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Karen Barad

Karen Michelle Barad (* 29. April 1956 in den USA) ist US-amerikanische:r Physiker:in und feministische:r Theoretiker:in, Distinguished Professor of Feminist Studies, Philosophy, and History of Consciousness an der University of California, Santa Cruz.

Bekannt ist Barad vor allem für die Theorie des Agentiellen Realismus (Agential Realism) und den Begriff der Intra-Aktion – beide systematisch ausgearbeitet in dem 2007 bei Duke University Press erschienenen Hauptwerk Meeting the Universe Halfway: Quantum Physics and the Entanglement of Matter and Meaning.

Barad verwendet im Englischen die Pronomen they/them. Da das Deutsche dafür keine eingeführte Entsprechung kennt, verzichtet dieser Artikel auf Personalpronomen und verwendet durchgehend den Namen.

Zusammenfassung

Barad ist eine zentrale Figur des New Materialism und des kritisch-relationalen Posthumanismus.

In Barads Arbeit verbindet sich eine in theoretischer Teilchenphysik promovierte naturwissenschaftliche Ausbildung mit feministischer Wissenschaftstheorie, Quantenmechanik (insbesondere Niels Bohrs Kopenhagener Deutung) und post-strukturalistischer Philosophie.

Das zentrale Anliegen ist eine Überwindung der klassischen Trennungen Subjekt/Objekt, Diskurs/Materie, Natur/Kultur – nicht durch deren Reduktion auf eine Seite, sondern durch die Theorie der Intra-Aktion: Entitäten sind nicht ontologisch vor ihren Beziehungen gegeben, sondern entstehen erst in spezifischen materiell-diskursiven Praktiken.

Meeting the Universe Halfway gilt als eines der einflussreichsten Werke der feministischen Wissenschaftstheorie und der Science and Technology Studies (STS) der letzten zwei Jahrzehnte. Theoretisch steht Barad in enger Verbindung zu Donna Haraway – beide lehrten am History of Consciousness-Programm in Santa Cruz – und zu N. Katherine Hayles.

Biografie

Barad wurde am 29. April 1956 in den USA geboren. Auf ein Studium der Physik und Mathematik folgte die Promotion an der Stony Brook University (State University of New York) mit einer Dissertation in theoretischer Teilchenphysik (Quantenfeldtheorie, Gittereichtheorie).

Nach einer Phase als Hochschullehrer:in der Physik folgte der Wechsel in die feministische Wissenschaftstheorie und die Science Studies. Seit 1998 gehört Barad zur University of California, Santa Cruz – demselben Programm, an dem auch Donna Haraway lange lehrte – und ist dort heute Distinguished Professor of Feminist Studies, Philosophy, and History of Consciousness.

Werk

Vor Meeting the Universe Halfway

Bereits in Aufsätzen der 1990er Jahre (Meeting the Universe Halfway: Realism and Social Constructivism without Contradiction, 1996; Getting Real: Technoscientific Practices and the Materialization of Reality, 1998) entwickelte Barad die Grundlinien der späteren Theorie.

Programmatisch ist der Versuch, die Frage „Wie kommt es, dass wissenschaftliche Praxis tatsächlich etwas über die Welt erfährt?” weder konstruktivistisch (nur diskursiv) noch realistisch (nur referentiell) zu beantworten, sondern in einer dritten Position zu situieren.

Agentieller Realismus (2007)

Meeting the Universe Halfway entwickelt diese dritte Position systematisch. Drei zentrale Begriffe:

Intra-Action (Intra-Aktion): Im Unterschied zur Inter-Aktion, die zwei bereits eigenständig konstituierte Entitäten voraussetzt, bezeichnet Intra-Aktion die Hervorbringung von Entitäten durch ihre Beziehungen. Subjekte und Objekte sind nicht vor der Beziehung gegeben, sondern emergieren in spezifischen materiell-diskursiven Praktiken.

Agential Cut (agentieller Schnitt): In jeder konkreten experimentellen oder beobachtenden Anordnung wird durch das verwendete Messapparatus ein spezifischer Schnitt zwischen Subjekt und Objekt, Beobachter und Beobachtetem gezogen. Dieser Schnitt ist nicht arbitrarisch, aber auch nicht naturhaft gegeben – er entsteht durch die konkrete materielle Praxis.

Material-Discursive Practices: Diskurs und Materie sind nicht zwei getrennte Sphären, sondern miteinander verschränkt. Diskursive Praktiken sind materiell, materielle Praktiken sind bedeutungstragend.

Barad bezieht sich für diese Konzeptionen explizit auf Niels Bohrs Quantenphysik (insbesondere auf das Doppelspalt-Experiment und Bohrs Konzept der Phänomene als unhintergehbare Einheiten von Beobachtungsobjekt und Beobachtungsapparat). Bohrs Position wird dabei nicht ungeprüft übernommen, sondern erweitert und teilweise revidiert – der Bezug zu Bohr ist eines der charakteristischen Merkmale des Werks.

Spätere Arbeiten

Barad hat das Programm in zahlreichen Aufsätzen erweitert, insbesondere zur Diffraction (Beugung) als Figur, zu Quantum Entanglements, zu Hauntology und zu Times of Mourning. Zentrale Aufsätze umfassen Posthumanist Performativity (Signs 28 [3], 2003) und Quantum Entanglements and Hauntological Relations of Inheritance (Derrida Today 3 [2], 2010).

Seit 2024/2025 tritt Barad – unter anderem in Ankündigungen der Yale University Press und in Veranstaltungshinweisen – auch unter dem erweiterten Namen Karen River Barad auf.

Unter diesem Namen erscheint bei Yale University Press (Reihe The Terry Lectures) das auf Barads 2022 an der Yale University gehaltenen Dwight H. Terry Lectures zurückgehende Buch Energetics of the Otherwise: A Laboratory of the Possible, das die Verschränkung von Theologie, Politik und Physik anhand von Walter Benjamin und der Quantenphysik behandelt.

Rezeption

Barads Werk hat in mehreren Feldern paradigmatischen Status: feministische Wissenschaftstheorie, New Materialism (mit Rosi Braidotti, Jane Bennett, Manuel DeLanda), Science and Technology Studies (STS), Posthumanismus, Critical AI Studies, Environmental Humanities.

Im deutschsprachigen Raum ist Barad insbesondere durch die Übersetzung Agentieller Realismus (Suhrkamp 2012) vermittelt; in den Kunst- und Kuratoren-Diskursen der 2010er und 2020er Jahre ist Barad eine der zentralen theoretischen Bezugsfiguren (Documenta 14, Manifesta 12, zahlreiche Biennale-Programme).

Kritik

Substantielle Kritik richtet sich auf drei Punkte:

Aus Sicht der Physik und der Philosophie der Physik wird gelegentlich eingewendet, Barads Verwendung quantenmechanischer Begriffe (insbesondere Verschränkung, Komplementarität, Apparatus) sei eher metaphorisch als technisch präzise – eine Linie, die teils als Reaktualisierung der Sokal-Affäre kritisiert wird.

Vertreter:innen Barads erwidern, dass die quantenmechanischen Begriffe nicht als naturwissenschaftliche Aussagen verwendet werden, sondern als systematische Adaptation einer von Niels Bohr bereits philosophisch-präzise eingeführten Begrifflichkeit.

Aus Sicht der analytischen Wissenschaftstheorie wird kritisiert, dass das Konzept der Intra-Aktion als ontologische These schwer zu fassen und schwer empirisch zu prüfen sei.

Aus stilistischer Sicht wird wie bei Donna Haraway eingewendet, dass die hohe begriffliche und syntaktische Dichte des Werks die Zugänglichkeit erschwert.

Barad steht – wie Haraway – in deutlicher Distanz zum technikoptimistischen, TESCREAL-affinen Strang des Posthumanismus. Dieser Posthumanismus ist relational-kritisch, nicht substrat-unabhängig oder uploading-orientiert.

Verwandte Begriffe

Quellenangaben

  1. Barad, Karen (2007): Meeting the Universe Halfway: Quantum Physics and the Entanglement of Matter and Meaning.
  2. Barad, Karen (2003): Posthumanist Performativity: Toward an Understanding of How Matter Comes to Matter. In: Signs: Journal of Women in Culture and Society 28 (3), S. 801–831. DOI: 10.1086/345321.
  3. Barad, Karen (1996): Meeting the Universe Halfway: Realism and Social Constructivism without Contradiction. In: Nelson, Lynn Hankinson / Nelson, Jack (Hrsg.): Feminism, Science, and the Philosophy of Science. Dordrecht: Kluwer, S. 161–194.
  4. Barad, Karen (2010): Quantum Entanglements and Hauntological Relations of Inheritance: Dis/Continuities, SpaceTime Enfoldings, and Justice-to-Come. In: Derrida Today 3 (2), S. 240–268. DOI: 10.3366/drt.2010.0206.
  5. Barad, Karen (2012): „Matter Feels, Converses, Suffers, Desires, Yearns and Remembers”: Interview with Karen Barad.
  6. Dolphijn, Rick / van der Tuin, Iris (2012): New Materialism: Interviews and Cartographies.
  7. Haraway, Donna J. (2011): Speculative Fabulations for Technoculture’s Generations: Taking Care of Unexpected Country. In: Australian Humanities Review 50.
  8. Hollin, Gregory / Forsyth, Isla / Giraud, Eva / Potts, Tracey (2017): (Dis)entangling Barad: Materialisms and Ethics. In: Social Studies of Science 47 (6), S. 918–941. DOI: 10.1177/0306312717728344.
  9. Loh, Janina (2018): Trans- und Posthumanismus zur Einführung.
  10. UiT Norges arktiske universitet / Universitetsbiblioteket (Red.), 2025. Karen River Barad in Dialogue with Rebecca Schneider on Barad’s Forthcoming Book “Energetics of the Otherwise: A Laboratory of the Possible”. Veranstaltungsankündigung, Stand Oktober 2025. https://uit.no/tavla/artikkel/908330/nb_cancelled_karen_river_barad_in_dialogue_with
  11. van der Tuin, Iris (2014): Generational Feminism: New Materialist Introduction to a Generative Approach.

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