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Cyborg

Cyborg – Kurzform für cybernetic organism – bezeichnet ein Wesen, das organische und technische Bestandteile zu einem funktionierenden Ganzen verbindet. Der Begriff stammt aus der Raumfahrtforschung und wurde durch Donna Haraway zu einer Figur der Gesellschaftstheorie.

Zusammenfassung

Die technische Bedeutung ist eng: ein Organismus, dessen Regelkreise durch technische Mittel so erweitert werden, dass er in einer fremden Umgebung selbstständig bestehen kann.

Die theoretische Bedeutung ist weit. Bei Haraway ist der Cyborg kein Ding, sondern eine Denkfigur: ein Wesen, dessen Existenz drei Trennungen unterläuft – zwischen Mensch und Tier, zwischen Organismus und Maschine, zwischen Materiellem und Immateriellem.

Aus dieser Figur zieht Haraway eine politische Folgerung. Wer keine ungeteilte Herkunft hat, kann sich nicht auf einen ursprünglichen Zustand berufen. Für den Feminismus ihrer Zeit bedeutete das: kein Rückgriff auf eine wesentliche Weiblichkeit.

In der Gegenwart hat der Begriff zwei getrennte Karrieren – eine medizinisch-technische und eine kulturtheoretische, die einander kaum berühren.

Begriffsgeschichte

Manfred Clynes und Nathan Kline prägten den Ausdruck 1960 in einem Aufsatz über bemannte Raumfahrt. Ihr Vorschlag: Statt für den Menschen eine irdische Umgebung mitzuführen, solle man ihn technisch so ergänzen, dass er der fremden Umgebung standhält.

Die Science-Fiction nahm den Begriff rasch auf; über Filme und Romane der 1970er und 1980er Jahre wurde er zum Bestandteil der Alltagssprache.

1985 veröffentlichte Haraway ihr Cyborg Manifesto in der Socialist Review. Der Text wendet die Figur gegen zwei Gegner zugleich: gegen einen Feminismus, der sich auf Natur beruft, und gegen eine Technikkritik, die in der Maschine nur Herrschaft sieht.

1991 erschien der Text in ihrem Sammelband Simians, Cyborgs, and Women und wurde zu einem der meistzitierten Aufsätze der Geisteswissenschaften.

In den 1990er Jahren entstand daraus eine eigene Forschungsrichtung, die den Begriff später an posthumanistische Ansätze abgab.

Methodische Grundlagen

Grenzverwischung. Die drei genannten Trennungen gelten als historisch gewachsen und nicht als vorgefunden – Haraways Kern.

Ironie als Verfahren. Der Manifest-Text arbeitet mit bewusster Uneindeutigkeit; er will keine Position begründen, sondern eine Figur verfügbar machen.

Ablehnung des Ursprungs. Der Cyborg hat keinen Garten Eden hinter sich. Damit entfällt die Erzählform des Sündenfalls, die Technikkritik häufig trägt.

Situiertes Wissen. Der spätere Grundbegriff Haraways, hier vorbereitet: Erkenntnis erfolgt immer von einem verkörperten Standpunkt aus.

Regelkreis statt Prothese. In der technischen Ursprungsbedeutung geht es nicht um Ersatzteile, sondern um die Einbindung technischer Bestandteile in die Selbstregulierung des Organismus.

Anwendungsfelder

Medizintechnik. Herzschrittmacher, Cochlea-Implantate, Tiefenhirnstimulation und angesteuerte Prothesen erfüllen die ursprüngliche Bestimmung.

Gehirn-Computer-Schnittstellen. Systeme, die neuronale Signale auslesen und in Steuerbefehle übersetzen, sind der derzeit sichtbarste Fall.

Kulturwissenschaft. Als Analysebegriff für die Darstellung technisch veränderter Körper in Literatur, Film und Kunst.

Feministische Theorie. Haraways Text gehört zum Kanon und wird bis heute als Ausgangspunkt für Auseinandersetzungen mit Naturbegriffen gelesen.

Behindertenbewegung. Ein Teil der Bewegung hat die Figur aufgenommen, ein anderer sie zurückgewiesen – siehe unten.

Kontroversen und Kritik

Verharmlosung von Technik. Der Haupteinwand gegen Haraway: Die Figur nimmt der Technikkritik ihre Schärfe, indem sie Verschmelzung feiert, wo Abhängigkeit entsteht.

Militärische Herkunft. Der Begriff stammt aus einem Forschungszusammenhang, der von Rüstung und Raumfahrt getragen wurde. Haraway benennt das ausdrücklich; Kritiker halten die Umdeutung dennoch für zu leicht.

Aneignung von Behinderungserfahrung. Menschen mit Prothesen oder Implantaten werden in der Theorie gern als lebende Belege angeführt. Aus der Behindertenbewegung kommt der Einwand, dass hier eine Alltagserfahrung zur Metapher gemacht wird, ohne die Betroffenen zu fragen.

Begriffliche Ausdehnung. Wenn jede Brillenträgerin ein Cyborg ist, verliert der Begriff seine Trennschärfe.

Veraltete Frontstellung. Der Text von 1985 richtet sich gegen einen Feminismus, der in dieser Form kaum noch vertreten wird. Was bleibt, ist eher die Denkfigur als das Argument.

Warum die Figur an heutigen Systemen scheitert

Der Cyborg war die passende Figur für eine Technik, die am Körper ansetzt – für Implantate, Prothesen, Schnittstellen. Auf die gegenwärtige Entwicklung passt sie schlechter, als ihre Beliebtheit vermuten lässt.

Der Grund liegt in der Art der Verbindung. Ein Cyborg entsteht durch Einbau: Etwas Technisches wird Teil eines Regelkreises, der zuvor organisch war. Die Grenze verschwimmt, weil sie durchbrochen wird.

Sprachmodelle verbinden sich nicht auf diese Weise. Sie sitzen nicht im Körper, sondern in Rechenzentren; die Verbindung läuft über Sprache und über Arbeitsabläufe. Wer den ganzen Tag mit einem Modell schreibt, hat keine technische Erweiterung seines Nervensystems, sondern ein verändertes Verhältnis zur eigenen Tätigkeit.

Das ist eine andere Art von Grenzverwischung, und sie betrifft nicht die Grenze des Körpers, sondern die der Urheberschaft. Wessen Gedanke ist ein Satz, der aus einem Vorschlag hervorging, den jemand angenommen und umgeschrieben hat?

Für diese Frage gibt Haraways Figur wenig her – nicht weil sie falsch wäre, sondern weil sie eine andere Grenze im Blick hatte. Die Denkbewegung bleibt brauchbar, das Bild nicht.

Verwandte Begriffe

Quellenangaben

  1. Clynes, Manfred E. / Kline, Nathan S. (1960): Cyborgs and Space. In: Astronautics, September 1960, S. 26–27 und 74–76.
  2. Haraway, Donna J. (1985): A Manifesto for Cyborgs: Science, Technology, and Socialist Feminism in the 1980s. In: Socialist Review 80, S. 65–108.
  3. Haraway, Donna J., 1991. Simians, Cyborgs, and Women: The Reinvention of Nature.

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Zuletzt bearbeitet: 10. August 2026

Zusammengestellt, formuliert, lektoriert und korrigiert mit KI-Unterstützung. Kuratiert von Nils Brauer. Alle Angaben ohne Gewähr.