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Émile P. Torres

Émile P. Torres (* 2. Juli 1982 in den USA; früher publizierend unter dem Namen Phil Torres) ist ein:e US-amerikanische:r Philosoph:in, Ideenhistoriker:in und Aktivist:in (Pronomen: they/them).

Torres ist derzeit Postdoctoral Fellow am Inamori International Center for Ethics and Excellence der Case Western Reserve University in Cleveland, Ohio. Seit Oktober 2025 ist Torres zudem Affiliate des New Yorker Forschungsinstituts Data & Society, das sich mit den gesellschaftlichen Auswirkungen neuer Technologien befasst.

Forschungsschwerpunkte sind Eschatologie, existenzielle Risiken und menschliche Auslöschung. Zusammen mit der Informatikerin Timnit Gebru prägte Torres im April 2023 das Akronym TESCREAL (Transhumanism, Extropianism, Singularitarianism, Cosmism, Rationalism, Effective Altruism, Longtermism) als kritisches Sammelkonzept für eine Gruppe ihrer Auffassung nach ideologisch verwandter Strömungen aus dem Silicon-Valley-nahen Umfeld.

Torres gilt seit etwa 2019 als eine der prominentesten internationalen Kritiker:innen des Longtermism und des Effektiven Altruismus. Im gegenwärtigen Diskurs um KI, existenzielle Risiken und Tech-Ideologien nimmt Torres eine in mehrfacher Hinsicht ungewöhnliche Position ein – als ehemaliges Mitglied der von ihnen heute kritisierten Bewegung.

Zusammenfassung

Torres’ intellektuelle Biografie ist von einem markanten Positionswechsel geprägt: Nach einer frühen Phase der Sympathie für anarcho-primitivistische Positionen wandte Torres sich Anfang der 2010er Jahre dem Transhumanismus, Effektivem Altruismus und Longtermism zu. In dieser Phase publizierte Torres zahlreiche Beiträge in der akademischen Literatur sowie im breiteren Diskurs der Zukunfts- und Risikoforschung.

Ab etwa 2018/2019 vollzog Torres einen öffentlich nachgezeichneten Bruch mit der Bewegung und entwickelte daraus eine Reihe von Veröffentlichungen, die die innere Logik, die ideengeschichtlichen Voraussetzungen und die politischen Implikationen dieser Strömungen analysieren.

Zentrale Veröffentlichungen sind die Monografie Human Extinction: A History of the Science and Ethics of Annihilation (Routledge, 2023), die zugleich Torres’ Dissertationsschrift war. Hinzu kommt der gemeinsam mit Timnit Gebru in First Monday publizierte Aufsatz The TESCREAL bundle: Eugenics and the promise of utopia through artificial general intelligence (2024).

Torres ist daneben als Autor:in in Magazinen wie Salon, Aeon, Truthdig, Current Affairs, Truthout und dem Bulletin of the Atomic Scientists aktiv. Innerhalb der TESCREAL-affinen Communities ist Torres erheblicher Kritik ausgesetzt; einige Beiträge auf dem Effective Altruism Forum und im LessWrong-Umfeld weisen substantielle Einwände gegen einzelne Argumente zurück.

Biografie

Frühe Phase und akademischer Werdegang

Torres wuchs in einem Baptisten-Elternhaus in den USA auf; die religiöse Sozialisation ist nach eigenen Aussagen für ihr späteres Interesse an Eschatologie und religiösen Strukturen säkularer Heilserwartungen prägend geblieben. Sie absolvierten 2007 einen Bachelor in Philosophie an der University of Maryland, College Park (mit Auszeichnung), und 2009 einen Master in Neurowissenschaften an der Brandeis University.

Nach einer Phase als special student an der Harvard University folgte rund ein Jahrzehnt als unabhängige:r Forscher:in.

2020 begannen sie ihr Promotionsstudium an der Leibniz Universität Hannover (Institute of Philosophy), das sie 2023 abschlossen. Die Dissertation, Human Extinction: A History of the Science and Ethics of Annihilation, wurde 2023 bei Routledge in der Reihe Studies in the History of Science, Technology and Medicine veröffentlicht. Seit 2023 sind Torres Postdoktorand:in am Inamori International Center der Case Western Reserve University.

Phase innerhalb der Bewegung (ca. 2011–2018)

Zwischen etwa 2011 und 2018 publizierte Torres als Phil Torres zahlreiche Beiträge zu Transhumanismus, human enhancement, maschineller Superintelligenz, existenziellen Risiken und Zukunftsfragen. Sie waren mit dem von James Hughes geleiteten Institute for Ethics and Emerging Technologies (IEET) verbunden und schrieben für Plattformen wie das Bulletin of the Atomic Scientists.

Bücher dieser Phase sind The End: What Science and Religion Tell Us About the Apocalypse (Pitchstone 2016) und Morality, Foresight, and Human Flourishing (Pitchstone 2017).

Bruch und kritische Phase (ab 2019)

Ab etwa 2018/2019 begannen Torres, die Strömungen, denen sie zuvor selbst zugerechnet wurden, öffentlich zu kritisieren. Die Wendung wurde in mehreren Beiträgen in Salon, Aeon und Truthdig öffentlich nachgezeichnet.

Anlass und Verlauf der Distanzierung sind in mehreren langen Interviews dokumentiert (u. a. mit Current Affairs, Team Human, Singularity Weblog). Torres haben den eigenen Werdegang als „TESCREAList gewesen – heute Kritiker:in des TESCREAL bundles” charakterisiert.

Veröffentlichung der Bostrom-Mail (Januar 2023)

Im Januar 2023 veröffentlichten Torres auf der Plattform X eine private E-Mail Nick Bostroms aus dem Jahr 1996 (verfasst auf der Extropians-Mailingliste), die rassistische Aussagen Bostroms zur angeblichen Korrelation von IQ und Hautfarbe enthielt.

Bostrom veröffentlichte am selben Tag eine Stellungnahme, in der er sich von Sprache und Aussage distanzierte. Die Entschuldigung selbst wurde breit kritisiert – insbesondere, weil sie die wissenschaftliche Frage nach kognitiven Unterschieden zwischen ethnischen Gruppen nicht ausräumte.

Die Veröffentlichung war Auslöser einer institutionellen Untersuchung der Universität Oxford (abgeschlossen August 2023, ohne Disziplinarmaßnahme). Sie gilt – zusammen mit einer schon zuvor bestehenden Reibung zwischen Bostroms FHI und den Oxforder Universitätsstrukturen – als einer der Faktoren, die zur Schließung des Future of Humanity Institute im April 2024 beigetragen haben.

Werk und zentrale Thesen

Human Extinction (2023)

Torres’ Hauptwerk Human Extinction: A History of the Science and Ethics of Annihilation (Routledge 2023) ist eine ideengeschichtliche Untersuchung des Begriffs der Menschheitsauslöschung. Sie reicht von den vorsokratischen Philosoph:innen über frühneuzeitliche Apokalyptik, Mary Shelleys The Last Man (1826) und die deutschen Pessimist:innen des späten 19. Jahrhunderts bis zur Nuklear-Eschatologie nach 1945 und den heutigen existential risk-Diskursen.

Das Buch entwickelt eine eigenständige normative Theorie Existential Ethics, die fragt, unter welchen Bedingungen die Auslöschung der Menschheit moralisch wie zu bewerten sei.

Torres differenziert dabei mehrere Lesarten – von einer durchgehend pro-existence-orientierten Position bis zu antinatalistischen Positionen – und positionieren sich selbst zwischen ihnen.

TESCREAL-Konzept (gemeinsam mit Timnit Gebru)

In dem mit Timnit Gebru gemeinsam verfassten Aufsatz The TESCREAL Bundle: Eugenics and the Promise of Utopia Through Artificial General Intelligence (First Monday 29 [4], DOI: 10.5210/fm.v29i4.13636, April 2024) entwickeln Torres und Gebru eine These.

Sieben heute oft als getrennt wahrgenommene Strömungen – Transhumanism, Extropianism, Singularitarianism, Cosmism, Rationalism, Effective Altruism, Longtermism – seien als ein ideengeschichtlich und sozial verflochtenes Bündel zu analysieren.

Vier Merkmale binden dieses Bündel zusammen: Es lässt sich (1) genealogisch auf die anglo-amerikanische Eugenik-Tradition zurückführen und (2) reproduziert eine quantifizierbare intelligence als anthropologische Leitkategorie. Zudem (3) teilt es ein utopisches Telos (Erfüllung in einer KI-vermittelten posthumanen Zukunft) und (4) dient zur Legitimation einer auf KI-Entwicklung konzentrierten Tech-Industrie.

Das TESCREAL-Konzept ist seither in der Forschung, im Journalismus und in der politischen Debatte breit aufgegriffen worden.

Kernthesen der Longtermism-Kritik

Torres’ Kritik am Longtermism – am prominentesten ausgeführt in Were the Great Tragedies of History “Mere Ripples”? The Case Against Longtermism (2023) sowie in zahlreichen Magazinbeiträgen – operiert auf mehreren Ebenen:

  1. Quantifizierungsproblem: Longtermism beruhe auf hochspekulativen Schätzungen künftiger Bevölkerungen (Bostrom nennt je nach Annahme Größenordnungen von 10³⁸ bis 10⁵⁸), die einer empirischen Grundlage entbehren.
  2. Aggregations- und Vergleichbarkeitsproblem: Die utilitaristische Aggregation aktueller Schäden gegenüber hypothetischen künftigen Wohlfahrten relativiere systematisch reale Leiderfahrungen heutiger Menschen.
  3. Genealogischer Einwand: Die historischen Wurzeln des Longtermism reichten über Transhumanismus, human enhancement und quality-adjusted life years in eugenisch geprägte Traditionen.
  4. Politischer Einwand: Der Diskurs habe – auch ohne dies seinen Vertreter:innen subjektiv zu unterstellen – die Wirkung, Machtkonzentration in Tech-Industrie und Risikokapital zu legitimieren und politische Aufmerksamkeit von dokumentierten gegenwärtigen Schäden abzulenken.

Religionssoziologische Linie

Quer durch Torres’ Werk zieht sich ein religionsphilosophisches Interesse: Säkulare Eschatologien, KI-Heilserwartungen und Longtermism werden mit klassischen apokalyptischen, gnostischen und millenaristischen Traditionen vergleichend analysiert. Diese Linie hat Berührungspunkte zu Robert M. Geraci (Apocalyptic AI), John Gray und Beth Singler.

Stil, Form und öffentliches Profil

Torres ist als Autor:in vor allem im englischsprachigen Magazinjournalismus aktiv. Beiträge erscheinen regelmäßig in Salon, Aeon, Truthdig, Truthout, Current Affairs, Bulletin of the Atomic Scientists, Jacobin und anderen Publikationen. Auf X (@xriskology) verfolgen sie eine konfrontative Diskurspraxis mit Akteur:innen aus dem TESCREAL-Spektrum; mehrfach haben Torres öffentlich gemacht, selbst Ziel von Belästigungen und Drohungen geworden zu sein.

Der Diskursstil ist eindeutig wertend, klar argumentativ und polemisch zugespitzt – eine Form, die innerhalb der von ihnen kritisierten Community als unsachlich empfunden, von Unterstützer:innen wie Nathan J. Robinson, Timnit Gebru, Sasha Costanza-Chock und Dave Troy hingegen als notwendige Klarheit verteidigt wird.

Auch 2026 ist Torres medial präsent: In einem ausführlichen Feature des Religion News Service (Mai 2026) beschreiben sie KI-„Doomer“ und „Akzelerationist:innen“ als Ausdruck eines gemeinsamen säkular-religiösen Zukunftsglaubens („clash of eschatologies“). Sie charakterisieren TESCREAL darin explizit als „säkulare Religion“ mit rassistischen, fremdenfeindlichen, ableistischen, klassistischen und sexistischen Zügen.

Rezeption

Wirkung

Torres’ Arbeit hat den Diskurs um Longtermism, KI-Sicherheit und TESCREAL in mehreren Hinsichten geprägt:

Kritik

Substantielle Kritik kommt aus mehreren Richtungen:

Eigenes Verhältnis zur eigenen Vergangenheit

Eine in Interviews wiederholt thematisierte Besonderheit ist Torres’ offener Umgang mit der eigenen Verwicklungsgeschichte: Sie betonen, dass sie selbst die Argumente, die sie heute kritisieren, einst vertreten haben. Das markiere sowohl die Substanz ihrer Kritik (Detailkenntnis von innen) als auch deren Begrenzung (mögliche affektive Aufladung des Umschwungs).

Verwandte Begriffe

Quellenangaben

  1. Adelstein, Matthew [Bentham’s Bulldog] (2022): Selling Nonsense: How Émile Torres Misrepresents Longtermism. Substack, 13. September 2022.
  2. Bostrom, Nick (2023): Apology for old email. Selbstpublikation auf nickbostrom.com, 9. Januar 2023.
  3. Data & Society (2025): Ten New Affiliates Join Data & Society. datasociety.net, 15. Oktober 2025. https://datasociety.net/announcements/2025/10/15/ten-new-affiliates-join-data-society/
  4. Gebru, Timnit / Torres, Émile P., 2024. The TESCREAL Bundle: Eugenics and the Promise of Utopia through Artificial General Intelligence. In: First Monday 29 (4). DOI: 10.5210/fm.v29i4.13636.
  5. Robinson, Nathan J. / Torres, Émile P. (2023): Why Effective Altruism and “Longtermism” Are Toxic Ideologies. In: Current Affairs, 7. Mai 2023.
  6. Royster, Hayden (2026): Is a Secular Religion Propelling the AI Race? In: Religion News Service, 6. Mai 2026. https://religionnews.com/2026/05/06/is-a-secular-religion-propelling-the-ai-race/
  7. Rushkoff, Douglas / Torres, Émile P. (2023): Team Human, Episode 257, 9. August 2023.
  8. Singler, Beth (2018): Roko’s Basilisk or Pascal’s? Thinking of Singularity Thought Experiments as Implicit Religion. In: Implicit Religion 20 (3), S. 279–297.
  9. Torres, Émile P., 2023. Human Extinction: A History of the Science and Ethics of Annihilation.
  10. Torres, Émile P. (2023): Were the Great Tragedies of History “Mere Ripples”? The Case Against Longtermism. Manuskript / Vorabdruck.
  11. Torres, Émile P. (2017): Morality, Foresight, and Human Flourishing: An Introduction to Existential Risks.
  12. Torres, Phil (2016): The End: What Science and Religion Tell Us About the Apocalypse.
  13. Torres, Émile P., 2021. The Dangerous Ideas of ‘Longtermism’ and ‘Existential Risk’. In: Current Affairs, Juli 2021.
  14. Torres, Émile P. (2022): Understanding “Longtermism”: Why This Suddenly Influential Philosophy Is So Toxic. In: Salon, 20. August 2022.
  15. Torres, Émile P. (2023): Nick Bostrom, Longtermism, and the Eternal Return of Eugenics. In: Truthdig, 23. Januar 2023.
  16. University of Oxford (2023): Statement on Concluded Investigation into Professor Nick Bostrom. Universitätsmitteilung, August 2023.

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