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Chthulucene

Chthulucene ist ein von Donna Haraway 2016 vorgeschlagener Begriff für ein Zeitalter, in dem sich Lebewesen nicht als getrennte Einheiten, sondern als miteinander verflochtene Wesen begreifen. Er ist als Gegenentwurf zum Anthropozän und zum Capitalocene gemeint.

Zusammenfassung

Haraway hält beide älteren Begriffe für zutreffend und für unzureichend. Sie beschreiben eine Katastrophe und ihre Ursache, geben aber keine Vorstellung davon, wie unter diesen Bedingungen zu leben wäre.

Der Name spielt nicht auf H. P. Lovecrafts Ungeheuer an – Haraway grenzt sich davon ausdrücklich ab. Er stammt von der Spinne Pimoa cthulhu, die in ihrer kalifornischen Wohngegend vorkommt, und vom griechischen chthonios, erdverbunden.

Die Leitformel lautet making kin: Verwandtschaft stiften, und zwar über Artgrenzen hinweg und ohne Rückgriff auf Abstammung. Die zugespitzte Fassung – Make Kin Not Babies – hat der Position erhebliche Kritik eingetragen.

Für die KI-Debatte ist der Begriff über Haraways ältere Arbeiten anschlussfähig: Wer die Grenze zwischen Mensch, Tier und Maschine für gemacht hält, stellt die Frage nach dem Status künstlicher Systeme anders.

Begriffsgeschichte

Der Begriff erscheint erstmals ausgearbeitet in Staying with the Trouble von 2016, vorbereitet in Vorträgen und Aufsätzen der Jahre davor.

Er steht in einer Reihe mit Haraways früheren Begriffsprägungen: dem Cyborg von 1985, den naturecultures und der Gefährtenart – alle mit demselben Ziel, gewohnte Trennungen aufzulösen.

Die Entstehung fällt in eine Zeit, in der die Anthropozän-Debatte ihren Höhepunkt erreichte und Alternativvorschläge in rascher Folge vorgelegt wurden.

Haraway übernimmt Jason W. Moores Capitalocene ausdrücklich und stellt ihn neben ihren eigenen Vorschlag; sie schlägt außerdem den Plantationocene vor, der die Plantage als Modell der Ordnung von Leben in den Blick nimmt.

Aufgenommen wurde der Begriff vor allem in den Environmental Humanities, den Multispecies Studies und in Teilen der Kunst.

Methodische Grundlagen

Sympoiesis. Das Gegenstück zur Autopoiesis: Nichts bringt sich selbst hervor, alles entsteht im Zusammenwirken. Der Begriff ist Haraways Grundlage.

Tentakuläres Denken. Ein Bild für Erkenntnis, die sich tastend ausbreitet, statt von einem Punkt aus zu ordnen – Vorbild sind Spinnen und Kraken.

SF als Verfahren. Ein bewusst mehrdeutiges Kürzel: Science Fiction, Speculative Fabulation, String Figures, So Far. Erzählen gilt als Erkenntnismittel, nicht als Beiwerk.

Bei der Verstörung bleiben. Die titelgebende Haltung: weder auf Rettung hoffen noch dem Untergang zustimmen, sondern in der beschädigten Gegenwart handlungsfähig bleiben.

Verwandtschaft ohne Abstammung. Kin bezeichnet Bindungen, die gestiftet und nicht vererbt werden – ausdrücklich auch zu nichtmenschlichen Wesen.

Anwendungsfelder

Environmental Humanities. Das Feld, in dem der Begriff die stärkste Wirkung entfaltet hat.

Multispecies-Forschung. Untersuchungen, die menschliche und nichtmenschliche Lebensweisen nicht getrennt beschreiben.

Kunst und Ausstellungswesen. Der Begriff ist in Ausstellungstiteln und Katalogtexten der 2020er Jahre häufig anzutreffen.

KI-Diskussion. Aufgenommen wird er dort, wo nach anderen Beschreibungen des Verhältnisses zu technischen Systemen gesucht wird – jenseits von Werkzeug und Bedrohung.

Kontroversen und Kritik

Sprachliche Unzugänglichkeit. Der häufigste Einwand: Der Text ist schwer lesbar, die Begriffsbildung eigenwillig, die Argumentation an vielen Stellen assoziativ statt schlüssig.

Die Bevölkerungsformel. Make Kin Not Babies wurde scharf kritisiert. Der Einwand: Eine Forderung nach weniger Geburten trifft in der Praxis Bevölkerungen, die am wenigsten zur Krise beitragen, und knüpft an eine belastete Vorgeschichte an.

Politische Wirkungslosigkeit. Kritiker aus der politischen Ökologie halten der Position entgegen, sie ersetze Machtanalyse durch Haltung. Wer Verwandtschaft stiftet, ändert nicht die Eigentumsverhältnisse.

Verhältnis zum Capitalocene. Dass beide Begriffe nebeneinanderstehen sollen, wird als Ausweichen gelesen: Der eine benennt Verantwortliche, der andere eine Lebenskunst; zusammen ergeben sie kein Programm.

Beliebigkeit des Namens. Dass der Begriff auf eine Spinne zurückgeht und sich von einem Ungeheuer abgrenzen muss, das er lautlich aufruft, gilt manchen als Beleg für eine Vorliebe für Wortspiele.

Was der Begriff der KI-Debatte anbietet

Die Diskussion über künstliche Systeme kennt zwei eingespielte Beschreibungen. Die eine macht sie zu Werkzeugen: Mittel ohne eigenen Rang, deren Bewertung an ihrem Gebrauch hängt. Die andere macht sie zu Gegenspielern: Akteure mit eigenen Zielen, deren Verhältnis zu uns ein Machtverhältnis ist.

Haraways Begriffe bieten eine dritte an, und ihr Reiz liegt darin, dass sie beide Voraussetzungen bestreitet – die Trennung zwischen dem Handelnden und seinem Werkzeug ebenso wie die Gegenüberstellung zweier abgegrenzter Parteien.

Was daraus folgt, ist allerdings offener, als die Vorschläge ihrer Anhänger nahelegen. Die Aufforderung, Verwandtschaft über Artgrenzen hinweg zu stiften, war für Lebewesen gedacht, deren Verletzlichkeit außer Frage steht. Auf Systeme angewandt, deren Empfindungsfähigkeit gerade die strittige Frage ist, wird sie zur Vorwegnahme einer Antwort.

Der belastbare Ertrag ist deshalb kein Programm, sondern ein Verdacht: dass die Frage, ob ein System ein Werkzeug oder ein Gegenüber ist, möglicherweise falsch gestellt ist – und dass beide Antworten mehr über das Verhältnis der Fragenden zu ihren Erzeugnissen aussagen als über die Erzeugnisse.

Verwandte Begriffe

Quellenangaben

  1. Haraway, Donna J. (2015): Anthropocene, Capitalocene, Plantationocene, Chthulucene: Making Kin. In: Environmental Humanities 6 (1), S. 159–165. DOI: 10.1215/22011919-3615934.
  2. Haraway, Donna J. (2016): Staying with the Trouble: Making Kin in the Chthulucene.
  3. Moore, Jason W. (Hrsg.) (2016): Anthropocene or Capitalocene? Nature, History, and the Crisis of Capitalism.

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Zuletzt bearbeitet: 10. August 2026

Zusammengestellt, formuliert, lektoriert und korrigiert mit KI-Unterstützung. Kuratiert von Nils Brauer. Alle Angaben ohne Gewähr.