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Brian Tomasik

Brian Tomasik (* 15. März 1987) ist US-amerikanischer Essayist, Ethiker und unabhängiger Forscher. Er gilt als einer der einflussreichsten Vertreter der Suffering-Focused Ethics und als zentrale Bezugsfigur des Forschungsfeldes der Wild Animal Welfare. Tomasik ist Mitgründer des 2013 gegründeten Foundational Research Institute (FRI), das 2018 in Center on Long-Term Risk (CLR) umbenannt wurde, sowie Beirat des 2018 von Magnus Vinding und Tobias Baumann gegründeten Center for Reducing Suffering (CRS). Seine seit 2006 laufend erweiterte Essaysammlung Essays on Reducing Suffering (ursprünglich Utilitarian Essays; ab 2017 unter eigenem Namen, zuvor unter dem Pseudonym Alan Dawrst) umfasst über 130 Aufsätze und gilt als das umfangreichste freie Online-Korpus der zeitgenössischen negativ-utilitaristischen Tradition.

Zusammenfassung

Tomasiks Werk liegt institutionell außerhalb der akademischen Philosophie und in einem unmittelbar an die Effektiv-Altruismus- und LessWrong-Community angeschlossenen Online-Diskurs.

Inhaltlich ist er einer der ideengeschichtlichen Hauptverantwortlichen für die heutige Form der Suffering-Focused Ethics und für die Etablierung des Feldes Wild Animal Welfare als eigenständigen Forschungsbereich. Sein 2009 unter dem Pseudonym Alan Dawrst publizierter Essay The Importance of Wild-Animal Suffering (später 2015 in der Zeitschrift Relations. Beyond Anthropocentrism nachgedruckt) gilt als Gründungstext dieser Subdisziplin.

Tomasik hat zudem die Diskussion um die moralische Relevanz von Insektenleid, digitalen Bewusstseinen und sogar simplen Berechnungs-Subroutinen wesentlich geprägt – eine Erweiterung des klassischen Singer’schen Anti-Speziesismus-Arguments auf computationale und physikalische Substrate.

Seine Position ist in der EA-Community einflussreich, gleichzeitig wegen ihres negativ-utilitaristischen Grundzugs (Priorität der Leidensreduktion gegenüber der Wohlfahrtsförderung) und gelegentlich quasi-antinatalistischer Implikationen umstritten.

Biografie

Tomasik studierte Informatik, Mathematik und Statistik am Swarthmore College in Pennsylvania (B.A. 2009). Von 2009 bis 2013 arbeitete er als Software Development Engineer bei Microsoft.

Aus dieser Phase stammt sein 2006/2007 publizierter Essay Why Activists Should Consider Making Lots of Money – laut Sekundärliteratur die erste explizite Ausformulierung des in der EA-Bewegung später kanonischen Earning-to-Give-Arguments, das später von William MacAskill und 80,000 Hours systematisch ausgearbeitet wurde.

Von 2012 bis 2015 war Tomasik Vorstandsmitglied der Organisation Animal Charity Evaluators. 2013 gründete er gemeinsam mit Lukas Gloor und weiteren Mitstreiter:innen das Foundational Research Institute (FRI) als Forschungsorganisation für Suffering-Focused Ethics und S-Risk-Forschung.

2018 wurde FRI in Center on Long-Term Risk (CLR) umbenannt; Tomasik fungiert seither als Berater. Tomasik war zudem über lange Jahre einer der aktivsten Beitragenden zum Online-Forum Felicifia, einem frühen Zentrum der utilitaristischen Online-Diskussion (etwa 2006–2014).

Tomasik lebt nach eigener Darstellung in betont sparsamer Lebensführung und spendet einen Großteil seiner Einnahmen an Organisationen der Leidensreduktion.

Werk

Essays on Reducing Suffering

Die seit 2006 laufend erweiterte Essaysammlung Essays on Reducing Suffering (zugänglich unter reducing-suffering.org) ist Tomasiks Hauptwerk. Sie umfasst Aufsätze zu Tierethik, Insektensentienz, Wohltätigkeits-Effektivität, philosophischer Methodologie, Bewusstseinstheorie, Ethik künstlicher Intelligenz, S-Risken und Kosmologie.

Die Sammlung ist heterogen – Tomasik kombiniert Quantifizierungsversuche (etwa Schätzungen der globalen Zahl wilder Tiere oder Insekten und deren mutmaßlicher Leidenslast) mit metaethischen Reflexionen und programmatischen Vorschlägen. Trotz ihres außer-akademischen Charakters wird die Sammlung in der Sekundärliteratur der angewandten Ethik regelmäßig zitiert.

The Importance of Wild-Animal Suffering (2009)

Tomasiks bekanntester Aufsatz argumentiert, dass das Leid wilder Tiere in seiner schieren Masse – durch hohe Mortalität bei Jungtieren, Krankheiten, Hunger, Parasiten und Beuteschlag – die durch menschliche Tierhaltung verursachten Leiden um Größenordnungen übersteigt.

Tomasik schätzt die Zahl wildlebender Vögel und Säugetiere auf zu jedem Zeitpunkt zwischen 60 und 200 Milliarden bzw. 100 Milliarden und 1 Billion und argumentiert, dass die übliche romantisierende Sicht der unberührten Natur empirisch nicht haltbar sei.

Der Aufsatz schließt mit einer Reflexion über mögliche Interventionen – von der Forschung über Ökosystem-Eingriffe bis hin zu Fragen der Naturreservats-Politik –, ohne eine konkrete Handlungsempfehlung zu erzwingen. Die Arbeit hat das Feld Wild Animal Welfare mitbegründet, das inzwischen institutionell unter anderem durch die Wild Animal Initiative und die EA-nahe Organisation Animal Ethics vertreten ist.

Suffering-Focused Ethics und S-Risks

Tomasik ist neben dem britischen Philosophen David Pearce einer der diskursiv wirksamsten Vertreter der Suffering-Focused Ethics.

Diese Position – programmatisch in Magnus Vindings Suffering-Focused Ethics: Defense and Implications (2020) und in Tomasiks Aufsatzkorpus systematisch ausgearbeitet – vertritt die These, dass die Reduktion von Leid (insbesondere von extremem Leid) moralisch eine asymmetrische Vorrangstellung gegenüber der Förderung von Wohlbefinden hat.

Aus dieser Position folgt eine besondere Aufmerksamkeit für Suffering Risks (S-Risks) – Szenarien, in denen astronomische Mengen von Leid in der Zukunft entstehen könnten. Das Center on Long-Term Risk (CLR), das auf Tomasiks Mitgründung zurückgeht, ist die heute institutionell wichtigste S-Risk-Forschungsorganisation.

Digitale Bewusstseine und Subroutinen-Ethik

Tomasik hat das anti-speziesistische Argument konsequent auf nicht-biologische Substrate erweitert.

In Aufsätzen wie Do Video-Game Characters Matter Morally? (2014) und einer Reihe weiterer Arbeiten zur computationalen Bewusstseinsethik argumentiert er, dass die moralische Relevanz eines Systems nicht an seinem biologischen Substrat, sondern an seiner funktionalen Organisation hänge – eine Position, die ihn in die unmittelbare Nähe der Bostrom’schen Mindcrime-Diskussion und der Diskussion um die Substratunabhängigkeit rückt.

Tomasik geht dabei weiter als die meisten anderen Vertreter dieser Linie: Er hat öffentlich diskutiert, ob auch sehr einfache Berechnungen oder gar physikalische Prozesse möglicherweise eine minimale moralische Relevanz besitzen könnten – eine Position, die in der Sekundärliteratur als panpsychistisch-tendenziell gelesen wird, von Tomasik selbst aber als Unsicherheits-Vorsicht charakterisiert wird.

Einordnung

Tomasiks Position lässt sich in drei Hinsichten verorten:

Gegenüber Singer und MacAskill: Tomasik teilt die utilitaristische Grundausrichtung der EA-Bewegung, vertritt aber eine deutlich asymmetrische Variante – Leidensreduktion vor Wohlfahrtsförderung. Diese Differenz führt ihn weg vom MacAskill’schen Longtermism (der auf das Wachstum künftiger Wohlfahrtsmengen abstellt) und zur S-Risk-orientierten Linie.

Gegenüber Bostrom und dem klassischen Longtermism: Während Bostroms Astronomical Waste-Argument die nicht-realisierte künftige Wohlfahrt als zentrale moralische Größe behandelt, kehrt Tomasik die Asymmetrie um: Die potenziell realisierten künftigen Leiden sind die zentrale moralische Größe.

Daraus folgt eine substanzielle Skepsis gegenüber technologie-akzelerationistischen Programmen, die zwar Wohlfahrt schaffen, aber auch Leidensszenarien ermöglichen könnten.

Gegenüber dem TESCREAL-Bündel: Tomasik wird in der TESCREAL-Kritik (Gebru/Torres 2024) nur indirekt verortet.

Personell und institutionell ist er mit der EA- und LessWrong-Community eng verbunden, inhaltlich vertritt er aber eine Position, die mehreren TESCREAL-typischen Argumentationsfiguren ausdrücklich entgegensteht – insbesondere der utopisch-soteriologischen Lesart der AGI-Entwicklung. Torres selbst hat die suffering-focused Tradition in Human Extinction (2023) ausführlich als interne Gegenposition behandelt.

Kritik

Substantielle Kritik richtet sich auf drei Linien:

Methodische Spekulation: Tomasiks quantitative Schätzungen (Insektenzahlen, Leidenslast wilder Tiere, mögliche Subroutinen-Sentienz) operieren mit erheblicher empirischer Unsicherheit. Aus akademisch-philosophischer Sicht (etwa Bob Fischer und andere) wird argumentiert, dass die Aggregations-Sicherheit der Schlussfolgerungen die Unsicherheit der Eingangsannahmen nicht abdecke.

Anti-natalistische Implikationen: Aus der gegen-utilitaristischen Tradition (David Benatar im positiven, Christine Korsgaard im kritischen Sinn) ist Tomasiks Position gelegentlich mit anti-natalistischen Konsequenzen in Verbindung gebracht worden – eine Lesart, die Tomasik selbst weder offensiv vertritt noch entschieden zurückweist.

Disability-Ethik: Wie bei Singer ist die negativ-utilitaristische Bewertung leidensfähiger Existenz aus der Disability-Bewegung kritisiert worden, weil sie systematisch zu einer Abwertung von Existenz mit substantiellem Leidensanteil führen könne.

Verwandte Begriffe

Quellenangaben

  1. Althaus, David / Gloor, Lukas, 2016. Reducing Risks of Astronomical Suffering: A Neglected Priority. Foundational Research Institute (heute CLR).
  2. Gebru, Timnit / Torres, Émile P., 2024. The TESCREAL Bundle: Eugenics and the Promise of Utopia through Artificial General Intelligence. In: First Monday 29 (4). DOI: 10.5210/fm.v29i4.13636.
  3. Ng, Yew-Kwang, 1995. Towards Welfare Biology: Evolutionary Economics of Animal Consciousness and Suffering. In: Biology and Philosophy 10 (3), S. 255–285. DOI: 10.1007/BF00852469.
  4. Pearce, David, 1995. The Hedonistic Imperative. Online publiziert auf hedweb.com.
  5. Sözmen, Beril Idemen, 2013. Harm in the Wild: Facing Non-Human Suffering in Nature. In: Ethical Theory and Moral Practice 16 (5), S. 1075–1088. DOI: 10.1007/s10677-013-9416-5.
  6. Tomasik, Brian, 2009 (als Alan Dawrst) / 2015. The Importance of Wild-Animal Suffering. In: Relations. Beyond Anthropocentrism 3 (2), S. 133–152. DOI: 10.7358/rela-2015-002-toma.
  7. Tomasik, Brian, 2006ff. Essays on Reducing Suffering. Online-Sammlung, reducing-suffering.org.
  8. Tomasik, Brian, 2007. Why Activists Should Consider Making Lots of Money. In: Felicifia / Essays on Reducing Suffering.
  9. Tomasik, Brian, 2014. Do Video-Game Characters Matter Morally? In: Essays on Reducing Suffering.
  10. Tomasik, Brian, 2011 / fortlaufend aktualisiert. How Many Wild Animals Are There? In: Essays on Reducing Suffering.
  11. Torres, Émile P., 2023. Human Extinction: A History of the Science and Ethics of Annihilation.
  12. Vinding, Magnus, 2020. Suffering-Focused Ethics: Defense and Implications.

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