anliegens.
- Schlussfolgerung: Die Reduktion existenzieller Risiken – die diese Expansion vollständig verhindern würden – hat moralische Priorität über die Beschleunigung der Entwicklung.
Bostrom betont, dass das Argument nicht voraussetzt, dass digital instanziierte Bewusstseine moralisch gleichwertig zu biologischen sind – auch unter konservativer Annahme rein biologischer Wohlfahrt bleibt die Größenordnung astronomisch.
Maxipok-Prinzip
Aus Astronomical Waste leitet Bostrom in einem späteren Aufsatz das Maxipok-Prinzip ab (Existential Risk Prevention as Global Priority, Global Policy 4 [1], 2013): Maximize the probability of an OK outcome. Das heißt: Handle so, dass die Wahrscheinlichkeit eines auch nur akzeptablen Endergebnisses (gemessen am möglichen kosmischen Wert) maximiert wird.
Maxipok ist eine Heuristik, die das volle utilitaristische Aggregations-Argument unter Bedingungen von Risiko und Ungewissheit operationalisiert.
Bedeutung im Longtermism-Diskurs
Astronomical Waste ist die theoretische Grundlage des heutigen Longtermism. William MacAskills What We Owe the Future (2022) und Toby Ords The Precipice (2020) bauen auf der Argumentationsfigur auf, ohne die Bostrom’sche Schätzung in vollem Umfang zu übernehmen. MacAskill etwa ersetzt die spezifische 10³⁸-Schätzung durch eine generische Argumentation über die zahlenmäßige Asymmetrie zwischen gegenwärtigen und künftigen Generationen.
Auch innerhalb der Longtermism-Tradition wird die Schätzung in jüngeren Texten (Ord 2020, Greaves/MacAskill The Case for Strong Longtermism, 2021) eher als illustrativ denn als argumentationsentscheidend behandelt.
Kritik
Substantielle Kritik richtet sich auf vier Punkte:
Spekulativität der Schätzung: Émile P. Torres und Kieran Setiya argumentieren, dass die 10³⁸-Größenordnung von einer Kette spekulativer Annahmen (Realisierbarkeit digital instanziierter Bewusstseine, moralische Gleichwertigkeit, kosmologische Kolonisationsfähigkeit) abhängt, deren empirische Grundlage nicht hinreicht, um derart weitreichende moralische Schlussfolgerungen zu tragen.
Aggregationsproblem: Das Argument setzt eine bestimmte utilitaristische Aggregations-Regel voraus (Summen-Utilitarismus). Unter alternativen Aggregations-Regeln (durchschnittlicher Utilitarismus, prioritarianische Verteilungsgewichtung, asymmetrische Glück-Leid-Bewertung) erreicht der Schluss nicht dieselbe Stärke. Insbesondere die Suffering-Focused Ethics-Tradition wendet ein, dass eine größere Zukunft auch eine leidvollere Zukunft sein könne.
Verdrängung gegenwärtiger Schäden: Aus der TESCREAL-Kritik (Émile P. Torres, Timnit Gebru) wird argumentiert, dass das Argument die Aufmerksamkeit von dokumentierten gegenwärtigen Schäden auf hypothetische künftige Wohlfahrtsmengen verschiebt und damit politisch problematische Wirkungen entfaltet.
Pascalsche Struktur: Mehrere Kritiker:innen haben darauf hingewiesen, dass die argumentative Struktur (eine sehr große Zahl multipliziert mit einer beliebig kleinen Wahrscheinlichkeit dominiert jede endliche moralische Erwägung) der von Bostrom selbst kritisierten Pascalschen Erpressung strukturell ähnelt. Diese Spannung ist in der Longtermism-Tradition nicht abschließend gelöst.
Verwandte Begriffe
- William MacAskill – heutiger Übernehmer
- Toby Ord – heutiger Übernehmer
- TESCREAL – ideologiekritischer Kontext
- Existenzielles Risiko – komplementäres Konzept
- Suffering Risks (S-Risks) – Gegenargument
Quellenangaben
- Beckstead, Nick, 2013. On the Overwhelming Importance of Shaping the Far Future. Dissertation, Department of Philosophy, Rutgers University.
- Bostrom, Nick, 2003. Astronomical Waste: The Opportunity Cost of Delayed Technological Development. In: Utilitas 15 (3), S. 308–314. DOI: 10.1017/S0953820800004076.
- Bostrom, Nick, 2013. Existential Risk Prevention as Global Priority. In: Global Policy 4 (1), S. 15–31. DOI: 10.1111/1758-5899.12002.
- Bostrom, Nick, 2014. Superintelligence: Paths, Dangers, Strategies.
- Gebru, Timnit / Torres, Émile P., 2024. The TESCREAL Bundle: Eugenics and the Promise of Utopia through Artificial General Intelligence. In: First Monday 29 (4). DOI: 10.5210/fm.v29i4.13636.
- Greaves, Hilary / MacAskill, William, 2021. The Case for Strong Longtermism. Global Priorities Institute Working Paper No. 5-2021.
- MacAskill, William, 2022. What We Owe the Future. Basic Books.
- Ord, Toby, 2020. The Precipice: Existential Risk and the Future of Humanity.
- Setiya, Kieran (2022): The New Moral Mathematics. In: Boston Review, 15. August 2022.
- Torres, Émile P., 2023. Human Extinction: A History of the Science and Ethics of Annihilation.
- Vinding, Magnus, 2020. Suffering-Focused Ethics: Defense and Implications.