„What We Owe the Future” ist ein am 16. August 2022 erschienenes Sachbuch des Oxford-Philosophen William MacAskill. Es legt die philosophische Grundlage für eine Denkrichtung, die die positive Gestaltung der fernen Zukunft als zentrale moralische Priorität der Gegenwart versteht.
Zusammenfassung
MacAskills erstes Buch, „Doing Good Better” (2015), begründete die praktische Seite des Effektiven Altruismus – Spendeneffizienz, Karrierewahl. „What We Owe the Future” liefert acht Jahre später das philosophische Fundament für dessen longtermistischen Zweig, den MacAskill selbst mitprägte, unter anderem als Mitgründer von 80.000 Hours und des Global Priorities Institute in Oxford.
Begriffsgeschichte
Das Buch positioniert Longtermism als konsequente Weiterentwicklung des Grundgedankens des Effektiven Altruismus: von „möglichst viel Gutes mit begrenzten Ressourcen” zu „möglichst viel Gutes über eine astronomisch lange Zeitspanne”. Es erschien zeitgleich mit einer Titelgeschichte im Time Magazine über die Bewegung und wurde umgehend New-York-Times-Bestseller.
Kernargumente
Das Buch entwickelt seine These in fünf Schritten. The Long View begründet Longtermism über drei Prämissen: Künftige Menschen zählen moralisch, die Menschheit könnte über gewaltige Zeiträume mit riesigen Populationen fortbestehen, und heutiges Handeln beeinflusst diese Zukunft real. Trajectory Changes beschreibt, wie moralische Werte sich über Jahrhunderte „einrasten” können – etwa durch dominante Ideologien.
Safeguarding Civilisation behandelt Risiken durch Aussterben, zivilisatorischen Kollaps und technologische Stagnation. Assessing the End of the World wendet sich bevölkerungsethischen Fragen zu, etwa dem moralischen Wert einer zusätzlichen glücklichen Person. Taking Action liefert schließlich konkrete Handlungsempfehlungen zu Priorisierung, Karrierewahl und Spendenverhalten.
Rezeption
Neben dem Bestseller-Status erhielt das Buch breite Medienpräsenz, darunter Rezensionen in der New York Times, im Wall Street Journal und im Guardian sowie ein Porträt im New Yorker. Elon Musk bezeichnete es öffentlich als „a close match for my philosophy”.
Kritische Stimmen fielen deutlich aus: Barton Swaim urteilte im Wall Street Journal, das Buch sei „replete with truisms” und stütze sich auf fragwürdige Analogien; Salon bezeichnete Longtermism als „quasi-religious worldview”.
Kontroversen und Kritik
Der prominenteste Kritiker ist Émile P. Torres, der Longtermism in mehreren Essays als „bizarre and dangerous ideology” bezeichnet, die westliche technologische Zivilisation zum Maßstab erhebe und Moral auf eine reine Rechenaufgabe reduziere.
Torres kritisiert insbesondere die Klimapolitik-Implikationen: Longtermistische Literatur zeichne die Klimakrise zu beschönigend, weil sie diese primär als Risiko für „Trajectory Change” statt als eigenständige Dringlichkeit behandle.
Ein weiterer wiederkehrender Einwand, unter anderem in der New Republic: MacAskills „moralische Buchhaltung” könne genutzt werden, um riskante Gegenwartsentscheidungen – etwa die Umlenkung von Klimaschutz-Mitteln zu spekulativer KI-Sicherheitsforschung – mit fernen, unsicheren Zukunftsgewinnen zu rechtfertigen. Die Debatte wird selbst kontrovers geführt: Andere Stimmen werfen Torres vor, Longtermism systematisch misszurepräsentieren.
Einordnung nach dem FTX-Kollaps
Das Buch erschien nur rund drei Monate vor dem Zusammenbruch von FTXs Future Fund im November 2022. Dessen Geldgeber war ein prominenter EA-naher Großspender; MacAskill hatte sich zuvor im 80.000-Hours-Podcast als „remarkably aligned with Sam” bezeichnet und das Future Fund als möglichen „enormous inflection point for EA” gelobt.
Nach dem Kollaps äußerte MacAskill öffentlich „utter rage at” Sam Bankman-Fried.
Rückblickend gilt der zeitliche Zufall als reputationsschädigend für die Bewegung – das Buch wird seither häufig im Kontext dieser Nachbetrachtung gelesen, nicht mehr rein als philosophisches Werk.
Verwandte Begriffe
- The Precipice – Toby Ords verwandtes Buch zu existenziellen Risiken
- Existenzielles Risiko – zentrales Themenfeld des Buches
- Peter Singer – philosophischer Ausgangspunkt der zugrunde liegenden Bewegung
- Global Priorities Institute – von MacAskill mitgegründete Forschungseinrichtung
Quellenangaben
- MacAskill, William, 2022. What We Owe the Future. Basic Books.
- Bajekal, Naina (2022): Want to Do More Good? This Movement Might Have the Answer. In: TIME, 22. August 2022.
- Torres, Émile P., 2023. Why Effective Altruism and “Longtermism” Are Toxic Ideologies. Current Affairs, 2023.
- Zaitchik, Alexander, 2022. The Heavy Price of Longtermism. New Republic, 2022.
- o. A., 2022. OK, WTF Is ‘Longtermism’, the Tech Elite Ideology That Led to the FTX Collapse? Vice, 2022.