Akzelerationismus (von lateinisch accelerare, „beschleunigen”; englisch accelerationism) bezeichnet eine heterogene Strömung politischer und kulturtheoretischer Theorien, die fordert, kapitalistische, technologische oder soziale Prozesse nicht zu bremsen, sondern bewusst zu beschleunigen, um sie entweder zum Umschlag in eine andere Gesellschaftsform zu treiben oder eine grundlegende Transformation der menschlichen Existenz herbeizuführen.
Zusammenfassung
Der Begriff wurde 2010 vom britischen Theoretiker Benjamin Noys in seinem Buch The Persistence of the Negative polemisch eingeführt, um eine Denkfigur zu bezeichnen, die er bereits in der französischen Theorie der 1970er Jahre identifizierte.
Heute umfasst der Akzelerationismus mehrere, teils gegensätzliche Strömungen – von marxistisch-postkapitalistischen Positionen (Linksakzelerationismus) über radikal antihumanistische und reaktionäre Varianten (Rechtsakzelerationismus, Nick Land) bis hin zu technologieoptimistischen Bewegungen aus dem Silicon Valley (effective accelerationism, e/acc).
Gemeinsam ist allen Spielarten die Ablehnung von Verlangsamung, Regulierung oder Rückkehr zu vorindustriellen Zuständen als politischer Antwort auf gegenwärtige Krisen.
Begriffsgeschichte
Den Begriff accelerationism prägte Benjamin Noys 2010, zunächst kritisch gemeint als Bezeichnung für eine seines Erachtens problematische Tendenz in der französischen Theorie der 1970er Jahre, kapitalistische Dynamiken nicht zu bremsen, sondern zu intensivieren.
Aufgegriffen und positiv gewendet wurde der Begriff insbesondere durch Autoren des britischen Theoriekollektivs um die Online-Plattform Urbanomic sowie durch Alex Williams und Nick Srnicek, die 2013 das #Accelerate Manifesto for an Accelerationist Politics veröffentlichten.
Theoretische Vorläufer
Karl Marx
Als wichtigster Vorläufer gilt eine Passage aus den Grundrissen der Kritik der politischen Ökonomie (1857/58), das sogenannte „Maschinenfragment”. Marx beschreibt dort, wie die kapitalistische Produktionsweise durch Mechanisierung und Automatisierung ihre eigenen Voraussetzungen – insbesondere die Arbeitswertlehre – untergräbt und damit tendenziell auf ihre Aufhebung zusteuert.
Akzelerationistische Lesarten interpretieren diese Passage als Argument dafür, dass nicht die Bremsung, sondern die Vollendung der kapitalistischen Entwicklung den Übergang zu einer anderen Gesellschaftsform ermöglicht.
Deleuze und Guattari
In Anti-Ödipus (1972) findet sich die viel zitierte Stelle, der „revolutionäre Weg” sei nicht der Rückzug vom Weltmarkt, sondern „weiter zu gehen … im Sinne der Marktbewegung … vielleicht müssen die Ströme noch nicht genug dezodiert, nicht genug deterritorialisiert sein”. Diese Formulierung wurde später zu einer der zentralen Referenzen akzelerationistischen Denkens.
Cybernetic Culture Research Unit (CCRU)
In den 1990er Jahren bildete sich an der University of Warwick um den Philosophen Nick Land die Cybernetic Culture Research Unit (CCRU).
Land verband poststrukturalistische Theorie mit Kybernetik, Science-Fiction, Cyberpunk und Elementen der elektronischen Musik (Jungle, Drum and Bass) zu einer radikalen Theorie technologisch-kapitalistischer Selbstüberschreitung. Die CCRU gilt als zentraler Inkubator dessen, was später als Akzelerationismus bezeichnet wurde.
Hauptströmungen
Linksakzelerationismus (l/acc)
Vertreten vor allem durch Alex Williams, Nick Srnicek und in weiterem Sinne durch Mark Fisher. Im #Accelerate-Manifest (2013) und in Srniceks und Williams’ Buch Inventing the Future (2015) wird gefordert, technologische Entwicklung, Automatisierung und Planungskapazitäten für ein postkapitalistisches Projekt nutzbar zu machen.
Konkrete politische Forderungen umfassen unter anderem ein bedingungsloses Grundeinkommen, die Verkürzung der Arbeitszeit und die demokratische Steuerung technischer Infrastrukturen.
Rechtsakzelerationismus (r/acc)
Verbunden insbesondere mit dem späteren Werk Nick Lands. In Texten wie The Dark Enlightenment (2012) verbindet Land akzelerationistische Motive mit antidemokratischen und neoreaktionären (NRx) Positionen. Kapital wird hier als anorganische, posthumane Intelligenz konzipiert, deren Selbstentfaltung als unaufhaltsam und letztlich begrüßenswert dargestellt wird. Diese Strömung wird in der Forschungsliteratur überwiegend kritisch eingeordnet.
Unbedingter Akzelerationismus (u/acc)
Eine Variante, die sich Mitte der 2010er Jahre in Online-Diskursen entwickelte und sowohl emanzipatorische als auch reaktionäre Vereinnahmungen ablehnt. Vertreter wie Vincent Garton oder Edmund Berger fassen Akzelerationismus nicht als politisches Programm, sondern als deskriptive Diagnose eines nicht steuerbaren Prozesses kapitalistisch-technologischer Eigendynamik.
Effektiver Akzelerationismus (e/acc)
Eine in den frühen 2020er Jahren in US-amerikanischen Tech-Kreisen entstandene Bewegung, deren Name an den effektiven Altruismus angelehnt ist, sich von diesem aber abgrenzt.
Als Mitbegründer gilt Guillaume Verdon (Pseudonym „Beff Jezos”). E/acc fordert die möglichst schnelle Entwicklung von Technologien, insbesondere von künstlicher Intelligenz, und begründet dies unter anderem mit thermodynamischen Argumenten: Das Universum tendiere zur Maximierung von Energieumsatz und Komplexität, technologischer Fortschritt sei Ausdruck dieser Tendenz.
Bekannte Unterstützer in der Tech-Branche sind unter anderem die Investoren Marc Andreessen und Garry Tan. Andreessens Techno-Optimist Manifesto (2023) wird häufig in diesem Kontext rezipiert.
Gegner – insbesondere Anhänger des AI safety-Diskurses – werden als „Doomer” oder „Decels” (Dezelerationisten) bezeichnet.
Verdons 2023 gegründetes Unternehmen Extropic, das auf „thermodynamisches Computing” spezialisierte Chips entwickelt, unterzeichnete im Juli 2026 eine Absichtserklärung über bis zu 75 Millionen US-Dollar Forschungsförderung mit dem US-Handelsministerium (CHIPS-Programm) zur Ansiedlung der Chip-Fertigung in den USA – ein Beleg dafür, dass e/acc-nahe Akteure zunehmend auch industriepolitisch Fuß fassen.
Kritik
Kritische Auseinandersetzungen mit dem Akzelerationismus stammen unter anderem von Benjamin Noys selbst, der dem Ansatz vorwirft, kapitalistische Dynamiken zu affirmieren statt zu kritisieren.
Weitere Kritikpunkte aus der Forschungsliteratur betreffen die unzureichende Berücksichtigung ökologischer Grenzen (Stichwort planetary boundaries), eine technikdeterministische Argumentationsstruktur sowie die Anschlussfähigkeit insbesondere des Rechtsakzelerationismus an autoritäre und transhumanistische Ideologien.
In Bezug auf e/acc wird kritisiert, dass die Bewegung Risiken fortgeschrittener KI (etwa hinsichtlich Ausrichtung und gesellschaftlicher Verteilungswirkungen) systematisch unterschätze.
Rezeption und Einfluss
Außerhalb der akademischen Philosophie hat der Akzelerationismus Spuren in zeitgenössischer Kunst, Musik (insbesondere im Umfeld experimenteller elektronischer Musik), in der Science-Fiction-Literatur sowie in netzkulturellen Diskursen hinterlassen.
Mark Fishers Schriften, darunter Capitalist Realism (2009), haben akzelerationistische Motive einem breiteren Publikum zugänglich gemacht. Mit dem Aufstieg von e/acc seit etwa 2022 ist der Begriff zudem in den Diskurs über die Regulierung künstlicher Intelligenz eingegangen.
Verwandte Begriffe
- Longtermism – Ethische Position, die langfristige Folgen heutiger Handlungen priorisiert
- Doomerism – Sammelbegriff für Positionen, die existenzielle Risiken (insbesondere durch KI) betonen
- The Singularity Is Near – Kurzweils Werk über exponentielle technologische Beschleunigung und Zukunftsvisionen
- Effektiver Altruismus – Bewegung, deren Name vom „effective accelerationism” (e/acc) ironisch aufgegriffen wird
Quellenangaben
- Deleuze, Gilles / Guattari, Félix (1972): L’Anti-Œdipe. Capitalisme et schizophrénie. Paris: Minuit. (Dt.: Anti-Ödipus. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1974.)
- Fisher, Mark (2009): Capitalist Realism: Is There No Alternative?
- Hemmadi, Murad (2026): Extropic gets US$75M from U.S. government for more efficient chips. In: The Logic, 29. Juli 2026.
- Land, Nick (2011): Fanged Noumena: Collected Writings 1987–2007.
- Mackay, Robin / Avanessian, Armen (Hrsg.) (2014): #Accelerate: The Accelerationist Reader.
- Marx, Karl (1857/58): Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie. In: MEW 42, Berlin: Dietz, 1983.
- Noys, Benjamin (2010): The Persistence of the Negative: A Critique of Contemporary Continental Theory.
- Noys, Benjamin (2014): Malign Velocities: Accelerationism and Capitalism.
- Srnicek, Nick / Williams, Alex (2015): Inventing the Future: Postcapitalism and a World Without Work.
- Verdon, Guillaume u. a. (2022 ff.): Texte und Manifeste zu effective accelerationism (e/acc), publiziert primär auf Substack und X.
- Williams, Alex / Srnicek, Nick (2013): #Accelerate: Manifesto for an Accelerationist Politics. In: Mackay/Avanessian (2014).